Vorbereitung der Messung: Sophie Bonnaire platziert Ohr-Sensoren. Quelle: Sabrina García Denis. Copyright: Universität des Saarlandes

Was Ohren über unsere Gefühle wissen


Die Ohrmuskeln des Menschen offenbaren seine Gefühle. Das haben Dr. Farah Corona-Strauss und Sophie Bonnaire herausgefunden, die am „Systems Neuroscience & Neurotechnology Unit“ in Saarbrücken und Homburg forschen. Sie konnten zeigen, dass die Ohrmuskeln nicht nur verraten, wem und wie intensiv wir zuhören, sondern auch, wie stark uns etwas bewegt – und zwar innerhalb von Sekundenbruchteilen. Eine Erkenntnis, die sich auf die KI-Debatte auswirken könnte und die Frage aufwirft, was eine Maschine dürfen soll, die Gefühle besser erkennt als jeder Mensch.

Saarbrücken/Germany, 5. November 2026. – Körperteile am Menschen zu ersetzen, wird zunehmend das kleinste Problem. Vom einfachen hin zum komplexeren, ist das mehr eine Frage der Zeit. Und was bekanntermaßen ersetzt werden kann, kann mit Technologie ausgereift werden. Wie sensibel das Hörorgan ist, zeigt sich daran, wie genau wir darauf reagieren. Aus Tönen, die nicht unmittelbar im Blickfeld sind, auf Nuancen, die jeder Mensch unterschiedlich wahrnimmt. Denn wie es mir geht, so feinfühlig reagiere ich auf die Unterschiede in der Tonlage. Und weil Bewegung von den Muskeln abhängt, müssen entsprechend Signale erfolgen.

Wie stark den Menschen etwas bewegt, haben Forscherteams in Saarbrücken festgestellt. Die Forschungsergebnisse werden in den „IEEE Transactions on Affective Computing“ vorgestellt, und ein Perspektivartikel in „Frontiers in Artificial Intelligence“ definiert erstmals den Begriff der „super-emotionalen Intelligenz“.

„Unsere Ohrmuskeln reagieren unmittelbar auf das einzelne Ereignis, das uns emotional bewegt – beispielsweise auf einen Ton oder auf ein Gesicht, das kurz in einer Szene auftaucht. Dies geschieht innerhalb von Sekundenbruchteilen und ist visuell nicht wahrnehmbar“, erklärt Professor Daniel J. Strauss die neuen Forschungsergebnisse seiner Gruppe. Das Besondere: Charles Darwin hatte die menschlichen Ohrmuskeln 1871 für verkümmert erklärt und dem Menschen 1872 den Gefühlsausdruck über die Ohren abgesprochen, den er bei Tieren so genau beschrieb: angelegte Ohren bei Angst und Wut, aufgestellte Ohren bei Aufmerksamkeit, wie es jeder kennt, der mit einem Hund oder einer Katze lebt.

„Wir konnten nun jedoch zeigen, dass das evolutionäre Relikt in unserem Kopf – die Steuerung der Ohrmuskeln – nicht nur verrät, wem wir zuhören, sondern auch, was wir dabei fühlen“, sagt der Neurowissenschaftler und Informatiker und fügt hinzu: „Zwar können wir die Ohren nicht mehr ausrichten, das Muskelsignal ist aber geblieben. Was Darwin für verloren hielt, ist nur leiser geworden.“

Sowie es bald möglich sein wird, Körperteile zu ersetzen, so wird es zukünftig möglich werden, diese maschinell zu bedienen, anzusteuern. Zumal Muskulatur inzwischen künstlich herstellbar ist. Die neurotechnologische Arbeitsgruppe um Professor Daniel J. Strauss hatte schon 2020 im Journal eLife gezeigt, dass, sobald wichtige Geräusche auftauchen oder ein neues Geräusch, die Muskeln am Ohr aktiviert werden. Ähnlich wie bei den Augen gehen auch die Ohren in die Richtung, aus der die Geräusche kommen, was durch mögliche Körperbewegungen Unterstützung finden kann. Die Bewegungsmöglichkeiten durch oder mit den Ohren sind so weit beschränkt, wie es offensichtlich erforderlich ist. Denn, man darf davon ausgehen, dass sich die Evolution gewünscht hat, den Körper mit in die Bewegung einzubeziehen, um den Mangel der Sichtbarkeit in bestimmten Fällen zu kompensieren. In einer Studie konnte dieselbe Gruppe zeigen, dass die Aktivierung der Ohrmuskulatur auch anstrengend ist.

Bei Experimenten ist der Wissenschaftlerin Farah Corona-Strauss aufgefallen, dass winzige innenliegende Ohrmuskeln ebenfalls erregt sind, wenn Probandinnen und Probanden lachen. Dabei stellte sie eine Verzögerung fest. Die kleinen Muskeln im Ohr reagierten bereits, bevor das Lachen einsetzte. Die Wissenschaftlerin leitete daraus eine Frage ab.
Wenn das Ohr auf Geräusche reagiert, die uns wichtig sind, reagiert es dann auch auf das, was uns emotional berührt?

Mit der neuen These gingen weitere Forschende in das Thema und untersuchten bei einer neuen Doktorarbeit die Ohrmuskulatur erneut mittels Oberflächendetektoren. Den Probandinnen und Probanden wurden dazu kurze Filmszenen gezeigt. Anschließend sollten diese sich dazu äußern, wie stark die Szenen sie jeweils erregten.

Die Ergebnisse: „Innerhalb von Sekundenbruchteilen werden die Muskeln umso aktiver, je erregender eine Szene ist, und zwar unabhängig davon, ob die Szene angenehm oder unangenehm war. Und: Die Muskelantwort passt zu dem, was die Probanden selbst berichten“, hat Sophie Bonnaire herausgefunden. Auffallend sei, dass die Reaktion dem einzelnen Ereignis im Bereich von Sekundenbruchteilen folgt: einem Ton, einem kurz gezeigten Gesicht und in derzeit laufenden Arbeiten der Forschungsgruppe auch einzelnen Wörtern beim Lesen.

Dass die Ohrmuskeln eines Menschen spontan und unbewusst seine Gefühle offenbaren, leitet für Daniel Strauss direkt zur KI-Debatte über: „Diese dreht sich bisher ausschließlich um das Thema ‚Super-Intelligenz‘, also um die Frage: Wie viel klüger als wir wird die Maschine?“ Dagegen lasse sich jetzt ein neuer Begriff setzen: „super-emotionale Intelligenz“: eine Maschine, die Gefühle besser deutet als jeder Mensch, auch anhand von Körpersignalen, die wir beim anderen gar nicht wahrnehmen. „Ausdrücklich nicht gemeint ist eine Maschine, die fühlt“, stellt Strauss klar. „Super-emotionale Intelligenz beschreibt vielmehr ein System, das Gefühle eines Menschen besser erkennt, versteht und darauf eingeht als geschulte menschliche Expertinnen und Experten.“

Seine Doktorandin Sophie Bonnaire hat den Begriff „Super-Emotional Intelligence“ (SEI) in ihrem Perspektivartikel in „Frontiers in Artificial Intelligence“ erstmals definiert. Dort beschreibt sie, was eine „super-emotionale Intelligenz“ können müsste. Sie erklärt auch, warum heutige KI davon weit entfernt ist, und wie man mithilfe klarer Regeln ein System bauen könnte, das für Menschen arbeitet und nicht gegen sie. „Im Gegensatz zu heutigen ‚empathischen‘ Chatbots, die einfühlsam wirken, ohne den Zustand ihres Gegenübers wirklich zu verfolgen, muss sich eine super-emotionale Intelligenz selbst regulieren können. Sie wählt eine angemessene Antwort, die den Menschen, der ihr gegenübersitzt, am ehesten dorthin bringt, wo er hinwill – und sie lernt aus der Wirkung ihrer eigenen Antworten“, sagt die junge Wissenschaftlerin.

Fürsorge statt Kontrolle: Regeln gegen den Missbrauch sind notwendig

Doch Vorsicht sei angebracht: „Mit einem anderen Ziel kann dieselbe Technik zur ‚hypermanipulativen Maschine‘ werden, die Zustände liest, die wir an uns selbst nicht bemerken, und zu Zielen lenkt, die wir nie gewählt haben“, betont Daniel Strauss. Der „EU AI Act“, der Emotionserkennung am Arbeitsplatz und in Schulen verbietet, mache die Frage aktuell. „Unsere Forschungsgruppe argumentiert, dass der Mensch das Ziel setzt und festlegt, was eine solche Maschine dürfen soll: Es geht um Fürsorge statt Kontrolle.“

Vom Hörgerät zu Wearables

An einer greifbaren technischen Anwendung arbeitet Farah Corona-Strauss mit ihrem Labor bereits: „Hörgeräte, Earbuds und die Bügel von Datenbrillen sitzen genau dort, wo die Signale der Ohrmuskeln entstehen. Damit wird das Ohr zur natürlichen Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Deshalb arbeiten wir mit Hörgeräteherstellern und internationalen Technologiepartnern zusammen: Ein empathisches KI-System, das merkt, wenn das Zuhören anstrengend wird oder uns etwas bewegt, kann darauf eingehen, ohne Kamera und ohne Fragebogen“, erläutert die Neurotechnologin. Und man stelle sich vor, man schaut in eine bestimmte Richtung und bekommt dazu die Informationen auf die Brille gelegt oder in Earbuds gegeben, was benötigt wird. Genauso wie solche Geräte mit Empfänger kommunizieren können. So könnten bisherige Technologien im Verkaufsraum, im Handel um solche Gerätschaften erweitert werden, und Konsumentinnen und Konsumenten auf noch zutreffendere Produkte hinweisen die den Alltag in gewünschter Weise beeindrucken.



Hintergrund: Die Arbeitsgruppe

Die „Systems Neuroscience & Neurotechnology Unit“ (SNNU) gehört zur Medizinischen Fakultät der Universität des Saarlandes und zur Ingenieurwissenschaftlichen Fakultät der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes. Dr. Farah Corona-Strauss leitet dort das MINDSCAN Lab, in dem auch Sophie Bonnaire forscht. Die SNNU leitet derzeit eine Vielzahl von nationalen und internationalen Forschungsprojekten im Grenzbereich von Neurowissenschaft, Medizin und Technik.

Originalpublikation:

Sophie Bonnaire, Mayur J. Bhamborae, Daniel J. Strauss, Farah I. Corona-Strauss: Unraveling Affective States from the Auriculomotor System. IEEE Transactions on Affective Computing. DOI: 10.1109/taffc.2026.3717435
Sophie Bonnaire, Farah I. Corona-Strauss, Daniel J. Strauss: The Rise of Super-Emotional Intelligence (Perspective). Frontiers in Artificial Intelligence. DOI: 10.3389/frai.2026.1975692

Weitere Informationen:
(https://www.snnu.uni-saarland.de)

Bildquelle

Vorbereitung der Messung: Sophie Bonnaire platziert Ohr-Sensoren. Quelle: Sabrina García Denis. Copyright: Universität des Saarlandes

Der Newsletter erscheint einmal pro Woche Freitags mit allen Inhalten der Woche


Beitrag veröffentlicht

in

von