Der Grabhügel „Kurgan Shilikty 16“ in Kasachstan vor den Ausgrabungsarbeiten. Copyright: © Rinat Zhumatayev

Familiäre Verbindungen bei Elitebestattungen der Skythen in der eurasischen Steppe


Eine neue Studie zu alter DNA liefert Hinweise darauf, dass politische Macht unter skythischen Eliten möglicherweise über Familienlinien vererbt wurde, die sich über mehrere Begräbnisstätten erstreckten. Indem sie Methoden aus den Bereichen Archäologie, Anthropologie und Genetik verbindet, ermöglicht die Studie neue Einblicke in die Entstehung sozialer Ungleichheit und politischer Autorität in frühen nomadischen Gesellschaften.

Leipzig/Germany, 3. Juli 2026. – Wie so üblich, blickt man etwas in die Vergangenheit zurück, erwirbt man sich Hinweise auf den weiteren Verlauf der Zukunft. Formen der Macht sind aus den jeweiligen Geschlechtern entstanden. Durch weibliche und männliche Geschlechter werden jeweils patrizentrische und matrizentrische Herrschaftsformen, Machtformen produziert. Das unsere moderne Gesellschaften sich in Richtung egalitären Gesellschaftsformen entwickeln kann man inzwischen durchaus erkennen. Denn die wachsende Diversität und der Wunsch der Menschen nach eigenwilligen Gesellschaftsformen treibt die Entwicklung voran, das sich frühere Machtformen abzuflachen scheinen, während der Ruf Ritualen, Tugenden und Traditionen, wie man sie aus der Religion zur Orientierung kennt, wieder zuzunehmen scheinen.

Die Hinweise das es aber schon in frühen Uhrzeiten solche Machtformen in den Gesellschaften gab verdichten sich zunehmend. Zur Zeit der Skythen gab es bereits Sesshaftigkeit, was dieses Volk als nomadisches Volk interessant macht. Ihre ursprüngliche Herkunft, Zentralasien, zeigt nicht das erste mal Hinweise aus dieser Region bei dem matrilokale Herrschaftsformen galten.

Eine neue Studie zu alter DNA liefert Hinweise darauf, dass politische Macht unter skythischen Eliten möglicherweise über Familienlinien vererbt wurde, die sich über mehrere Begräbnisstätten erstreckten. Vererbungsformen über Blutsverwandschaften sind heute Gang und gebe. In früheren Zeit haben Vererbungen über Religionen stattgefunden und sind meist über die Frau, die Mutter erfolgt. Indem sie Methoden aus den Bereichen Archäologie, Anthropologie und Genetik verbindet, ermöglicht die Studie neue Einblicke in die Entstehung sozialer Ungleichheit und politischer Autorität in frühen nomadischen Gesellschaften. Ob Vererbungen linear oder zyklisch verlaufen Spielt eine wichtige Rolle über den weiteren Verlauf von der Entwicklung von Gerechtigkeit vs. Ungerechtigkeit als auch Gleichheit. Die Studie trägt daher auch einen Anteil zur Verdeutlichung des Weltpolitischen Geschehens bei.

Die skythisch-sibirische Reiternomadenkultur entstand im ersten Jahrtausend v. Chr. und erstreckte sich vom Altai-Gebirge bis zum Schwarzen Meer. Die Skythen waren hochmobile, berittene Nomaden, die in der Eisenzeit die weiten Räume der eurasischen Steppe durchquerten. In dieser Zeit entstanden in der gesamten eurasischen Steppe große Grabhügel für Personen mit einem hohen gesellschaftlichen Status. In diesen aufwendig angelegten, monumentalen Gräbern wurden häufig reich geschmückte Frauen und Männer mit Goldornamenten, Waffen und geopferten Tieren bestattet.

Andere Personen wurden hingegen in deutlich kleineren und schlichteren Hügelgräbern mit nur wenigen oder gar keinen Grabbeigaben beigesetzt. Solche markanten Unterschiede werden seit Langem als Hinweis auf eine zunehmende soziale Ungleichheit und das Entstehen mächtiger Eliten innerhalb der eisenzeitlichen Bevölkerung gedeutet. Eine zentrale Frage blieb jedoch bislang unbeantwortet: Wie wurde Elitenstatus erhalten und weitergegeben? Wurden Machtpositionen durch individuelle Leistung erworben oder vererbt? Es sind Ereignisse und Fragen die aktuell ins Zeitgeschehen passen. Aktuell entsteht eine grosse Ungleichheit. Wer heute ausreichend Geld zur Verfügung hat kann sich Recht erkaufen und im Gegensatz dazu Unterdrückungsarbeit leisten. Auf diese Weise entstehen Eliten. Aber auch wie es schon in früheren Zeiten der Fall war, drohen auch dieses mal höhere Gewalten, wie sie sich durch den Klimawandel ankündigen.

In der neuen Studie wurde die genomweite DNA von 85 Individuen aus der Eisenzeit analysiert, darunter 38 Angehörige der Elite und 47 Nicht-Elitepersonen aus dem Raum Zentral-Eurasien. Sie umfasst 46 neu sequenzierte Genome sowie erstmals genomweite Daten des berühmten skythisch-sakischen „Goldenen Mannes“ von der archäologischen Fundstätte Issyk in Kasachstan, die zu den herausragendsten archäologischen Entdeckungen der zentraleurasischen Steppe zählt.

Goldener Mann

Zu den bedeutendsten Funden aus der zentraleurasischen Steppe zählen die Kurgane von Issyk in Kasachstan, die sich etwa 50 Kilometer östlich von Almaty befinden. Bei den Ausgrabungen dieses mit der eisenzeitlichen Saka-Kultur verbundenen königlichen Gräberkomplexes wurde die auf 400–300 v. Chr. datierte Begräbnisstätte des „Goldenen Mannes“ entdeckt. Die Person wurde in einer Holzkammer beigesetzt, in der sich mehr als 4.000 Goldornamente, Waffen, eine mit Gold verzierte Kopfbedeckung, zoomorphe Artefakte sowie eine Silberschale mit unbekannter Schrift befanden.

Rekonstruktion des ikonischen „Goldenen Mannes“.
Copyright: © Gulmira Mukhtarova
Rekonstruktion des ikonischen „Goldenen Mannes“.
Copyright: © Gulmira Mukhtarova



In der aktuellen Studie ermöglichen die genomweiten Daten des „Goldenen Mannes“ erstmals genetische Einblicke in das Leben dieser ikonischen Person. Die Ergebnisse verorten ihn innerhalb der genetischen Variation eisenzeitlicher Saka-Individuen und tragen zugleich zur Klärung einer lange diskutierten Frage bei: Die Person war höchstwahrscheinlich männlich.

Familiäre Verbindungen zwischen Elitebestattungen

Durch die Analyse alter Genome von Personen aus skythischen Elitegräbern und den Vergleich mit Nicht-Elitebestattungen hat ein internationales Forschungsteam Hinweise auf enge familiäre Beziehungen zwischen Eliteangehörigen über mehrere, mehr als 100 Kilometer voneinander entfernte Gräberfelder hinweg identifiziert. Zudem fanden sich Anzeichen für Paarbeziehungen zwischen Verwandten. Die Ergebnisse deuten demnach darauf hin, dass der Elitenstatus innerhalb miteinander verflochtener Familienlinien erhalten wurde, die die politische Autorität und soziale Organisation in der zentraleurasischen Steppe prägten.

„Wir hatten nicht erwartet, dass sozialer Status von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Es zeigte sich jedoch eindeutig, dass Personen mit hohem Status enger miteinander verwandt waren – selbst wenn sie an unterschiedlichen archäologischen Stätten bestattet worden waren – als mit Personen niedrigen Status, die an denselben Orten wie die Eliten begraben lagen“, sagt Ainash Childebayeva, Assistant Professor für Anthropologie an der University of Texas at Austin sowie Forscherin am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und am Institut für Genetik und Physiologie in Almaty.

Die Forschenden fanden keine eindeutigen Hinweise darauf, dass der Elitenstatus mit patrilokalen oder matrilokalen Lebensweisen verbunden war. Dies legt eine komplexere soziale Organisation der skythischen Eliten nahe, die nicht allein auf Geschlechterdifferenzierung beruhte.

Weibliche Elitepersonen in der skythischen Gesellschaft

Die Studie wirft auch ein neues Licht auf die Rolle von weiblichen Elitepersonen in der skythischen Gesellschaft. „Eine wichtige Beobachtung war die auffällige Präsenz von Frauen innerhalb der Elite“, sagt Ayshin Ghalichi. „Fast die Hälfte der Elitepersonen in unserem Datensatz war weiblich. Das zeigt, dass Frauen in der skythischen Gesellschaft der Eisenzeit einen hohen sozialen Status innehaben konnten.“

Die Präsenz von Elitefrauen in reich ausgestatteten Gräbern, verbunden mit genomischen Hinweisen auf Verwandtschaftsbeziehungen zwischen hochrangigen Personen über verschiedene Begräbnisstätten hinweg, deutet auf eine Gesellschaft hin, in der Status, Autorität und Verwandtschaft eng miteinander verknüpft waren. Die Ergebnisse legen nahe, dass politische Autorität unter eisenzeitlichen skythischen Gruppen eher über erweiterte Familiennetzwerke der Elite organisiert war als über einfache Residenzmuster entlang männlicher oder weiblicher Linien.

Leyla Djansugurova vom Institut für Genetik und Physiologie in Almaty (Kasachstan) erläutert die breitere kulturelle Bedeutung der Studie: „Skythen und Saken sind Sammelbezeichnungen für nomadische Stämme der frühen Eisenzeit. Sie bewohnten den zentraleurasischen Raum von der Donau bis zum Altai. Die alten Griechen nannten sie ‚Skythen‘ – Herodot prägte diesen Begriff –, während persische und indische Quellen sie als ‚Saken‘ bezeichneten. Historisch bezieht sich der Begriff ‚Skythen‘ häufiger auf die westlichen Stämme im Schwarzmeerraum, der Begriff ‚Saken‘ dagegen auf die östlichen Gruppen in Zentralasien und im Altai. All diese Stämme verband der sogenannte skythisch-sakische Tierstil in der Kunst sowie eine ausgeprägte militärische Fertigkeit und nomadische Viehwirtschaft. Sie verfügten über keine eigene Schriftsprache, hinterließen jedoch große Grabhügel, deren Erforschung das weltweite Verständnis der Kultur nomadischer Völker Eurasiens in dieser Epoche maßgeblich geprägt hat.“

Das eindrucksvollste Beispiel skythisch-sakischer Kultur ist der „Goldene Mann“ aus dem Grabhügel von Issyk, der zum nationalen Symbol Kasachstans geworden ist. Darüber hinaus sind zahlreiche weitere Funde von „Goldenen Männern“ und „Goldenen Frauen“ durch kasachische Archäologinnen und Archäologen bekannt. Der besondere Wert dieser genetischen Studie liegt darin, dass erstmals verlässliche DNA-Daten zu zahlreichen Objekten der sakischen Elite, darunter der „Goldene Mann“ aus dem Grabhügel von Issyk, die „Prinzessin von Urzhar“ und der „Goldene Mann von Shilikty“, gewonnen wurden. Von besonderer Bedeutung ist auch, dass skythisch-sakische Elitepersonen im Vergleich zu Nicht-Elitepersonen untersucht wurden, die an denselben Fundorten entdeckt worden waren. Dieser Ansatz ermöglichte es, Besonderheiten des Heiratsverhaltens der Eliten zu bestimmen und miteinander verbundene Nekropolen zu identifizieren. So bereichert diese genetische Studie das Wissen über die skythisch-sakische Kultur erheblich.

Durch die Zusammenführung archäologischer, anthropologischer und genomischer Erkenntnisse zeigt die Studie, dass die skythische Elite eine durch familiäre Verbindungen geprägte Gesellschaft war, deren Netzwerke sich über Bestattungsplätze und Regionen hinweg erstreckten. Die Ergebnisse liefern neue Einblicke in die Bewahrung hoher Statuspositionen, die Entstehung politischer Autorität und die Entwicklung sozialer Ungleichheit in den frühen nomadischen Gesellschaften der eurasischen Steppe.

Originalpublikation:

Ayshin Ghalichi et al.
Ancient DNA reveals elite dynastic rule among Iron Age Eurasian Steppe nomads
Science Advances, 3 July 2026, https://doi.org/10.1126/sciadv.aef0108

Bildquelle
Der Grabhügel „Kurgan Shilikty 16“ in Kasachstan vor den Ausgrabungsarbeiten. Copyright: © Rinat Zhumatayev

Rekonstruktion des ikonischen „Goldenen Mannes“. Copyright: © Gulmira Mukhtarova

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