Napoleon Bonaparte und Bernardo O’Higgins: zwei militärische Führer des 19. Jahrhunderts, die bis heute in ihren Heimatländern Frankreich und Chile bekannt sind. Doch während Napoleons Name und Taten auf der ganzen Welt bekannt sind, bleibt O’Higgins außerhalb seiner Heimat weitgehend unbekannt. Dieses Phänomen demonstriert die Unterscheidung zwischen globalem und lokalem kollektivem Gedächtnis – dem geteilten Wissen über die Vergangenheit, das Gruppenidentität prägt – und es ist das Thema neu veröffentlichter Forschung von Professor Dr. Mariana Macedo der Constructor University zusammen mit Dr. Melanie Oyarzun, Professor Dr. Cristian Candia und Professor Dr. César A. Hidalgo.
Bremen/Germany, 26. Oktober 2026. – Noch zu Lebzeiten hatte Abraham Maslow, der sich mit seiner Bedürfnispyramide einen Namen gemacht hatte, notiert, dass die Bedürfnisse, die man bei Wohlstand und Wachstum hat, noch zu wenig erforscht seien. Dennoch konnte er feststellen, dass Anerkennung – die unterste Ebene im Wohlstand – etwas ist, das man nicht kaufen kann. Anerkennung erreicht ein Mensch dann, wenn es gelingt, etwas auf Dauer Angelegtes auf mindestens dem gleichen Niveau zu halten, besser noch zu steigern. Was wiederum erklärt, weshalb es sich hierbei auch um ein Wachstumsbedürfnis handelt.
Dabei verhält sich die Macht allerdings umgekehrt proportional. Sie kehrt sich um. So ist das Leben und seine Bedürfnisse in der Weise angelegt, dass Defizite ausgeglichen werden können. Wer demnach genug hat, wirkt und wirtschaftet derart, dass ein Ausgleichsbestreben stattfindet. Damit wird offensichtlich, dass der Anteil der Macht bei der Erfüllung von Grund- und Defizitbedürfnissen liegt. Wer wirklich ganz „oben“ angekommen ist, der wird sich auch genauso verhalten. Ein Mensch der diesen Status erreicht hat, der wird erkannt haben, das er unter Einwirkung seiner Möglichkeiten die grundsätzlichen Probleme dieser Welt verbessern, verändern kann. Er wird dies auch wollen!
Alle anderen werden auf dem Weg dorthin alle möglichen Versuche unternehmen, meist die eigene spezielle Vorliebe, abhängig vom Mangel des unzureichend ausgebildeten Charakters, zu unternehmen, zu erreichen was sie nicht kennen. Das Bestreben nach Macht, Überleben und Anpassung.
| Transzendenz |
| Selbstverwirklichung |
| Soziale Anerkennung |
| Soziale Beziehung |
| Sicherheit |
| Biologische & Psychologische Bedürfnisse |
Beschreibung: Die drei unteren Bedürfnisse bezeichnet man als Defizitbedürfnisse. Diese müssen ständig bedient werden. Angefangen von der täglichen Nahrung, über die Bedürfnisse nach Sicherheit bis hin zur sozial, gesellschaftlichen Ausweitung.
Wachstums- und Wohlstandsbedürfnisse sind Bedürfnisse nach Anerkennung, sich selbst zu verwirklichen und Transzendenz, sind Massnahmen zur Anpassung und das Bestreben sich über das eigene Leben hinaus einen Namen zu machen. Was gewöhnlich mit dem Gedanken zur Unsterblichkeit in Zusammenhang gestellt ist.
Das höchste Ziel daher – Charakterausbildung!
Während Menschen, die oberhalb dieser gedachten Grenze liegen, sich bislang unwissend zum dienenden dieser Mächte machen. Ein Wandel, ein Krieg, den man gerade in der Welt betrachten kann. Anerkennung, Selbstverwirklichung und zuletzt hatte Maslow die Bedürfnispyramide um die Transzendenz erweitert. Damit schien er einen Teil dessen anzuerkennen, was ein Streitpunkt zwischen Sigmund Freud und Maslow gewesen war. Transzendenz beschreibt eine Zeit des Übergangs in ein neues Leben, also Vererbung, neue Generation. Sind die Bedürfnisse des Menschen durchlebt, starten sie – betrachtet man sie wirklich aus volkswirtschaftlicher Sicht und damit einem Kollektiv – von Neuem auf höherem Niveau, einem neuen Novum.
Ein Mensch, der Hunger hat, der wird nach Nahrung suchen. Solange er keine Nahrung findet, wird der gesamte Körper zur Nahrungssuche. Die Gedanken fokussieren sich, Hemmschwellen werden überwunden, wo zuvor welche waren. Maslow beschreibt dazu sinngemäss: Es ist nicht der Magen, der Hunger hat, der Körper oder ein anderes Teil am Körper. Der Körper wird zu einem Gesamtobjekt, das nach Nahrung sucht. Die Macht des Überleben wollens.
Was wird also ein Mensch tun, der nach Anerkennung sucht? Anerkennung ist zum Überleben in der eigenen Generation nicht unbedingt erforderlich. Doch sein ausbleiben würde den Menschen genauso innerlich zerfressen, würde man nicht ein geliebt sein empfinden. Anerkennung ist Teil der Anpassung an ein neues System. Ein Mensch der Anerkennungsbestreben hat, wird die Möglichkeiten nutzen, die es jeweils gibt. Bspw. wird man heute Produkte kaufen, von denen man glaubt, sie brächten Anerkennung. Man wird nach Likes und Followern suchen. Man wird eine Leistung vollbringen, von der man glaubt, sie brächte Anerkennung. Doch wird man nur so lange durchhalten, solange es Menschen gibt, die einem Anerkennung zollen. Damit das ganze auch ausreichend kompliziert wird, spielt dem noch dazu die Unterscheidung in der Reife. Ein Produkt das ich mir nur kaufen kann weil ich ausreichend finanzielle Mittel habe, wird zum Ausdruck des Status den ich mir erarbeitet hatte. Im Sein aber kann ich einem Produkt keinen für mich existenziellen Nutzen abgewinnen. Es wird Mittel zum Zweck. Ich benötige das Produkt um mein Ziel – Charakter zu entwickeln – zu erreichen. Das Verständnis dazu, das begreifen dieser Verhältnisse liefert mir meine jeweilige menschliche Reife.
Diese zwei Darstellungen zeigen, dass jedes Element unterschiedliche Mächtigkeit hat. Und dass diese Mächtigkeiten offensichtlich einen Platz im Universum haben.
Eine andere Möglichkeit für Anerkennung ist die, Dinge zu tun, die in unserem Zeitgeist «Social-Media-Likes» oder «Follower» bringen. Schon darin zeigt sich, dass man sich selbst zum Objekt, zum dienenden Menschen nach Anerkennung macht, auf der untersten Ebene.
Autorität, moralische Autorität als höchste Instanz von Autorität bedeutet die Fähigkeit, zu jedem Zeitpunkt Ordnung zwischen den Einzelmächtigkeiten herstellen zu können. Das System zeigt: In Wohlstand und Wachstum kann man nur kommen, wenn man sich auf Dauer bildet. Nun leben wir heute in einer Zeit, in der wir durch Social Media von Wissen geflutet werden. Jeder Mensch hat die Chance, sich genauso zu entwickeln und zu können, zu hören, zu lesen oder anderweitig das aufzunehmen, wie man es versteht. Damit setzt man auch den von dieser Transformation betroffenen Mangel der Bildungsinstitute ausser Kraft.
Diese Entwicklung braucht sicherlich ihre Zeit. Und genau das macht ihr Wachstum aus, das auf Dauer angelegt ist, und zu dem, geht man nach den Grundsätzen von Gerechtigkeit, jedem Menschen bis zu einem bestimmten Niveau frei zugänglich werden wird.
Will man aber nicht warten, bis sich die Dinge fügen, bis sich ein Mensch, bis sich ein Volk entwickelt hat, dem fehlt es an entsprechender charakterlicher Bildung und Reeife. So bspw. an Demut, Beharrlichkeit, Langmut. Darum geht es bei Bedürfnissen. Auch hier beschreibt Maslow sinngemäss: Zu den höchsten Zielen im Leben gehört die Herausbildung von Charakteren. An das werden sich Menschen erinnern, wenn sie einmal nicht mehr sind. Man kann sie beschreiben, bestimmte Charaktere.
Über Napoleon wird man sagen, er war unter anderem durchsetzungsstark. Man wird sagen, er konnte schlecht mit Menschen, weil sein ganzes Wesen zu einer Gier nach Macht wurde. Alle anderen charakterlichen Eigenschaften wird man nicht deuten können, weil sie nicht weiterentwickelt wurden. Die Nachwelt wird aber gelernt haben was man unter Durchsetzung versteht. Das Durchsetzung damit gekoppelt ist, sich auf das Niveau von Bedürftigen Menschen herabzusetzen, das wird man nur über einen sehr langen Zeitraum lernen können und als ein weiterentwickelten Teil von Demokratie lernen. Durchsetzung durch Gewalt ist das Erbe das Napoleon der Nachwelt zu verstehen gab.
Will man dennoch Anerkennung erreichen, ohne auf die eigene menschliche Reife warten zu wollen, wird man Gewalt anwenden müssen. Gewalt ist bis heute ein Gedankenspiel, das gerade in dieser Zeit von Menschen als Machtmittel genutzt wird, um die eigenen Interessen durchzusetzen. Hannah Arendt beschrieb hierzu: Wer Gewalt anwenden muss, hat bereits an Macht verloren! Wie man aktuell in den Nachrichten zu verfolgen kann, ist dieses System gegenwärtig am Brechen.
Was also unterscheidet die beiden Herren – Napoleon und O’Higgins? Mutmasslich die Gewaltbereitschaft, ein Volk und andere Staaten in die Knie zu zwingen, zu unterwerfen. Warum? Weil Demokratie die Macht aus dem Volk hervorhebt. „Über Zeit und Macht“ wie Christopher Clark beschreibt, ist dieses Form der Durchsetzung seit ihrer Entstehung, seit der Antike, ca. 500 v. Chr. nicht mehr und weniger als die Konsequente Umsetzung zwischen den beiden Eckpfeilern Staat und Volk. Individuum im Volk.
Heute steht dem gesamten System, anders als damals, die gesamte digitale Infrastruktur gegenüber. Ein neuer Raum der die Macht weiträumig verteilt. Erstmalig in der Welt hat diese Welt die Möglichkeit, zu jedem Zeitpunkt auf jeden beliebigen Ort dieser Welt zuzugreifen, wo man zuvor hätte Mittel aufwenden müssen, um zu reisen. Ganz abgesehen von der Kenntnis, wo sich heute Menschen befinden. Heute besteht die grosse Chance, der Welt ein Ordnungssystem zu geben, das sich vom bisherigen ganz unterscheidet.
Die Grenzen zwischen lokalität und Globalität verschwimmen. Suchen sich neue Wege. Kommen dort an, wo sie gebraucht werden. Die Forschung der Ethnologie beschreibt diese Verschiebungen über globale Grenzen hinweg. Beschreibt den Ansatz zu einer neuen Ordnung die es erlaubt Menschen nach anderen Gesichtspunkten zusammen zu führen, weil dies ein Phänomen ist das erst durch Globalisierung möglich wurde.
„Während der Name O’Higgins für Chileninnen genauso erkennbar ist wie der Name Napoleon für Französinnen, wird Letzterer auch in weiten Teilen der Welt erkannt“, schreiben Macedo et al. in „Cultural proximity reveals a local premium in collective memory“, einer neuen Studie, die diesen Monat in der interdisziplinären Zeitschrift PNAS Nexus veröffentlicht wurde. Obwohl Konstrukte wie „Vertrautheit“ und „Salienz“ (Bedeutung eines Reizes) in der empirischen Forschung zum kollektiven Gedächtnis verwendet wurden, gelingt es ihnen oft nicht, zwischen lokalen und globalen Formen von Ruhm zu unterscheiden. Im Prozess der kontinuierlichen Umsetzung von Demokratie findet eine Rückführung zu ursprünglichen Reizen statt.
Macedos neueste Forschung konzentriert sich darauf, diese beiden Dimensionen zu entwirren, um besser zu verstehen, wie verschiedene Formen von Aufmerksamkeit und Identität prägen, was wir kollektiv erinnern und vergessen.
Die Studie untersuchte über 50.000 mehrsprachige Wikipedia-Biografien mit 137 Milliarden Seitenaufrufen und nutzte ein gamifiziertes Online-Experiment mit 41.000 Teilnehmer/Innen, um lokales und globales kollektives Gedächtnis zu entwirren und zu analysieren. Sie betrachtete auch drei wichtige Lebensereignisse – einen Nobelpreis, einen Oscar und den Tod – und ihre Auswirkung darauf, wie Menschen erinnert werden.
Macedo und ihre Kolleginnen fanden heraus, dass Lokalität ein Schlüsselfaktor im kollektiven Gedächtnis ist, wobei Teilnehmerinnen etwa 10 Prozent wahrscheinlicher berühmte Persönlichkeiten aus ihrem eigenen Land korrekt identifizierten und fünf Prozent wahrscheinlicher Menschen aus ihrer gleichen Sprachgruppe identifizierten. Die Studie betrachtete auch die Auswirkung von drei wichtigen Lebensereignissen – einem Oscar-Gewinn, einem Nobelpreis und dem Tod – auf das kollektive Gedächtnis und fand heraus, dass sie zu „kurzen, aber starken Anstiegen“ in lokaler Prominenz führten, mit „langsameren, aber anhaltenden Zunahmen“ in globalem Ruhm.
Nun, da die vollständige Studie online verfügbar ist, haben wir uns mit Prof. Macedo und ihren Kolleg/Innen zusammengesetzt, um die Bedeutung dieses Projekts zu diskutieren und zu entpacken.
Im Interview
CONSTRUCTOR UNIVERSITY: Was war die bedeutendste oder überzeugendste Erkenntnis für Sie aus dieser Studie und ihren Ergebnissen?
MARIANA MACEDO ET. AL.: Ruhm geht nicht nur darum, wie viele Menschen jemanden kennen, sondern auch darum, wo sie erinnert werden. Eine Person kann lokal, global, beides oder keines von beidem berühmt sein. Große Ereignisse wie der Gewinn eines Oscars oder Nobelpreises verursachen oft einen kurzen Anstieg lokaler Aufmerksamkeit, während globale Aufmerksamkeit langsamer wächst und länger anhält. Nach einem Tod kann lokale Aufmerksamkeit verblassen, während globales Interesse weiter wächst. Die Erkenntnisse werfen eine einfache Frage auf: Wer erinnert sich an sie? Menschen identifizieren eher Persönlichkeiten, die ihr Heimatland oder ihre Sprache teilen. Dies zeigt, dass Ruhm sowohl lokale als auch globale Dimensionen hat und dass ein einzelnes Popularitätsranking nicht die ganze Geschichte erzählen kann.
CU: Ihre Studie zielte darauf ab, lokale und globale Komponenten des kollektiven Gedächtnisses zu „entwirren“, weil die beiden in der Forschung oft vermischt wurden. Warum hielten Sie diese Unterscheidung für wichtig?
MMEA: Die meisten Studien zum kollektiven Gedächtnis messen Ruhm auf einer einzigen Skala und übersehen den Unterschied zwischen bekannt sein an einem Ort und weltweit erkannt werden – denken Sie an Bernardo O’Higgins versus Napoleon Bonaparte. Aber diese Unterscheidung ist über Ruhm hinaus wichtig. Zum Beispiel kann globale Anerkennung Forscher/Innen helfen, internationale Möglichkeiten zu gewinnen, während lokale Anerkennung oft wertvoller ist, um Probleme innerhalb einer Gemeinschaft zu lösen. Die Verbesserung des öffentlichen Verkehrs in einer Stadt erfordert beispielsweise lokales Wissen, Sprachkenntnisse und Verbindungen. Der Wert von Ruhm und Wissen kann davon abhängen, woher Anerkennung kommt und was eine Person erreichen möchte.
CU: Wie könnten moderne Technologien die Dynamiken lokalen und globalen kollektiven Gedächtnisses in einer zunehmend vernetzten und digitalen Welt herausfordern?
MMEA: Digitale Medien machen es einfacher, Menschen und Ideen aus der ganzen Welt zu entdecken, aber etwas ausgesetzt zu sein bedeutet nicht, dass wir uns daran erinnern werden. Wiederholte Exposition hilft, Anerkennung aufzubauen, während Sprache und Empfehlungssysteme weiterhin prägen, was Menschen sehen. Online-Communities können auch eine neue Art geteilten Gedächtnisses schaffen, das auf gemeinsamen Interessen basiert statt auf Land oder Sprache.
Unsere Forschung zeigt, dass Menschen selbst auf einer globalen Plattform wie Wikipedia eher Persönlichkeiten erkennen oder suchen, die ihre Sprache oder ihr Land teilen. Größere Vernetzung bedeutet nicht notwendigerweise, dass sich alle an dieselben Menschen erinnern werden. KI könnte weniger bekannte Geschichten sichtbarer machen, aber sie könnte auch die Prominenz bereits berühmter Persönlichkeiten verstärken. Die Schlüsselfrage ist nicht nur, auf welche Informationen wir zugreifen können, sondern wessen Geschichten wiederholt gezeigt und erinnert werden.
CU: Währenddessen macht KI einen wachsenden Anteil an Online-Suche und Inhaltskonsum aus, wobei Informationen ausgewählt, verpackt und an Endnutzer/Innen geliefert werden. Könnte diese Verschiebung beeinflussen, wie kollektives Gedächtnis gebildet wird? Könnte KI zu einer Art Kuratorin für unser kollektives Gedächtnis werden?
MMEA: KI könnte eine zunehmende Rolle dabei spielen, zu prägen, woran sich die Gesellschaft erinnert. Anders als bei Wikipedia, wo Menschen wählen, welche Seiten sie besuchen, wählen und fassen KI-Systeme Informationen für Nutzer/Innen zusammen. Dies schafft mehrere Risiken: Bekannte Persönlichkeiten in weit verbreiteten Sprachen könnten mehr Aufmerksamkeit erhalten, Seitenaufrufe könnten ein weniger zuverlässiges Maß für Interesse werden, und verschiedene KI-Systeme könnten dieselben globalen Persönlichkeiten fördern, während sie lokale übersehen.
KI kann auch prägen, wie Menschen historische Persönlichkeiten verstehen. Selbst wenn Antworten in der Sprache der Nutzer/Innen gegeben werden, können sie Quellen aus einem anderen kulturellen Hintergrund widerspiegeln. KI bietet jedoch auch eine Gelegenheit, lokale Persönlichkeiten und weniger bekannte Geschichten einem breiteren Publikum vorzustellen. Ob KI unser kollektives Gedächtnis verengt oder erweitert, wird davon abhängen, wie diese Systeme entworfen und genutzt werden.
CU: Warum haben Sie sich entschieden, Oscar-Gewinne, Nobelpreise und den Tod auf ihre Auswirkungen auf das kollektive Gedächtnis zu untersuchen? Fanden Sie etwas Überraschendes an den Ergebnissen?
MMEA: Unsere Studie untersuchte Todesfälle, Oscar-Gewinne und Nobelpreise zwischen 2015 und 2024, ausgewählt, weil sie zuverlässige Daten lieferten und verschiedene Arten von Anerkennung darstellten. Bei allen drei stieg lokale Aufmerksamkeit scharf an, bevor sie verblasste, während globale Aufmerksamkeit allmählicher wuchs und weiter wuchs. Der Nobelpreis war ein bemerkenswerter Fall, bei dem lokale Aufmerksamkeit jahrelang über dem normalen Niveau blieb.
Dies könnte teilweise die Tatsache widerspiegeln, dass viele Preisträger/Innen vor Erhalt der Auszeichnung weniger weithin bekannt sind.
CU: Schließlich, wohin würden Sie gerne die Forschung in diesem Bereich als Nächstes gehen sehen?
MMEA: Zukünftige Forschung könnte untersuchen, warum Aufmerksamkeit wächst und verblasst, und die Rollen von Bildung, Medien, Übersetzung und öffentlichem Gedenken untersuchen. Sie könnte auch untersuchen, wie lokale Persönlichkeiten global anerkannt werden oder wie vergessene Persönlichkeiten durch Filme und Jubiläen wieder Aufmerksamkeit erlangen. ForscherInnen könnten die Studie auf mehr Ereignisse, längere Zeiträume und kleinere Sprachen ausweiten, um lokalen Ruhm besser zu erfassen.
Eine weitere wichtige Frage ist, ob KI verändert, woran sich Menschen erinnern. Der Vergleich KI-generierter Antworten mit traditionellen Suchergebnissen und dann das Testen, woran sich Menschen Wochen später erinnern, könnte offenbaren, ob KI nicht nur verändert, was Menschen sehen, sondern was sie sich merken.
CU: Faszinierende Gedanken zu einem faszinierenden Thema. Vielen Dank, Professor/Innen Macedo, Oyarzun, Candia und Hidalgo, dass Sie Ihre Erkenntnisse geteilt haben!
Originalpublikation:
doi.org/10.1093/pnasnexus/pgag308 – „Cultural proximity reveals a local premium in collective memory,“ PNAS Nexus, Volume 5, Issue 10, October 2026
Weitere Quellen
Maslow, Abraham, H.; A Theory of Human Motivation; BN Publishing, 2015;
Clark, Christopher; Von Zeit und Macht – Herrschaft und Geschichtsbild vom großen Kurfürsten bis zu den Nationalsozialisten; Deutsche Verlagsanstalt5. Auflage 2018;
Han, Byung-Chul; Was ist Macht? Reclam Verlag Ditzingen, 2019
Arendt, Hannah; Macht und Gewalt; Aus dem englischen Gisela Uellenberg, 27. Auflage, 2019 Piper Verlag GmbH, 1. Auflage 1970 Titel der amerikanischen Originalausgabe „On Violence“ 1970
Beuther, Axel; Die geheimnisvolle Macht der Farben, Wie sie unser Verhalten und Empfinden beeinflussen; 2020, Droemer Verlag;
Cremer, Georg; Sozial ist, was stark macht – Warum Deutschland eine Politik der Befähigung braucht und was sie leistet; Sonderausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung;
Kershaw, Ian; Der Mensch und die Macht – Über Erbauer und Zerstörer Europas im 20. Jahrhundert; Originalausgabe 2022 „Personality and Power, Bilders and Destroyers of Modern Europe“, Sonderausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung Verlag bpb 2023
Marshall, Tim; Die Macht der Geographie, Spiegelbestseller, Wie sich Weltpolitik anhand von 10 Karten erklären lässt;dtv Verlagsgesellschaft 20. Auflage 2024;
Bettina Beer; Fischer, Hans, Pauli, Juia (Hg.), Ethnologie, Einführung in die Erforschung kultureller Vielfalt, Reimer Verlag, 9. Auflage, 2017
Bildquelle
Mariana Macedo, Assistant Professor für Informatik und Ingenieurwesen an der Constructor University, entwirrt lokales und globales kollektives Gedächtnis in ihrer neuesten Forschung. Quelle: Constructor University
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