Die psychologische Wippe. Quelle: KI generiert. Copyright: Sebastian Moder, Universität Liechtenstein

Der Umgang belastenden Arbeitsbedingungen


Ein neues Forschungsprojekt der Universität Liechtenstein zeigt: Verschiedene Belastungen im Beruf verlangen jeweils eigene mentale Ressourcen. Die Forscher warnen jedoch: Unternehmen dürfen die Verantwortung für den Umgang mit Stress nicht allein auf die Psyche der Belegschaft abladen.

Vaduz/Lichtenstein, 22. Juli 2026. – Die Berichte in der öffentlichen Medienlandschaft über Belastungen am Arbeitsplatz erhöhen sich. Es sind nicht nur die wachsenden, teils schon rasanten Anforderungen, es ist auch eine veränderte Kundenlandschaft. Kunde sind auch eigene Kolleginnen oder Kollegen unterschiedlichster Abteilungen oder des eigenen Büros. Der größte Anteil aber dürfte in Handel liegen. Während ich mit meiner Persönlichkeit überschaubar bleibe wie ich bin, fragt jede Kundschaft aus ihren unterschiedlichsten Lebenswelten andere Interessen ab. In einer wachsend ausdifferenzierten Welt werden diese Ansprüche auch teilweise zu Herausforderungen. Menschen lassen sich nicht mehr einer bestimmten Gruppe zuordnen, sind höchst individuell, haben unterschiedliche Motive und bringen entsprechend Anforderungen mit sich. Spätestens dann wenn sich Belastungen von Mitarbeitenden an einer nachteiligen Gesundheitsentwicklung zeigt, ist bereits eine Grenze erreicht. Sport hebt das Belastungsnormativ und erhöht die Stresstoleranz. Gerade Ausdauertraining schaltet mit der Zeit die Wirkung von Belastungen oder Ansprüchen die von aussen einwirken nahezu aus. Dort wo die Psyche sich teilweise gedanklich mit anderen Menschen beschäftigt, dort wird das Gehirn über den Ausdauersport der Belastung angepasst. Sport ist eine Lösung, aber nicht jeder Mensch will oder kann dies als Massnahme dagegen setzen. Ganz abgesehen das Menschen auch dann motivierbar sein müssen, die Bewegungen möglichst meiden.

Ein Forschungsteam der Universität Liechtenstein hat untersucht, wie Menschen, Mitarbeitende psychische Belastungen des Alltags abfedern. Sebastian Moder, Marco Furtner von der Liechtenstein Business School veröffentlichten gemeinsam mit Alexandra Hoffmann die Studie im Fachjournal Acta Psychologica.

Das tägliche Erleben wirkt je nach Intensität und eigener Lebensumstände auf die Psyche. Daher besteht hier eine Wechselwirkung zwischen der Belastung und der Psyche. Die Forschenden setzen für ein Test 460 vollzeitbeschäftigte einer strengen Stressblastung aus. Es wurden vier Gruppen mit jeweils gezielter Belastung aufgestellt. Die Probandinnen und Probanden lösten dabei 10 Minuten in höchster Konzentration Gedächtnisaufgaben. Dazu gehörten, massiver Zeitdruck oder das bewältigen komplexer Denkaufgaben, emotional aufgeladene Bilder und das Lösen von Basisaufgaben.

Die Forschenden verglichen die Schutzwirkung der Psyche, die Dynamik im Gehirn mit der Funktion einer Wippe. Berufliche Anforderungen auf der einen Seite, auf der anderen die psychologischen Ressourcen. Dabei kamen die Forschenden zu dem Ergebnis, das nicht jede Ressource eine Antwort auf ein Problem liefern kann.

• Resilienz (innere Widerstandskraft) puffert komplexe Denkaufgaben und emotionale Belastungen ab. Zusammen mit Hoffnung und Optimismus blieb sie im Stresstest trotz Belastung erstaunlich stabil.

• Selbstwirksamkeit (das Vertrauen in das eigene Können) federt ebenfalls emotionale Belastungen ab. Doch diese Ressource ist anfällig: Die Experimente zeigen, dass hoher Zeitdruck und zu komplexe Aufgaben das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten kurzfristig schwächen.

• Achtsamkeit hilft Beschäftigten, schwierige Anforderungen eher als Entwicklungschance und weniger als Bedrohung zu sehen.

• Emotionale Anforderungen erwiesen sich im Experiment als grösste Hürde. Das ständige Regulieren von Gefühlen empfanden die Teilnehmer besonders häufig als reine Behinderung und sahen darin kaum Potenzial für persönliches Wachstum. Dennoch bleibt ein Training im Umgang mit Emotionen Potenzial der Emotionalen Intelligenz.

Nüchterne Realität setzen der Studie Grenzen

Im Labor kann untere den hießigen Bedingungen nur der kurzweilige Stress gemessen werden. Chronische Dauerbelastungen können nur durch Langzeitstudien gemessen werden und vorteilhafterweise unter Feldbedingungen. Denn im Labortest fehlt die reale soziale Dimension durch den beruflichen Ernstfall. Echtes „Emotional Labour“ des Arbeitsalltags, bei dem Beschäftigte im direkten Kundenkontakt ihre wahren Gefühle unterdrücken, sind weitaus komplexer als die Simulation durch Bilder des Bildschirms.

Das Forschungsteam warnt dennoch eindringlich vor einer sinngemässen Reparatur der Mitarbeitenden. Und richtet einen klaren Appell an das Praxisbezogene Kernthema „Verantwortung“. Unternehmen dürfen individuelle Resilienz respektive Achtsamkeit niemals als Ersatz für strukturelle Verbesserungen am Arbeitsplatz verwenden. Auffälligkeit sind lediglich ein Reiz um auf ein mögliches Problem in den Belastungen aufmerksam gemacht zu werden. In einem Team gilt die Orientierung in der möglichen Bewältigung der Belastungen nicht an demjenigen der mit Belastung am besten klar kommt, sondern am schwächsten Glied. Darauf zu schauen wer mit Belastungen am besten Umgeht ist ebenfalls eine Korrelation zum Team und beinhaltet daher meist eine tragfähige Lösung für das gesamte Team. Intuition steht nur für den Fall auf ein Problem aufmerksam zu werden, noch immer muss eine Art Beweis erfolgen. Es muss sich in Einzelfällen zeigen das der Grossteil in Teams das gleiche Problem hat oder eben nicht.

Das Forschungsteam fordert einen bewussten und verantwortungsvollen Umgang mit den psychosozialen Risiken und deren differenzierten Umgang.

• Bei Zeitdruck und kognitiver Last helfen realistische Arbeitsmengen, klare Prioritäten, gezielte Kompetenzentwicklung und konstruktives Leistungsfeedback, um die Selbstwirksamkeit der Mitarbeiter zu schützen.

• Kreativität hat ein hohes Motivationspotenzial, auch bei Menschen die glauben sie seien nicht kreativ. Denn Kreativität beinhaltet Freiheit – in psychologisches Grundbedürfnis. Um dennoch Ergebnisse zu erzielen kann es motivieren kleine, bewältigbare Ziele zu setzen die zu erledigen oder abzuarbeiten sind.

• Bei emotional belastender Arbeit braucht es im Betrieb konkrete Unterstützungsangebote, mehr Handlungsspielraum und Regeln, die den Mitarbeitern einen angemessenen, authentischen Gefühlsausdruck ermöglichen.



Das Fazit der Forscher:

Wer dem Stress im Unternehmen wirklich begegnen will, darf das Problem nicht einfach auf die Psyche der Mitarbeiter abwälzen. Verantwortungsbewusste Praxis heisst, die Arbeitsbelastungen systematisch zu kalibrieren und persönliche Weiterentwicklung immer mit besseren Arbeitsstrukturen zu verknüpfen.

Originalpublikation:
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0001691826012758?via%3Dihub

Bildquelle
Die psychologische Wippe. Quelle: KI generiert. Copyright: Sebastian Moder, Universität Liechtenstein

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