Weltkarte der Studie: Die blau markierten Länder zeigen die 77 Länder, in denen die internationale Online-Studie durchgeführt wird. Zur Umfrage: https://www.soscisurvey.de/tricc-project/. Copyright: Abbildung: Kristof Keidel/Uni Bonn

Ich will alles sofort – oder doch später?


Geld verjubeln – oder sparen? Gemütlich auf die Couch – oder doch besser Sport? Schokolade verputzen – oder für später etwas übriglassen? Solche Entscheidungen sind nicht einfach zu treffen, weil die schnelle Belohnung hinter ein längerfristiges Anliegen zurücktreten muss. Menschen verhalten sich dabei sehr individuell – auch zwischen den Kulturen. Um diese Art der Entscheidungen besser zu verstehen, führen Psychologen der Universität Bonn mit Forschenden in 77 Ländern eine ungewöhnlich große Online-Studie durch: Rund 15.000 Personen sollen befragt werden. Interessierte Erwachsene können noch bis zum 18. August 2026 teilnehmen: https://www.soscisurvey.de/tricc-project/.

Bonn/Germany, 29. Juni 2026. – Zumindest in westlichen Nationen kann man sich fast alles beschaffen was man braucht und nicht braucht. Ist der Hunger gross, wird man unmittelbar etwas essen können, unabhängig der Qualität. Wer gewohnt ist seinen Hunger immer stillen zu können, der greift vielleicht auch mal zu einem Produkt, das er gerade im Schaufenster gesehen hat und verschiebt das Stillen des Hungers auf einen anderen Zeitpunkt. Fakt ist, es kostet psychische Energie sich etwas aufzusparen, bringt mittel- bis langfristig aber Ressourcen mit sich die unbezahlbar scheinen. In Zeiten von wachsend durch Algorithmen getriebenen Leben, stellt sich ebenso wachsend die Frage nach Entscheidungsfähigkeit und kritischem Denken, hinterfragen. Die Universität Bonn unternimmt hierzu nun eine grossangelegte international Studie.

Während man in Zeiten der Not genauer über das eigene wirtschaften nachdenken musste, steht es Menschen heute offen sich dieses oder jenes beschaffen zu müssen oder zu können. Die Freiheit ist nahezu grenzenlos. Auf diese weise wird auch eine Leere bewusst. Wozu all das? Mit der Künstlichen Intelligenz stellt sich zunehmend die Frage nach dem Sinn des Lebens, nach dem Sinn des wirtschaftens. Genauso wird auch der Ruf von Regeln und Tugenden wieder lauter. Es scheint, alle Welt verlangt nach der Antwort eines höheren Sinns. Wann immer Völker geendet haben, in etwa wegen Klima, wegen Mangel an Ressourcen oder wegen Kriegen und Konflikten, die Geschichte zeigt, man wird wohl immer nach dem Sinn gefragt haben. Denn wenn Menschen Verluste verspüren, erlangen sie Weisheit. Die Gedanken gehen irgendwann vom kurzfristigen Denken über in Richtung übergeordneter Zeiten. Ist der mentale Hunger gesättigt, wird Leben kurzweilig und pulsiert.

Die Suche nach dem Sinn macht glücklicher, hieß es vor wenigen Jahren einmal in einer Studie. Und unlängst sprach der Tiroler Investor Charly Kleissner (1) in einem Kurzinterview des ORF davon, das Menschen sich weniger um die Algorithmen selbst Gedanken machen sollte, als vielmehr um das Menschsein selbst. Nur wer den Sinn seiner Bestimmung kennt oder hinterfragt, wird erahnen können welche Entscheidung welche Konsequenz haben wird oder haben kann. Wachsen aber tut man an den Erfahrungen und an den Entscheidungen die getroffen wurden. Wer nichts tut, unternimmt oder handelt, der kann daran nicht wachsen. Die Reflexion, Introspektion, der Blick auf sich selbst, nachdem Handlungen erfolgt sind, der Blick zurück – Re-Ligio auf das was geschehen war, beinhaltet daran auch Entscheidungen ermessen zu können, abwägen zu können was einem nützlich erschien.

„Spare in der Zeit, dann hast du in der Not!“ Sich etwas aufzusparen kostet Energie. Das Bedürfnis, woher auch immer es kommt, ob es verführerisch ist oder nicht, jetzt ist es da und die Chance es zu befriedigen ist gegeben. Den Verzicht zu üben, weil man ein höheres Ziel vor Augen hat, das bringt die Eigenschaft mit sich leiden zu können und zu müssen. Auch die Volkswirtschaftlichen Modelle rechnen sich danach aus wie Menschen sich tendenziell verhalten, ob sie sparen oder kleine Anschaffungen tätigen und welche Muster sich daraus ergeben. An genau der Frage scheiden sich die Geister. Warum sollte ich leiden müssen oder wollen. Auch Abraham Maslow, Bedürfnisforscher und Humanpsychologe konnte durch seine Arbeit zeigen, das Ziel muss es sein, das alles im Fluss ist. Und doch müssen Dinge kritisch hinterfragt sein und werden, wenn möglich analysiert und abgewogen. Und immer wenn man meint das Abläufe automatisiert sind und gut funktionieren, es tauchen neue Störungen auf. Mit je mehr Gegenständen im Leben man konfrontiert ist, umso größer die potenziellen Fehlerquellen, Unterbrechungen oder Störungen. Und dann ist da noch dieses oder jenes zu berücksichtigen, der sogenannte Götzendienst, der Leben und gestalten im Fluss ins stottern bringt. In Zeiten von Storytelling und gemeinsamer Narrative ist der Übeltäter hierfür auch schnell gefunden. Denn Maslow beschreibt, solche Störungen entstehen in der Kindheit, in Zeiten von Konflikten, Kriegen und Not. Leben mit wenig oder ohne Struktur, mit wenig Hoffnung oder wenig Aussicht.

Immer, wenn wir kurzfristige und langfristige Konsequenzen gegeneinander abwägen, treffen wir sogenannte „intertemporale Entscheidungen“. „Sie prägen unseren Alltag“, sagt Studien-Koordinator Dr. Kristof Keidel vom Institut für Psychologie der Universität Bonn. So ist der Hang zum sofortigen Konsum auch in der Rock-Hymne „I want it all, I want it now“ (Ich will alles, und zwar sofort) verewigt. In vielen Fällen kommen aber größere Vorteile erst nach einem längeren Zeitraum zum Vorschein. Intertemporale Entscheidungen und der damit verbundene Verzicht sind eine Grundlage etwa für größere Anschaffungen, Gesundheit und Nachhaltigkeit.

Weder „falsch“ noch „richtig“

„Hierbei gibt es keine richtigen oder falschen Entscheidungen“, betont Keidel. „Es geht allein um persönliche Vorzüge, die natürlich auch jeweils durch die Situation geprägt sind.“ Bei überschaubaren Ressourcen kann es sogar besser sein, die kleinere Belohnung sofort zu wählen – weil nicht klar ist, ob morgen noch etwas übrig ist. Darüber hinaus hängen solche Entscheidungen häufig auch von der jeweiligen Stimmung ab: Wer Trost sucht, stürzt sich wohl eher in den sofortigen Konsum als derjenige, der sich auf die Zukunft freut.

Doch jenseits individueller Präferenzen deuten Befunde aus vorangegangenen Studien darauf hin, dass sich intertemporales Entscheidungsverhalten auch zwischen verschiedenen Ländern unterscheiden kann. „Wir wollen herausfinden, wie wir Menschen ticken und wie wir dazu beitragen können, dass Entscheidungen so gut wie möglich getroffen werden können“, sagt Keidel. Die Forschenden möchten den Kreis der zu Befragenden deshalb möglichst ausweiten und vor unterschiedlichen kulturellen Hintergründen durchführen.

Monetäre Belohnungen

Die Studie rückt Entscheidungen in den Mittelpunkt, die sich um Geld drehen. „Sie sind besonders gut vergleichbar und quantifizierbar“, begründet Keidel. Die Ergebnisse lassen Rückschlüsse darauf zu, wie Menschen in verschiedenen Ländern zukünftige monetäre Belohnungen einschätzen und welche Auswirkungen dies hat.

„Es handelt sich bei diesem Projekt um eine der größten Studien überhaupt zu intertemporalen Entscheidungen – sowohl in der Größe der Stichprobe als auch in der Anzahl der Länder“, sagt Prof. Dr. Ulrich Ettinger, der die Studie zusammen mit Dr. Kristof Keidel koordiniert. Mehr als 100 Forschende kooperieren in diesem Projekt und koordinieren die Befragung in 77 verschiedenen Ländern (https://www.psychologie.uni-bonn.de/de/institut/abteilungen/allgemeine-psychologie-experimentelle-klinische/tricc-project). Die Studie wird nicht durch Drittmittel gefördert, sondern von den beteiligten Forschungsgruppen getragen.

Die Befragung dauert nur wenige Minuten. Erwachsene können online an der Umfrage teilhaben: https://www.soscisurvey.de/tricc-project/. Teilnehmende tragen dazu bei, dass auch ihre Perspektiven einfließen, damit Entscheidungsverhalten weltweit aus wissenschaftlicher Sicht noch besser verstanden werden kann – und sie verhelfen der großen, internationalen Studie zum Erfolg. Die Ergebnisse sollen in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift publiziert und öffentlich zur Verfügung gestellt werden.

Weitere Informationen:
https://www.soscisurvey.de/tricc-project/

1 Impact Hub, Charly Kleissner, Tirol Heute, 26.06.2026, https://youtu.be/sQNzKnZDPAU?si=bTpAhRNxEOJf_eS1

Bildquelle
Weltkarte der Studie: Die blau markierten Länder zeigen die 77 Länder, in denen die internationale Online-Studie durchgeführt wird. Zur Umfrage: https://www.soscisurvey.de/tricc-project/. Copyright: Abbildung: Kristof Keidel/Uni Bonn

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