Der nuraghische Komplex Barru mit dem Zisternenbrunnen. Die aus mehreren Türmen bestehende Nuraghe ist von mehrheitlich runden Hütten umgeben. Quelle: Amir Ahmadpour and Lars Heinze Copyright: Orthofoto: Amir Ahmadpour and Lars Heinze

Religiöse Kultstätten in der Eisenzeit


Einer gesellschaftlichen Entwicklung und Formung ging immer Religion voraus. Von Zeit zu Zeit finden sich Archäologische Funde, die belegen, wie Menschen sich mit Religion auseinander gesetzt hatten. Religion, das gemeinsame anbeten und der damit verbundene Glaube an eine höhere Macht hat Menschen seit Urzeiten zusammengefügt und die Grundlagen für eine Identität in der Gemeinschaft geschaffen. Aus ihr entwickelte sich auch eine Strömung des Missbrauchs, durch die Handlung der Unterdrückung wie man es aus der Ägyptologie kennt, der Kolonialisierung, Machtmissbräuche insgesamt. Ein Internationales Forschungsteam unter der Leitung der Universität Tübingen entdeckte rituelle Gegenstände an der Fundstätte Nuraghe Barru sowie Hinweise auf weitläufigen Austausch auf der Insel. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Open Archaeology veröffentlicht.

Tübingen/Germany, 7. Mai 2026. – Menschen haben sich von jeher über Menschengruppen identifiziert. Das gegenwärtige Zeitgeschehen lässt zumindest erahnen, das Menschen sich aus dieser Form der Identität emanzipieren und in eine Form der Eigenmächtigkeit wachsen. Die globale Macht der Autokratie verliert seit Jahrzehnten an Autorität, was erhebliche Widerstandskämpfe verursacht. Im Zusammenwirken und zusammenarbeiten, im Teilen von Arbeit und Gütern konnte der Mensch seinen Gemeinsinn erkennen. Ein Akt der Jahrhunderte, gar Jahrtausende wachsen sollte und gelernt werden musste.

Diverse Funde, die auf Kultstätten schließen lassen, sind immer wieder ein Zeugnis der Sehnsucht von Menschen nach einem höheren Sinn. Umwelteinflüsse und unvorhergesehene Ereignisse ließen Menschen in die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und mit der Frage nach der Macht konfrontieren. Bei alle dem stand ganz offensichtlich immer im Mittelpunkt, die Entwicklung und Formung der Gesellschaft und des Individuums. So ist diese bis heute geblieben.

Spätestens an der Philosophiegeschichte zeigt sich, das es in jeder Epoche einen Konflikt der Zeit gab, bei dem sich Menschen zwischen zwei Meinungen, zwei Polen gegenüberstanden. Die vorherrschenden Philosophen waren dabei die Urheber und Vertreter einer Meinung, bauten ein Stückweit aufeinander auf und eine Haltung setzte sich durch, mit der ein Übergang in die nächste Epoche stattfand.

Genauso wie wir uns heute mit den Themen der Zeit und des Lebens auseinandersetzen, so hatten Menschen zu jeder Zeit Themen mit denen sie gedanklich „zwangsbeschäftigt“ wurden. Was meist durch die entsprechenden Umwelt und menschlichen Einflüsse zustande kam.

In einer solchen Entwicklungszeit stand offensichtlich für Menschen die Frage der eigenen Identität im Zentrum des Denkens. Mit der Entstehung der Religion wurde eine Art Gemeinsinn in die Realität, ins Bewusstsein gebracht. Wenn die eigene Identität infrage gestellt wird, dann kann man sich sicher sein, es handelt sich um eine Krise, um ein Krisenszenario. Oft begleitet von einem massiven Verlust von Dingen, die man liebt oder die einem nahe sind. Im grossen Zeitbogen betrachtet deuten Krisen auf einen Epochenwechsel hin. Ein anderes Thema rückt in das Bewusstsein der Menschen und beschäftigt fortan das kollektive Bewusste. Niemand weis was kommt, man ist der Mächtigkeit des Zeit und des Raums ausgesetzt.

Die Aufklärung durch die Medien zeigt, Kriege und Konflikte im aktuellen Zeitgeschehen setzen sich mit der Frage der Macht auseinander. Vorwiegend geht es um die Frage der Autokratie im Konflikt gegenüber der Demokratie. In einem autokratischen System steht an der Spitze ein Herrscher, eine Herrscherin. In einem demokratischen System kommt der Gemeinsinn zum tragen, bei dem jeder Mensch in seine Eigenmächtigkeit findet und sein Wesen aus freien Stücken in einer Gruppe, einer Gesellschaft einbringt. Das Individuum folgt dabei dem vorherrschenden Narrativ, was man aktuell häufig und oft aus gutem Grund bei aktuellen Modeunternehmen antrifft. Die Identität wird durch Kleidung zum Ausdruck gebracht. Gerade jetzt sind überall Ambassadors gesucht, Menschen die sich ganz mit dem Unternehmen identifizieren und zu deren Botschaftern werden.

Verschiedene Autoren, darunter bsw. Der Populärphilosoph Richard David Precht, oder der renommierte Gehirnforscher Manfred Spitzer diskutieren vor dem Hintergrund einer neuen Zeit den Sinn des Lebens. Die Diskussion um das Klima zieht Menschen genauso den Boden unter den Füssen weg, wie das gegenwärtig rasante wachsende Thema Künstliche Intelligenz. Beides stellt die Frage nach der Macht. Es stellt damit auch die Frage nach der eigenen Identität. Nimmt man gedanklich den Fortschritt aus dieser Diskussion, dann unterscheiden sich die brennenden Fragen der Gesellschaft kaum von denen vor gut 3000 Jahren. Nun gibt es einen weiteren Fund der die kulturellen und religiösen Handlungen dieser Zeit belegt.

Luftaufnahme der Fundstätte Nuraghe Barru im zentral-südlichen Sardinien.
Quelle: Lars Heinze
Copyright: Drohnenfoto: Lars Heinze
Luftaufnahme der Fundstätte Nuraghe Barru im zentral-südlichen Sardinien.
Quelle: Lars Heinze
Copyright: Drohnenfoto: Lars Heinze

Sardinien ist bekannt für seine rund 7.000 errichteten Nuraghen. Das sind charakteristisch massive Steintürme die zwischen 1700 und 1100 v. Chr. errichtet wurden. „Ob sie als Verteidigungsanlage, Wohngebäude oder für rituelle Zwecke genutzt wurden, ist bis heute umstritten“, berichtet Silvia Amicone. „Sie dominierten die Landschaft der Insel für Jahrhunderte.“ Zum Ende der Bronzezeit und in der frühen Eisenzeit zwischen 1200 und 800 v. Chr. habe sich die sardische Gesellschaft verändert. Heilige Stätten oder auch heilige Brunnen seien auf der Insel errichtet worden. „Wir sind der Frage nachgegangen, ob die alten Nuraghen dadurch ihre Bedeutung verloren hatten“, sagt Amicone.

Die Nuraghen wurden einige Jahrhunderte später, als sich religiöse Praktiken auf der Insel entwickelten, noch weiter für soziale Zwecke und spirituelle Rieten verwendet. Verschiedene Funde, bsw. ein Votivschwert oder Zeremonialgefäße aus der Fundstätte Nuraghe Barru belegen die Nutzung bis in die Eisenzeit.

Ein internationales Tübinger Forschungsteam unter Leitung Dr. Silvia Amicone von der Archäometrie der Universität Tübingen in Zusammenarbeit mit der lokalen Denkmalbehörde, der Soprintendenza Archeologia, Belle Arti e Paesaggio per la Città Metropolitana di Cagliari e le Province di Oristano e Sud Sardegna hat hierzu eine Studie entwickelt. Die Ergebnisse der Studie liefern mit wachsender Anzahl von Fundstücken dass Menschen in Sardinien, wie man es ähnlich auch von anderen Standorten der Welt bislang kennen gelernt hat, in der späten Bronzezeit und der frühen Eisenzeit über Netzwerke verbunden waren und damit den Austausch von Gegenständen, Ideen und Bräuchen dienten.

Versiegelter Brunnen und heilige Opfergaben

Ein freigelegter Zisternenbrunnen innerhalb der Turmanlage legte Funde frei. Dr. Chiara Pilo von der Sopintendenza berichtet: „Ganz unten im Brunnen lag eine Sammlung zerschlagener keramischer Gefäße, darunter erkennbar Kannen, eine Miniaturamphore und ein seltenes Zeremonialgefäß mit vier Griffen“. „Außerdem fanden wir tierische und menschliche Überreste, die dorthin verbracht wurden.“ Danach sei der Brunnen durch Anbringung von Kalksteinfliesen verschlossen worden.

Nahe des Brunnens kamen Votivgaben zum Vorschein, symbolische Opfer die man an höhere Mächte opferte, entlang einer Treppe. Unterhalb der Treppe fand man ein 94 Zentimeter langes Bronzeschwert, klingenartige Gegenstände aus Bronze und einen Klumpen Kupfer. Später wurden die Zugänge blockiert. „Insgesamt deuten die Funde eher auf eine Episode ritueller Handlungen hin als auf zufällig entsorgte Gegenstände“, sagt Pilo. „Dadurch wurde auch das Gebäude selbst verändert.“

Ein Netzwerk aus Menschen, Gütern und Ideen

Mittels der Dünnschliff-Petrografie, einer modernen technologischen Methode mit der sich Mineralien an Töpferwaren bestimmen lassen, konnte aufgespürt werden das der überwiegende Teil der Keramikgefäße nicht lokal vor Ort hergestellt worden war. „Sie kamen aus verschiedenen geologischen Regionen Sardiniens, einige aus mehr als 40 Kilometern Entfernung“, berichtet Amicone. Die in Barru verwendeten Materialien spiegeln daher ein weiteres Austauschmuster über die Insel hinweg wider. Vermutlich sei die Nuraghe Barru Teil eines weitläufigen Netzwerks gewesen. „Menschen, Güter und Ideen bewegten sich über die Insel, Barru könnte ein wichtiger Knotenpunkt dieses Austausches gewesen sein.“

Die Röntgenfluoreszenzanalyse der Metallobjekte ergab, dass sowohl das Schwert als auch die rasierklingenartigen Geräte aus Bronze mit hohem Kupfer- und niedrigem Zinnanteil hergestellt wurden.„Solche Legierungen deuten im ersten Fall auf für in der Nuraghenkultur typische Votivschwerter hin. Sie wurden nicht für den Kampf gefertigt, sondern für symbolische oder rituelle Zwecke“, erklärt Amicone. Die rasierklingenartigen Objekte ähnelten weiteren, die vom italienischen Festland bekannt seien. Dies könnte auf eine Verbindung zum Festland hindeuten, meint die Forscherin: „Doch die Zusammensetzung des Materials lässt eher auf eine lokale Herstellung schließen als auf einen Import dieser Gegenstände.“

Rituale, Macht und Identität

Im Ergebnis der Funde zeigt sich den interdisziplinären Forschungsmitgliedern das die Nuraghe Barru kein zerfallendes Relikt vom Beginn der Eisenzeit war. „Die Nuraghe Barru ist ein gut dokumentierter Fall“, sagt Dr. Gianfranca Salis über die laufenden Ausgrabungen. „Es war in der Eisenzeit ein aktives Zentrum, in dem Rituale, Identität und soziale Macht in einer Zeit des Wandels verhandelt wurden. Als neue Kultstätten entstanden, wurden nicht alle alten Gebäude aufgegeben. Bestimmte Türme aus der Nuraghenkultur wurden für zeremonielle Zwecke neu genutzt.“

Funde dieser Art belegen ein wachsendes Bild, vielmehr eine Rekonstruktion der Vergangenheit. Die Rekonstruktion der Vergangenheit ist mitunter dahingehend von Bedeutung weil aus ihr Schlussfolgerung für die Zukunft gezogen werden kann. Zu wissen was die Zukunft mit sich bringt ist ein urmenschliches Bedürfnis, das allem voran auch den Sicherheitsaspekt, das Bedürfnis nach Sicherheit abdeckt, was gerade in sehr unsicheren Zeiten grosse Bedeutung hat.
„Diese Studie zeigt einmal mehr, dass interdisziplinäre Forschungsansätze zahlreiche sich ergänzende Informationen liefern, die beeindruckend umfassende Bilder vergangener Welten entstehen lassen“, sagt Professorin Dr. Karla Pollmann, die Rektorin der Universität Tübingen.

Wie bereits Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg unlängst in einer Grundsatzrede an der Universität Hohenheim erkennen lies, „Die Wissenschaft ist eine wichtige Instanz der Wahrhaftigkeit, sie ist zentral für das Funktionieren einer freien Gesellschaft. Forschende müssen heute ihre Erkenntnisse aktiv verbreiten, um gegen Desinformation und Propaganda zu bestehen. Hier geht es um Selbstbehauptung im öffentlichen Raum: Gerade angesichts zunehmender populistischer Vereinfachung braucht es eine sachliche und sprachliche Klarheit, die alle Menschen erreicht. Um in den Debatten verstanden zu werden, muss Wissenschaft verständlich sein – auch über den akademischen Raum hinaus.“

Das Projekt wurde auch von der Comune di Guamaggiore unterstützt, deren langfristiges Engagement wesentlich zur Untersuchung und dem Erhalt der Fundstätte beigetragen hat.

Originalpublikation:

Amicone, S., Tiezzi, V., Broisch-Höhner, M., Freund, K. P, Heinze, L., Morandi, L. F., Salis, G., Pilo, C.: Ritual and connectivity in Nuragic Sardinia: an interdisciplinary study of ceramics and metalwork from Nuraghe Barru. Open Archaeology, https://doi.org/10.1515/opar-2025-0078

Weitere Informationen:

https://sketchfab.com/3d-models/nuraghe-barru-7a93b0f714144e95b3a4eb5e11ba6098 – 3D-Modell der Nuraghe Barru (Beschriftung italienisch)

Bildquelle
Luftaufnahme der Fundstätte Nuraghe Barru im zentral-südlichen Sardinien. Quelle: Lars Heinze, Copyright: Drohnenfoto: Lars Heinze

Der nuraghische Komplex Barru mit dem Zisternenbrunnen. Die aus mehreren Türmen bestehende Nuraghe ist von mehrheitlich runden Hütten umgeben. Quelle: Amir Ahmadpour and Lars Heinze, Copyright: Orthofoto: Amir Ahmadpour and Lars Heinze

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