Wie stark profitiert ein Mensch von Bildung – und hängt das auch von der genetischen Veranlagung ab? Mit dieser Frage beschäftigt sich eine aktuelle Studie an der FernUniversität. Sie untersucht, ob zusätzliche Bildung auf Menschen mit unterschiedlicher genetischer Ausgangslage verschieden wirkt, die sogenannte Gen-Umwelt-Interaktion. Die im renommierten volkswirtschaftlichen Fachjournal The Economic Journal veröffentlichte Arbeit zeigt: Bildung und genetische Veranlagung wirken zusammen und die Effekte zusätzlicher Bildung lassen sich noch Jahrzehnte später in den kognitiven Fähigkeiten nachweisen.
Hagen/Germany, 20. Juli 2026 . Bis heute hält sich das Gerücht, so manche oder mancher sei dafür geschaffen klüger, intelligenter zu sein, für andere, weniger Klug. Die Bildungssysteme sind auf diesem System aufgebaut. Es wird früh selektiert und empfohlen. In der Tat ist es schon so, das die Zusammenstellung der individuellen und spezifischen Eigenschaften von Menschen, sofern sie den entwickelt werden dürfen und können, für bestimmte Aufgaben sehr gut geeignet scheinen, wie die nachfolgende Forschung zeigt. Den Eigenschaftsentwicklung sind genetischen Ursprungs. Ob man schwarze oder weise Haare haben wird, dunklere oder hellere Haut wird genetisch veranlagt. Selbiges liegt auch in tieferen Schichten vor wie bsw. die Veranlagung zur Sensorik oder Motorik eines Menschen. Die Art wie dieser sich einmal bewegen wird, Fussballerin oder Tänzer werden könnte. Zuhörende, Theoretiker oder Analysten. Diese Eigenschaften werden im Verlauf des Lebens zwangsläufig entfaltet. Können aber vor allem auch Hemmung und Kanalisierung erfahren.
Doch das Herausbilden der individuellen Eigenschaften von Menschen bedeutet immer auch, das auf anderer Seite Schwächen deutlicher werden. Schwächen zu zeigen, obwohl darin das Bindungspotenzial steckt, damit tut sich Gesellschaft noch immer schwer. Schwächen wären unproblematisch, weil die gegenseitige Abhängigkeit von Menschen an genau der Stelle, an diesen Schwächen sichtbar wird. Es ist der Kit der Menschen zusammen hält. Menschen sind nicht dafür vorgesehen alleine zu Leben. Das zeigt sich an den unterschiedlichen Bindungskräften, aber auch am unterschiedlichen Gewicht der Bindungen, die auf spezifische Eigenschaften von Menschen ansprechen.
Das Bildungssystem und damit auch alles weitere, was damit im Zusammenhang steht, bsw. die spätere berufliche Entwicklung und damit der Aufbau des eigenen sozialen Milieus ist auf dem System aufgebaut, wonach jemand der sozial benachteiligt ist, dies Zeit seines Lebens auch kaum mehr verändern können wird. Diese Annahme beruhte bislang darauf, das dies eine genetische Veranlagung sei. Die Forschung entkräftet das Argument nicht. Einmal veranlagte Intelligenz sei genetisch festgelegt aber genauso wenig. Vielmehr sei jemand mit der Eigenschaft Lernen zu können begünstigt, vermutlich aber abhängig vom jeweiligen Zeitgeist. Heute wird dahingehend schon deutlich unterschieden, wie Alexandra Wuttke-Linnemann von der Universitätsmedizin Mainz mit fluider und kristalliner Darstellung der Intelligenz zeigt (1).
Ohne in die Genetik einzugreifen, kann man als Grundlage zunächst die Darstellung des Psychoanalytikers Erik Erikson heranziehen. Erikson hatte entdeckt, es könne aus Sicht der biologischen Evolution gar nicht erwünscht sein, das Menschen perfekt entwickelt in die Welt geboren und aufwachsen würden. Denn Erikson hatte erkannt, die Taktung des inneren Wachstums, der Organe, der Abläufe müsse so genau sein, das es ein Zufall sei, wenn die gesamte somatische Exponiertheit sich exakt so entwickelt würde wie es später vorgesehen sei (2). Das gibt Spielraum sich Zeit seines Lebens entwickeln und entfalten zu können. Und weil es um die Entwicklung der Eigenmächtigkeit des Menschen geht, kann man an der Stelle noch hinzufügen, das die größte Chance der Veränderung zwischen den Generationen im Menschen zwischen dem Werden und Vergehen steht sagt der Philosoph Byung Chul-Han (3).
Nun hat sich gezeigt, das Bildung nicht ausschließlich einen genetischen Zusammenhang hat, sondern sich vorwiegend auf die sozialen Umstände, Milieus, in denen Menschen aufwachsen, entwickeln. Dabei geht es darum das Umstände einem Menschen förderlich sind oder kontraproduktiv wirken. Das kann den sozialen Aspekt meinen, den Familiären, das Angebot vor Ort das eine mögliche Entfaltung begünstigt oder nicht, die sozialen Milieus. Nicht zu vergessen sind individuelle Eigenschaften wie bsw. das jemand besonders stark Wettbewerbsfähig ist, ein intensives Durchsetzungsvermögen hat, oder andere stark sozial veranlagt sind, den Aspekt der Gleichheit und Gerechtigkeitsarithmetik ihr Eigen nennen. Hier findet gegenwärtig auch eine starke Veränderung statt. Narrative stehen im Vordergrund. Menschen suchen sich ihre sozialen Milieus. Organisationen suchen sich die richtigen Menschen um ihre Ziele umzusetzen (4).
Um den möglichen Zusammenhang zwischen Genetik und Bildung zu ermitteln, hat ein Forschungsteam um Matthias Westphal die kognitive Fähigkeiten im höheren Lebensalter analysiert. Dabei insbesondere das Gedächtnis untersucht. Diese wurden mithilfe eines Wort-Erinnerungstests gemessen: Teilnehmende sollten sich zehn Alltagswörter merken und unmittelbar sowie nach fünf Minuten erneut wiedergeben. „Damit wollten wir der Frage nachgehen: Was ist der kausale Effekt von Bildung bei 70- bis 80-Jährigen?“, erläutert Prof. Matthias Westphal. Westphal leitet den Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftspolitik, und hat gemeinsam mit Johannes Hollenbach sowie Prof. Dr. Hendrik Schmitz vom RWI – Leibniz Institut für Wirtschaftsforschung und der Universität Paderborn geforscht.
Schulreform als Quasi-Experiment
Um kausale Effekte zu erkennen benötigt es immer einen Fixpunkt. Die forschenden nutzen einen solchen der durch die Bildungsreform 1947 in England erfolgt war. Durch die Reform mussten Jugendliche die Schule um ein Jahr verlängern. „Bildung zu randomisieren wäre unethisch und sehr teuer“, sagt Westphal. Der Vorteil der Reform liegt darin, dass Personen die kurz vor und kurz nach dem Einführungsstichtag geboren wurden, in vielerlei Hinsicht vergleichbar sein sollten. Dies gilt nicht nur für beobachtbare Merkmale wie z.B. das Geschlecht oder familiäre Lebensumstände, sondern auch für nicht direkt beobachtete Faktoren, wie Bildungsaspiration oder Motivation.
Bildung wirkt unterschiedlich stark
Die Ergebnisse zeigen deutliche Unterschiede: Der Nutzen zusätzlicher Bildung hängt von der genetischen Veranlagung ab. „Es gibt eine starke Interaktion: Der Bildungseffekt ist umso größer, je leichter es Menschen aufgrund ihrer genetischen Ausstattung fällt zu lernen“, sagt Westphal. Dazu wurden die Personen fünf gleichgroße Gruppen mit einer unterschiedlichen genetischen Bildungsveranlagung eingeteilt, bei Personen mit niedriger Veranlagung sind die Effekte schwächer, mit steigender genetischer Veranlagung nehmen sie zu. „Der kausale Effekt von Bildung wächst um etwa ein halbes Wort im Erinnerungsvermögen pro Stufe – in der höchsten Gruppe werden bis zu zwei Wörter mehr erinnert“, beschreibt Westphal.
Gleichzeitig betonen die Forschenden, dass genetische Unterschiede keine festen Grenzen setzen. „Die Entscheidung für Bildung kann durch die genetische Ausstattung beeinflusst werden. Trotzdem kann man auch mit ungünstiger genetischer Ausgangslage Professor werden“, so Westphal. Begünstigt ist die Individuelle genetische Zusammenstellung zur Erfüllung bestimmter Lebensinhalte. Diese passen nicht immer in den aktuellen Zeitgeist. Man denke dabei nur an die Situation, das in den Nachkriegsjahren in Wirtschaftswunder entstand und zur Folge hatte, das man sich auf die Entfaltung dieser Schwerpunkte konzentrierte, was Fromm als das „Haben-wollen-Prinzip“ – besitzen wollen, bezeichnete. Während wir in den kommenden Generationen in ein Sharingzeitalter vorstossen, bei dem die Entwicklung des individuellen Seins im Vordergrund stehen wird und ganz andere Merkmale und Eigenschaften von Menschen anspricht. Die genetische Veranlagung von Menschen kann für dies Umstände damit deutlich vorteilhafter sein, wie Veranlagungen von Menschen für den jetzt aktuellen Fall erforderlich sind.
Pflegeberufe bsw. sind schon aufgrund ihrer schweren Arbeit und nachteiligen Bezahlung wenig Attraktiv. Verschlechtern sich die gesundheitlichen Aspekte aber massgeblich und das Leiden der Bevölkerung erhöht sich, dann erfahren diese Berufe plötzlich eine Umkehr. Menschen mit Eigenschaften die sich dafür eignen sind dann plötzlich attraktiv. Hinzu käme der Effekt der Wertigkeit. Ein gutes Gehalt ist immer gewünscht und nachweislich ein Motivator (5). Der Schwerpunkt in der Zukunft liegt aber wohl eher in der Lebensqualität und dessen Erhalt. Darauf weisen die anstehenden und aktuellen Krisen hin. Und gerade hier zeigt sich die Digitalisierung auf einem der höchsten Entwicklungsstände, was Bildung über die eigentlichen Qualifikationen hinaus anspruchsvoll macht.
Übliche Methoden unterschätzen den Effekt
Ein weiteres Ergebnis betrifft die statistische Auswertung. Häufig verwendete Methoden unterschätzen den Zusammenhang zwischen genetischer Veranlagung und Bildung, wenn Bildung nicht für alle gleich wirkt. Die Forschenden nutzten daher ein alternatives Verfahren, das diese Unterschiede berücksichtigt. „Methodisch ist es uns gelungen, den Interaktionseffekt kausal zu isolieren – ohne das klassische Äpfel-Birnen-Problem, zwischen unterschiedlichen Vergleichsgruppen“, erläutert Westphal.
Bildung ist in den Generationen seit der 2000er Wende dadurch begünstigt, das die Vielfalt der Medienlandschaft gewachsen ist. Es gibt tausende Erklärvideos auf Plattformen. Und nur in oder zwei eignen sich für mich um diese korrekt zu verstehen. Das zeigt sich speziell beim Aufstieg des Mathematik-für-Millionen-Stars Daniel Jung. Andere wiederum lesen gerne. Beim Lernen und Bildung spielt auch der individuelle Typus eine grosse Rolle. Manche mögen keine spiessigen Menschen, manche lieben Laissezz-faire. Die Vielfalt der Bildungslandschaft ist dadurch robust geworden, das individuell für jeden etwas da ist und damit Vergleichbarkeiten in kleinerem Umfeld möglich geworden sind.
Langfristige Folgen für das Altern
Die Ergebnisse liefern auch neue Hinweise zum kognitiven Abbau im Alter. „Ist kognitiver Abbau ein Naturgesetz oder kann ein bestimmter Lebensverlauf dagegenwirken?“, formuliert Westphal. Die Studie deutet darauf hin, dass Bildungsentscheidungen langfristige Konsequenzen haben – und dass diese von individuellen Voraussetzungen abhängen. Grundlage der Analyse war ein umfangreicher Datensatz mit genetischen Informationen sowie Angaben zu Bildung, Lebenssituation und weiteren Faktoren.
Lernen bedeutet in erste Linie Konditionieren! Der Mensch ist und lernt immer. Wie zielstrebig dieser aber lernt, das hängt von seiner Kultivierung ab. Die Konditionierungsfähigkeit aber erlaubt es, das für bestimmte Zwecke unter bestimmten Umständen Zielstrebiges Lernen kultiviert werden kann. Vielleicht sogar empfehlenswert ist.
Originalpublikation:
https://academic.oup.com/ej/advance-article-abstract/doi/10.1093/ej/ueag010/8439…
1 Fluide und Kristalline Intelligenz
https://www.youtube.com/shorts/Fse6m9Kr55M
2 Erikson, Erik Homburger; Der vollständige Lebenszyklus; 11. Auflage 2020, 1. Auflage 1988; Suhrkamp Taschenbuch Verlag
3 Han, Byung-Chul; Was ist Macht? Reclam Verlag Ditzingen, 2019
4 wie Narrative unsere Wirklichkeit prägen und wann sie an ihre Grenzen stoßen, 2025
http://de.gate-communications.com/wie-narrative-unsere-wirklichkeit-praegen-und-wann-sie-an-ihre-grenzen-stossen/
5 Wann man sich besser trennt oder verbindet, finanzielle Anreize als Motiv, 2025
http://de.gate-communications.com/wann-man-sich-besser-trennt-oder-verbindet-finanzielle-anreize-als-motiv/
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