Die von der Universität zu Köln koordinierte europäische Universitätsallianz European University for Well-Being (EUniWell) hat ein Modell entwickelt, das mögliche Zusammenhänge zwischen beruflichem Stress und biologischem Altern beschreibt und Vorschläge macht, wie Arbeitgeber die Gesundheit ihrer Beschäftigten fördern können. Die Ergebnisse wurden nun in der Fachzeitschrift „GeroScience“ veröffentlicht.
Köln/Germany, 28. Oktober 2026. – Für die Entstehung von Stress gibt es vielerlei Einflüsse. Was alles Stress verursacht, ist genauso gering untersucht wie die Möglichkeiten, diesem wirklich entgegenzuwirken. Künstliche Intelligenz wird als Beschleunigungsfaktor in unserer Umwelt gehandelt und trägt sicher dazu bei bestehende Systeme zu stressen.
In unserer Umwelt finden viele Phänomene zeitgleich oder pseudozeitgleich statt. Pseudo bedeutet hier, dass es nur so erscheint, als würden sie zeitgleich erscheinen. Stress findet dann statt, wenn die Aufmerksamkeit versucht, sich auf viele dieser Prozesse zeitgleich zu verteilen. Während man nur eine Sache betrachten würde, alles andere ausklammern, kein Stress entstehen muss. Wenn die Evolution Reifeprozesse abgeschlossen hat, trifft man auf Systeme. Systeme werden entweder bereits während der Entwicklung gestresst, was Robustheit und Resilienz mit sich bringen kann. Oder aber werden gesund entwickelte Systeme Stress ausgesetzt, weil sie damit in ihrer Reife lernen an Belastungen zu wachsen. Stress muss daher auf Systemebene betrachtet werden. Von Systemen kann man auch bei Menschen sprechen, weil diese Form in Analogie zu einer zukünftigen Entwicklung von Agenten analog in den Vergleich genommen werden kann. Agenten führen also einmal aus, in Teilen sehr individuell, was Menschen sich von ihnen erhoffen.
Geht man mit dieser beschleunigend erscheinenden Form durchs Leben, wird man auf Dauer auch Stress empfinden, chronischem Stress ausgesetzt sein. Und das beeinträchtigt erheblich die Gesundheit. Vielmehr noch: Eine Studie untersucht eine solche anhaltende berufliche Belastung danach, wie diese auf den biologischen Alterungsprozess wirkt.
Fragen um diese Zusammenhänge stehen im Mittelpunkt einer wissenschaftlichen Arbeit, an der Forschende der Semmelweis Universität in Budapest und weiterer Mitgliedsinstitutionen der europäischen Hochschulallianz European University for Wellbeing (EUniWell), wie der Universität zu Köln, beteiligt sind.
Die Arbeit wurde jetzt in der Fachzeitschrift GeroScience veröffentlicht. „Work stress and healthy aging: A conceptual framework for the Semmelweis study and the Semmelweis-EUniWell workplace health promotion model program“. Darin wird ein Modell vorgestellt, das durch die Autoren und Autorinnen entwickelt wurde und mögliche Zusammenhänge zwischen beruflichem Stress und biologischem Altern beschreibt. Daraus erfolgten Ansätze für die Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz.
Die Semmelweis Studie untersuchte die Gesundheit ihrer Beschäftigten an der Universität in Budapest. Untersucht wurden die kardiometabolischen Gesundheitsparameter, die kognitive Leistungsfähigkeit und biologische Marker des Alters. Die Studie ist die größte ihrer Art in Mitteleuropa und als Langzeitstudie angelegt. Untersucht werden Zusammenhänge zwischen Arbeitsbedingungen und Gesundheit. Die Basiserhebung begann 2024; über einen Zeitraum von mindestens zwanzig Jahren sind wiederholte Datenerhebungen im Abstand von fünf Jahren vorgesehen.
Die Grundlagen
Beim biologischen Altern finden ständig Umbauprozesse in einem Körper statt.
Chronischer Stress, so die Studie, könnte auf diese Umbauprozesse einwirken. Zu diesen Wirkgrössen zählen bspw. eine auf Dauer angelegte Aktivierung der Stresshormonregulation, und Entzündungsprozesse. Weiter oxidativer Stress, Veränderung der DNA-Methylierung, eine Beeinträchtigung der Mitochondrien sowie eine Verkürzung der Telomere. Diese Einflüsse finden analog zu den Umbauprozessen statt.
Einflüsse von aussen sind durch Umstände und Bedingungen gegeben. So geht man davon aus, dass Bedingungen am Arbeitsplatz oxidativen Stress verursachen können. Z.B. bei geringen Handlungsspielräumen, unklaren Rollenverteilungen, emotionalen Belastungen, Konflikten oder fehlender sozialer Unterstützung.
Umgekehrt können gute soziale Beziehungen, unterstützende Führung und Möglichkeiten zur Mitgestaltung dazu beitragen, Belastungen abzufedern.
Weitere mögliche Wirkgrößen
Nun hatte Sigmund Freud auch hier seine Finger in der Wunde. Freud hatte behauptet, dass Stress durch Sexualität entstünde. Dass er damit nicht unbedingt falsch gelegen war, das zeigt sich an der sich daraus ergebenden Vitalität. Richtig angewendet ist Geschlechtsverkehr ein Energiebooster. Die Schlussfolgerung allerdings, dass daraus Stress entstehen sollte, kann mit der Zeit, in der Sigmund Freud dies erforscht hatte, in engem Zusammenhang stehen. Auch hier wirkt das Zeitgeschehen umgekehrt proportional zur evolutionären Entwicklung von Menschen. In einer zunehmend beschleunigenden Welt werden moralische Werte und innere Haltungen von Menschen an religiöses Verständnis ihres Zeitgeistes gebunden. Die Evolution wirkt wachsend gegen dogmatische Haltungen. So, als würde man eine Zentralheizung auf maximale Wärme einstellen, während die Abnehmer in den Räumen verschlossen sind und keine Wärme weitergeben. Die Heizung läuft auch auf Hochtouren.
In der Umwelt laufen viele Prozesse zeitgleich ab. Wer Aufmerksamkeit auf mehrere dieser Vorgänge hat, dem sind diese aus der Vergangenheit in irgendeiner Weise bereits zugänglich geworden. Oder aber die eigene Wachsamkeit ist auf Neues geweitet. Man will etwas lernen und erkennt die Gelegenheit. Die Vermutung liegt hierbei sehr nahe, dass ein Schwerpunkt von Stress in der Nachahmung liegen könnte. Und zwar dann, wenn ein Lernprozess ausbleibt. Wenn ich demnach bei einer Initiatorin, einem Initiator eine Beobachtung mache, auf die meine Aufmerksamkeit fällt, ich ahme dies zwar auch nach, lasse dabei aber diejenigen Details aus, die mir unwichtig, unsinnig erscheinen, dann liegt darin zwar eine Beschleunigung. An anderer Stelle aber wird man etwas vernachlässigen.
Wichtig ist, Lernprozesse nicht für die eigene Perspektive zu betrachten. Sondern aus altruistischer Sicht. Wenn ich etwas so ausführe, dass andere es abschauen können, dann kann jeder für sich eine eigene Effizienz entwickeln. Wenn in einer Gruppe von Menschen jeder für sich seine eigene Effizienz anwendet, ohne dabei zu berücksichtigen, dass es zu Taktungen durch erforderliche Vorgänge kommen kann, dann wird Stress produziert.
Stress kann auch dann entstehen, wenn ein funktionierendes System gestresst wird. Wenn jemand, wie gegenwärtig der amerikanische Präsident, Einwände gegen ein bestehendes System hat und diese in sehr kurzen Abständen und ohne fundierte Handhabungen hervorbringt.
Ein bis heute anhaltendes Stressphänomen ist während des Weltkrieges entstanden. Nicht weil mögliche Aufstände durch Gefangene bereits im Keim erstickt wurden, sondern weil diese Form der Unterdrückung grossflächig und in ihrer Art in der Welt einzigartig gewesen sein dürfte.
Daniel Shapiro ist Konfliktforscher und nennt als einen der Faktoren, die Verhandlungen in Konfliktsituationen beeinträchtigen, die Gefühlserbschaften. Er berichtet davon in „Verhandeln“, dass es oftmals zu völlig unvorhersehbaren Reaktionen bei Menschen kommt, die von irgendetwas getriggert sein mussten und überhaupt in kein Muster passen würden.
Transgenerationale Übertragung. Angela Moré, die auf diesem Gebiet forscht, berichtet in ihrer Arbeit davon, dass Schicksale einzelner aus der Vergangenheit im Nationalsozialismus dazu geführt haben, diese Erbschaften zu stören. Ein Begriff, der dies etwas illustrieren kann, ist das Tunneling. Während eine gesunde Biografie in der Lage ist, einen linearen Lebensverlauf zu erschaffen, wird dieser in einem von und durch (Kriegs-)Traumata unterbrochen. Gefühle eines Menschen zur Zeit des Nationalsozialismus, die durch Folter und Traumaerlebnisse unterdrückt wurden, schlagen in die nächste Generation über. Betroffene der nächsten Generation erleben diese Gefühlserbschaften in ihrer Realität immer wieder, was man als Übertragung bezeichnet. Im Bezug auf Stress äussern sich diese Phänomene in der Art, dass zwei oder mehrere Vorgänge faktisch zeitgleich erscheinen. So als würde mein Vorfahre in mir aktiv das Trauma leben, während meine Persönlichkeit in der Realität des aktiven Lebens steht. Und weil diese Erbschaften über mehrere Generationen erfolgen können, können auch mehrere Phänomene, also Ereignisse aus allen Generationen, zeitgleich in Erscheinung treten. Tunneling beschreibt das Untergraben der eigenen Persönlichkeitsentwicklung durch das zeitweise Aufleben vorausgegangener Persönlichkeiten.
„Universitäten bieten für solche Untersuchungen besondere Voraussetzungen: Sie sind zugleich Forschungsinstitutionen und große Arbeitgeber mit Beschäftigten aus unterschiedlichen Berufsgruppen und Arbeitskontexten. Die Semmelweis-Studie kann deshalb Zusammenhänge zwischen Arbeitsbedingungen und Gesundheit untersuchen und zugleich Ansatzpunkte für gesundheitsfördernde Veränderungen am eigenen Arbeitsplatz liefern“, sagt Dr. Virág Zábó, Psychologin an der Semmelweis-Universität und Erstautorin der aktuellen Veröffentlichung.
Auf der Grundlage der Semmelweis-Studie haben die Autor/Innen das „Semmelweis-EUniWell Workplace Health Promotion Model“ entwickelt. Es verbindet Maßnahmen auf organisationaler Ebene mit Angeboten für einzelne Beschäftigte. Dazu gehören beispielsweise eine gesundheitsfördernde Gestaltung von Arbeitsplätzen, flexible Arbeitsbedingungen, unterstützende Führung und partizipative Entscheidungsprozesse. Auf individueller Ebene werden unter anderem Ansätze aus der kognitiven Verhaltenstherapie, Achtsamkeit, Schlafoptimierung und körperliche Aktivität berücksichtigt.
Kann die Reduzierung von Stress biologisches Altern beeinflussen?
Die jetzt veröffentlichte Arbeit schafft die konzeptionelle Grundlage für weitere Untersuchungen. Künftige Studien des Forschungsteams werden prüfen, ob sich biologische Alterungsprozesse durch Maßnahmen zur Verringerung von Arbeitsstress beeinflussen lassen. Dafür könnten unter anderem Messverfahren eingesetzt werden, die das biologische Alter anhand von Veränderungen der DNA abschätzen. Ergänzend könnten Proteinanalysen und kontinuierlich erhobene physiologische Daten dazu beitragen, mögliche Veränderungen biologischer Alterungsprozesse zu erfassen.
Zu den Autor/Innen zählen neben anderen Virág Zábó, Andrea Lehoczki, Péter Varga und Annamária Buda. Seitens der Universität zu Köln ist Professorin Dr. Beatrix Busse, Chief Development Officer von EUniWell und Prorektorin für Lehre und Studium der Universität zu Köln, Mitautorin der Arbeit.
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