Ästhetik als Leistungsbooster – „Schönes Design“ kann mehr als nur gut aussehen


Eine aktuelle Metaanalyse des Lehrstuhls für Arbeits- und Umweltpsychologie der Bergischen Universität Wuppertal (BUW) in Zusammenarbeit mit Forschenden der Universität Münster zeigt, dass ästhetisch gestaltete digitale Oberflächen nicht ablenken, sondern NutzerInnen messbar dabei unterstützen können, schneller und präziser zu arbeiten. Bisher galt Ästhetik bei der Entwicklung von digitalen Produkten wie Apps und Websites oft als „nice to have“. Die Analyse widerlegt dieses Vorurteil und liefert Empfehlungen für die Praxis und zukünftige Forschung gleich mit.

Wuppertal/Germany, 25. Juli 2026. – Es scheint sureal und doch ist es trivialer als man denken könnte. Was in den Augen eines betrachtenden als ästhetisch ansprechend gilt, wird in anderer Form genutzt als Dinge, zu denen man eine Distanz haben möchte, schon aufgrund des Designs. Design endet aber nicht an Äusserlichkeiten. Man denke nur an UX-Design, die Gestaltung der Bedienoberfläche von Embedded Systemen wie Smartphones, Wearables oder ähnlichem. Eine Metaanalyse, zuletzt erschienen im Journal „International Journal of Human-Computer Interaction“ zeigt, ästhetisch gestaltete digitale Anwendungen können auch die tatsächlich erbrachte Leistung oder das Verhalten der NutzerInnen bei der Interaktion mit einem System verbessern – etwa hinsichtlich Geschwindigkeit, Genauigkeit oder Effizienz. Die Nutzung interaktiver Designs entscheidend bereits in wenigen Sekunden über die weitere Verwendung.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Ästhetik keineswegs nur dekoratives Beiwerk ist“, sagt Studienautor Prof. Dr. Meinald Thielsch, der an der Bergischen Universität Wuppertal den Lehrstuhl für Arbeits- und Umweltpsychologie leitet. „Ansprechend gestaltete digitale Oberflächen können Menschen dabei unterstützen, Aufgaben erfolgreicher und effizienter zu bearbeiten.“

Für die Studie analysierte das Forschungsteam 31 Untersuchungen mit insgesamt 18.794 Teilnehmenden. Berücksichtigt wurden ausschließlich Studien, in denen die Unterschiede zwischen ästhetisch ansprechenden und weniger ansprechenden Designs tatsächlich von den Nutzenden wahrgenommen wurden. Die Ergebnisse zeigen insgesamt einen kleinen bis mittleren positiven Effekt von Ästhetik auf die Leistung – deutlich stärker als erstmals in einer früheren Analyse aus dem Jahr 2019 nachgewiesen.

„Gerade für Unternehmen und Organisationen liefert unsere Analyse wichtige Erkenntnisse“, sagt Marleen Schlamann, Psychologin und User Experience Consultant bei MAI eresult. „Investitionen in gutes Design verbessern nicht nur die Wahrnehmung digitaler Produkte, sondern können auch deren tatsächliche Nutzung unterstützen. Das ist bei entsprechend vielen Nutzenden einer digitalen Anwendung dann auch ein wirtschaftlich relevanter Faktor.“
Eine gezielte und evidenzbasierte Gestaltung kann nur eine Empfehlung sein, erklären die Forschenden. Die nächsten Stufen der weiteren Entwicklungen sind in der Mensch-Computer-Interaktion zu finden, für die solche Nutzungen zunehmend relevanter werden. Bislang wird hier noch vieles vernachlässigt, wie die AutorInnen zeigen.

Bei jedem technologischen Fortschritt sollte am Anfang der Nutzung die Frage stehen, werden eigene Fähigkeiten vernachlässigt, oder kann eine Entlastung an Stellen erreicht werden die bislang als Stressor gewirkt haben. Denn jede Beschleunigung bringt zunächst auch ggfl. angestauten Stress zutage, der im umgekehrten Fall wiederum, wenn Technik ausgelassen wird, stressend wirkt. Beides sind unterschiedliche Potenziale die in einem gesellschaftlichem Umfeld, Gruppen, Teams, im Handel, beim Einkauf für Spannungen sorgen können. Schon die Tatsache, wie die Metaanalyse zeigt, das gutes Design die Leistung fördert, macht deutlich, das hier ein Potenzial zur Beschleunigung in den Umlauf kommt.

Für die Metaanalyse durchsuchte das Forschungsteam systematisch die internationale Forschungsliteratur zum Zusammenhang von visueller Ästhetik und Leistung der NutzerInnen. Ausgangspunkt waren rund 40.000 potenziell relevante Veröffentlichungen, deren Auswahl unter anderem durch KI-gestützte Verfahren unterstützt wurde. In die finale Analyse aufgenommen wurden 31 Studien mit insgesamt 18.794 Teilnehmenden. Bewertet wurden unter anderem Bearbeitungsgeschwindigkeit, Genauigkeit und Effizienz bei der Nutzung digitaler Oberflächen. Zusätzlich analysierten die Forschenden verschiedene Einflussfaktoren, wie Art und Dauer der Interaktion, Messung von Ästhetik oder konkrete Gestaltungselemente wie Typografie.

Die Forschenden betonen jedoch auch, dass weiterer Forschungsbedarf besteht. Zwar bestätigt die Analyse den positiven Einfluss von Ästhetik auf die Leistung, zugleich zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Studien. Künftig brauche es daher noch präzisere und methodisch hochwertigere Untersuchungen, um besser zu verstehen, welche Einflussfaktoren besonders wirksam sind – und warum.

Einen Anfang macht das Team selbst, indem es zehn Einflussfaktoren identifiziert, die den Effekt von Ästhetik auf die Leistung erklären könnten und somit als Orientierung für zukünftige Studien dienen könnten.



Originalpublikation:

Schlamann, M., Nestler, S. & Thielsch, M. T. Attractive Things Do Work Better: A Meta-Analysis on Visual Aesthetics and User Performance. International Journal of Human-Computer Interaction. DOI: https://doi.org/10.1080/10447318.2026.2664081

Bildquelle
Wenn digitale Anwendungen ästhetisch gestaltet sind, kann das die Leistung ihrer NutzerInnen steigern. Quelle: Thai Noipho. Copyright: Colourbox.de / Thai Noipho

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