Deutschlands soziales Gefüge ist in den letzten Jahren schwächer geworden, ausgefranst durch globale Krisen und wachsendes Misstrauen gegenüber öffentlichen Institutionen. Könnte Religion jedoch ein Werkzeug für seine Erholung sein? Neue Erkenntnisse aus dem Religionsmonitor 2026, einer empirischen Studie der Bertelsmann Stiftung, mitverfasst von Klaus Boehnke, Professor für Sozialwissenschaftliche Methodenlehre, ergaben, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland nach einem Tiefstand 2023 infolge der Corona-Pandemie Anzeichen einer Erholung zeigt und dass Religion bei der Stärkung sozialer Netze eine Rolle spielen könnte, wenn auch mit einigen wichtigen Einschränkungen.
Bremen/Germany, 29. Oktober 2026. – Gesellschaftlicher Zusammenhalt beschreibt, wie stark sich Menschen miteinander und mit der Gesellschaft, der sie angehören, verbunden fühlen. Die Bertelsmann-Studien haben den Gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland und anderen Ländern seit 2017 empirisch erfasst, wobei ein umfragebasiertes Instrument verwendet wurde, um neun Dimensionen des Gesellschaftlichen Zusammenhalts in drei Kernbereichen zu bewerten: soziale Beziehungen, Verbundenheit mit dem Gemeinwesen und Gemeinwohlorientierung.
Neben dem Blick auf den Moment und dem Zustand einer Gesellschaft muss man sich auch vor Augen halten, das Gesellschaft einem Wandel, einer Wechselwirkung unterliegt. Damit wird der Zustand einer von vielen auf einen großen Zeitbogen betrachtet. Aus dieser Perspektive betrachtet würde man durchaus erkennen können das sich Gesellschaftliche Entwicklung wehenartig mal engmaschiger, mal distanzierter verhält. Auflehnung gegen Staat oder so etwas wie Obrigkeit ist dahingehend als etwas positives zu betrachten, weil es eine emanzipatorische Entwicklung und damit Gesundung einzelner in der Masse bedeutet. Menschen setzen sich zur Wehr wenn aus ihrer Perspektive eine Grenze überschritten wurde. Umgekehrt ist weder Staat noch die Gesellschaft selbst, immer ausreichend stabil um konsequent an Zielsetzungen festhalten zu können oder muss Motive hinterfragen. Vor nicht allzulanger Zeit galten Abgeordnete als Repräsentanten der Gesellschaft. Gesellschaft hat sich aber entsprechend verändert und an die Zeitenwende angepasst, so das Politik nicht immer genau das abbildet was vom Volk für wünschenswert gehalten wird. Zu solchen Anpassungsleistungen gehört auch ein Ausdifferenzieren der Gesellschaft. Es entstehen immer kleinere Gruppen und Bündnisse mit kleineren Abweichungen ihrer Narrative.
Spalten wird sich eine Gesellschaft in ihrer Auffassung über Religion und ihre Erfordernis dann wenn Zeiten besonders herausfordernd sind. Ein Teil wendet sich dem Glauben mehr zu, andere hingegen eher davon ab. Und dann ist da noch der laufende Prozess einer Säkularisierung. Säkularisierung hat sich früher dadurch gezeigt das Einrichtungen der Kirche an den Staat veräussert wurden. Symbolisch hatte dies die Bedeutung einer Verweltlichung. Heute zeigt sich diese Säkularisierung darin deutlicher das eine Vorstellung von Glauben und Gott zunehmend in den Menschen übergeht. Und so sehr Menschen davon ausgehen möchten sie seien ohne Glauben, wollten keinen Bezug zu einer Vorstellung von Gott oder Religion. In den Anfängen der Religion war es der Mensch, der ein tiefes Bedürfnis nach einer spirituellen Vorstellung hatte und Rituale ins das gesellschaftliche Leben brachte. Religion ist geschichtlich so stark im Menschen verankert, das dies auch gegen eine Form des freien Willens Teil seiner Identität, oder wie der Konfliktforscher Shapiro beschreiben würde, Teil eines Stammesdenkens ist. Menschen fühlen sich im tiefsten inneren zu etwas hingezogen, zu einer Gesellschaft zugehörig. Und diese wird immer wieder, in Wechselwirkung hinterfragt und neu aufgewühlt.
Vertrauen und Misstrauen gegen Staat oder bislang noch höher gestellte Menschen geht immer noch mit einer wichtigen Funktion einher. Aus ihr zeigt sich und entwächst Eigenverantwortung. Das erste mal erlebt man das gewöhnlich als Kind gegenüber einer Enttäuschung der Eltern oder Erziehungsberechtigten. Die zweite Phase eines Kindes ist die der Autonomie. Von hier entwachsen nach und nach Momente im Leben in denen man sich enttäuscht zeigt und das eigene Weltbild ins Wanken gerät. Muss man sich doch jetzt auf sich selbst verlassen! Das zeigt, der Mensch ist geboren die Herrschaft über sich selbst finden zu dürfen. Vor diesem Hintergrund auch Religion zu hinterfragen und dadurch ein neues Bild im Glauben zu empfangen führt wiederum dazu Gesellschaftlichen Zusammenhalt zu binden, von neuem zu verbinden!
Die aktuelle Repräsentativbefragung unter mehr als 5.000 Erwachsenen in Deutschland ergab einen Gesamtwert von 51 Punkten auf einer Skala von 0–100 für den Gesellschaftlichen Zusammenhalt. Dies stellte eine Verbesserung gegenüber einem früheren Tiefstand von 46 Punkten im Jahr 2023 dar, liegt aber immer noch deutlich unter den 55 Punkten, die 2020 erzielt wurden.
Obwohl es in den neuesten Daten positive Anzeichen gibt, warnt Prof. Boehnke davor, diese Zahlen als eindeutige Erholung zu interpretieren. „Ich sehe den Wert von 51 nicht so sehr als Erholung, sondern als Hinweis darauf, dass der Gesellschaftliche Zusammenhalt möglicherweise immer noch einem milden, aber beunruhigenden Abwärtstrend im Vergleich zu den Werten vor der Pandemie folgt“, sagt Prof. Boehnke. „COVID-19 war ein Jahrhundertereignis, das fast jeden Aspekt des sozialen Lebens, einschließlich des Gesellschaftlichen Zusammenhalts, beeinträchtigt hat. Die Tatsache, dass der Index seit 2023 gestiegen ist, bedeutet nicht unbedingt, dass der längerfristige Rückgang umgekehrt wurde.“
Diese These wird durch die ungleichmäßige Erholung über die verschiedenen Indikatoren des Gesellschaftlichen Zusammenhalts hinweg gestützt. Während sich die Werte in den Bereichen soziale Beziehungen und Gemeinwohlorientierung verbessert haben, stagnierten die Werte im Bereich Verbundenheit mit dem Gemeinwesen bei 44 Punkten, wobei die Einzelwerte für das Vertrauen in Institutionen und das Gerechtigkeitsempfinden bei gefährlich niedrigen 37 bzw. 25 Punkten liegen.
Prof. Boehnke vermutet, dass diese gegenläufigen Trends nicht völlig zufällig zustande kommen, sondern stattdessen auf eine Verschiebung hin zu einer stärkeren Abhängigkeit von persönlichen Beziehungen in einer Zeit hindeuten könnten, in der das Vertrauen in öffentliche Institutionen besonders schwach ist: „Wenn Menschen das Gefühl haben, dass sie ihrer Regierung und anderen gesellschaftlichen Institutionen nicht vertrauen oder sich nicht auf sie verlassen können, wenden sie sich möglicherweise stattdessen an ihre Nachbar/Innen, Kolleg/Innen und Freund/Innen, um Sicherheit zu suchen und anzubieten“.
Religion als sozialer Kitt
Die Studie untersuchte insbesondere die Beziehung zwischen Religion und Gesellschaftlichem Zusammenhalt und stellte fest, dass „insgesamt Religiosität eine positive und… relevante Rolle für den Gesellschaftlichen Zusammenhalt spielt“. Im Durchschnitt erlebten Befragte mit mittelhoher Religiosität einen stärkeren Gesellschaftlichen Zusammenhalt als Menschen, die angaben, weniger oder gar nicht religiös zu sein. Dies deutet darauf hin, dass religiöse Gemeinschaften möglicherweise weiterhin eine wichtige Rolle bei der Förderung sozialer Beziehungen, gegenseitiger Unterstützungssysteme und des freiwilligen Engagements für das Gemeinwesen spielen.
Dieses Ergebnis spiegelt jedoch nicht einheitlich die Befunde über alle religiösen Gruppen hinweg wider. Unter muslimischen Befragten ging ein höheres Maß an Religiosität zwar mit stärkeren sozialen Beziehungen sowie einer stärkeren Gemeinwohlorientierung einher, war jedoch gleichzeitig mit geringerem Vertrauen in öffentliche Institutionen und einer weniger ausgeprägten Identifikation mit dem Gemeinwesen korreliert. Während der Bericht keine definitiven Schlussfolgerungen formuliert, weist er auf eine Reihe möglicher Erklärungen hin, darunter muslimische Erfahrungen von Diskriminierung und Marginalisierung sowie Selbstabschottung innerhalb religiöser oder kultureller Gemeinschaften, die zu verminderter Integration in die breitere deutsche Gesellschaft führt.
Prof. Boehnke sieht die Ergebnisse als Gelegenheit für alle Deutschen, ihre Annahmen über die Erfahrungen von Minderheiten zu hinterfragen und eine inklusive und unterstützende Gesellschaft zu fördern, in der alle willkommen sind: „Die Ergebnisse sollten diejenigen von uns in der Mehrheitsgesellschaft dazu ermutigen, darüber nachzudenken, ob allen Gemeinschaften gleiche Chancen gegeben werden, sich anerkannt, repräsentiert und verbunden zu fühlen. Ausgrenzung und Marginalisierung schwächen den Gesellschaftlichen Zusammenhalt, unabhängig davon, welche Gruppe sie erfährt. Die Gleichbehandlung religiöser und nichtreligiöser Gruppen ist daher von zentraler Bedeutung.“
Das Potenzial religiöser Gemeinschaften liegt laut Boehnke darin, ihre Rolle als Akteur/Innen des Gesellschaftlichen Zusammenhalts zu nutzen, indem sie Verbindungen aufbauen, die soziale und kulturelle Grenzen überspannen. „Was unsere Gesellschaft braucht, ist brückenbildendes Sozialkapital: Beziehungen, die Menschen über Unterschiede hinweg verbinden“, sagt er. „In der modernen Gesellschaft glaube ich, dass religiöse Gemeinschaften dazu beitragen können, indem sie ihre Aktivitäten für Menschen aus allen Lebensbereichen offenhalten. Dies könnte die Grundlage für mehr Gesellschaftlichen Zusammenhalt schaffen, der auf einem inklusiven Ansatz zur gegenseitigen Unterstützung basiert.“
Das soziale Gefüge kitten
Auf Grundlage der aktuellen Ergebnisse formuliert der Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung drei Prioritätsbereiche zur Verbesserung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Um das schwindende Vertrauen in staatliche Institutionen anzugehen, empfiehlt er konzertierte Bemühungen zur Stärkung der Bürgerbeteiligung und zur größeren Transparenz des politischen Handelns. Mit Verweis auf die wachsende Bedeutung sozialer Beziehungen bzw. der Gemeinwohlorientierung wird die Investition in soziale Räume gefordert, in denen Menschen aus unterschiedlichen Lebenszusammenhängen sich engagieren können. Schließlich befürwortet der Bericht Maßnahmen zur Verbesserung der strukturellen und symbolischen Anerkennung religiöser Vielfalt sowie zur größeren Repräsentation religiöser Minderheitengruppen in der Zivilgesellschaft.
„Anstatt anzunehmen, dass sich der Gesellschaftliche Zusammenhalt einfach mit der Zeit erholen wird, müssen wir in Fairness und Vertrauen in die Regierung investieren“, sagt Prof. Boehnke. „Das bedeutet, Transparenz zu erhöhen und soziale Ungleichheit anzugehen.“
Originalpublikation:
https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/gesellschaftlicher-zusammenhalt-und-die-rolle-von-religion
Religionsmonitor 2026 (DOI 10.11586/2026131)
Bildquelle
Professor Klaus Boehnke ist Mitautor des ReligionsMonitor 2026, der den Gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland und die Rolle der Religion darin empirisch untersuchte. Quelle: Constructor University
Der Newsletter erscheint einmal pro Woche Freitags mit allen Inhalten der Woche


