Charakteristik der Geschlechter

Herleitung

Liebe geht auf den Akt des ursprünglichen Getrenntseins zurück. Das Bedürfnis nach Liebe geht auf die Erfahrung, das Verlangen des Getrenntseins zurück. Aus dem getrennt sein entspringt die Angst durch Erfahrung des Getrenntseins von Erfahrung diese zu überwinden und in Einheit zu gelangen.
Der produktive Charakter ist das Geben, der höchste Ausdruck seines Vermögens. Darin zeigt sich die ganze Stärke und der Reichtum der Macht. Im Akt des Schenkens kommt die eigene Lebendigkeit zum Ausdruck.

Höhepunkt männlicher Sexualfunktion liegt im Geben. Der Mann gibt sich selbst, gibt sein Geschlechtsorgan der Frau. Auch die Frau gibt sich und ihr Geschlecht dem Mann hin. Kann sie das nicht, gilt sie als frigid.
Die Liebe ist eine Macht die Liebe erzeugt. Man liebt, wofür man sich müht und man müht sich für das, was man liebt.
Die Überwindung des Getrenntseins ist Grundbedürfnis des Menschen. Der Mensch will sich mit anderen vereinen. Die größte Macht liegt daher in der horizontalen Verbindung, sie ist dominierend, das geheime Band das Menschen verbindet.
Wir können den Wunsch nicht unterdrücken, in das Geheimnis der Seele des Menschen, in den inneren Kern seines wahren Wesens einzudringen. Eine Möglichkeit dies zu erreichen ist, den anderen in seine Gewalt zu bringen. Die Grausamkeit ist durch etwas Tieferes motiviert, durch den Wunsch, hinter das Geheimnis der Dinge und des Lebens zu kommen. Liebe ist das andere Geheimnis tief in einen Menschen einzudringen. Liebe ist der einzige Akt, bei dem man durch das Eindringen in den anderen sich selbst erkennt und erfährt.
Wer in Partnerschaft lebt und damit in einer Wechselwirkung, lebt im Ausdruck der eigenen Produktivität hemmungsloser. Weil Mann und Frau im Ursprung eins waren, sucht jeder seine Hälfte im anderen. Mann und Frau sind im psychologischen Sinne bisexuell, beide tragen empfangen und eindringen in sich.
Wächst die Liebe zu Gott in deinem Herzen, so wirst auch du ohne Zweifel von Gott geliebt.
In der Umkehrung der Liebe ist das männliche Sadismus, Gewalt wollend, dass weibliches ist Masochismus, besitzen wollend.

Die Mutter ist die Heimat, aus der wir kommen, sie ist die Natur, die Erde, das Meer.
Der Vater hat in den ersten Jahren des Kindes nur wenig Kontakt. Die väterliche Verbindung ist in der frühen Zeit nicht mit der der Mutter zu vergleichen. Der Vater vermittelt die Welt des Denkens, die Welt der vom Menschen geschaffenen Dinge, Gesetz, Ordnung und Disziplin, und die Welt der Reisen und Abenteuer. Der Vater weist dem Kind den Weg in die Welt. Auf dieser Weise entstehen ein mütterliches und Väterliches Gewissen. Die Liebe kultiviert und entwickelt sich in Bezug zu den Armen.
Liebe muss im Verlauf des Lebens entwickelt werden. Sie unterliegt der Verrohung. Lieben lernt man, in dem zu lernen ist zu vergeben. Mutterliebe ist die höchste Form der Liebe

Die Nächstenliebe und die erotische Liebe sind beides lieben zwischen gleichen.
Die Beziehung zwischen Mutter und Kind ist ungleich. Der eine Teil braucht alle Liebe, der andere gibt alle Liebe.
Wegen dieses altruistischen, selbstlosen Charakters gilt die Mutterliebe als die höchste Art der Liebe und als heiligste aller emotionalen Bindungen. Auch das Bedürfnis nach Transzendenz ist eines der Grund Bedürfnisse des Menschen. Die Mutter transzendiert sich selbst in ihrem Kind. Wahre Mutterliebe besteht darin, dass sie selbst wünscht, dass das Kind von ihr loskommt. Der Mann transzendiert durch Schöpfung.

Die Entwicklung der menschlichen Rasse ist die Loslösung des Menschen von der Natur, von der Mutter, von der Bindung an Blut und Boden. Die Natur gilt als das beständigste Kollektiv des Menschen.
Auf einer späteren Entwicklungsstufe, wenn der Mensch sich handwerkliche und künstlerische Fähigkeiten erworben hat und nicht mehr ausschließlich auf die gaben der Natur – die Früchte die er findet, und die Tiere, die er jagt – angewiesen ist, verwandelt er das Erzeugnis seiner eigenen Hände in einen Gott. Es ist dies das Stadium der Verehrung von Götzen aus Lehm, Silber oder Gold, und betet so auf eine entfremdete Weise sein eigenes können an. Auf einer noch späteren Stufe verleiht der Mensch seinen Göttern menschliche Gestalt. Offenbar ist er dazu imstande, nachdem er sich seiner selbst stärker bewusst geworden ist und den Menschen als das höchste und ehrwürdigste Ding auf der Welt entdeckt hat.

Charaktereigenschaften

Von hier aus entwickeln sich zwei Dimensionen. Für die eine Dimension ist die weibliche oder die männliche Natur der Götter ausschlaggebend.
In der anderen Dimension hängt die Art der Götter und die Art, wie sie geliebt und verehrt werden, vom Grad der Reife ab, den die Menschen erreicht haben.

Von nun an ist die Entstehung matrizentrischer und patrizentrischer Religionen der Einfluss, dass Vater wie Mutter im Leben eines Kindes zu gottgleichen Wesen werden, unabhängig vom Grad ihrer Reife.
Hier wird auch schnell klar, warum die Evolution eine erneute Orientierungsmöglichkeit verlangt. Kinder müssen in der Zukunft dazu befähigt werden ihre eigene Orientierung entwickeln zu können. Solange Eltern, egal welches Geschlechts und welcher Reife als Götter betrachtet werden, haben Kinder Nachteile in ihrer Chance ihr Leben auf selbstbestimmte Weise gestalten zu können. Ab dem Zeitpunkt, an dem ein Kind religiös kultiviert wird, entsteht der Zeitpunkt des Konfliktes zu seiner Herkunft.
Durch die Evolution wird dem Menschen bekannt das er aus Vater und Mutter entstanden ist. Die Religion aber drückt aus, das ein Kind ein Kulturgut des Universums ist. Ein Gottgewollter Mensch.

Alle Mütter lieben ihre Kinder, weil sie ihre Kinder sind! Kinder machen sich weder verdient noch müssen sie sich verdient machen. Daher beruht die Mutterliebe auf Gleichheit. Alle Menschen sind gleich, weil sie alle Kinder einer Mutter sind.

Im Patriarchat als weitere menschliche Entwicklungsstufe. Seine Liebe richtet sich nach der Bewertung des Vaters. Der Vater fordert den Wettbewerb. Durch den Wettbewerb, den Wettstreit entstehen Hierarchien und die Mutter wird von ihrer alles beherrschenden Stellung entthront. Der Vater wird in der Religion und der Gesellschaft das höchste Wesen.
Das Patriarchat geht einher mit der Sesshaftwerdung. Väterliche Liebe kann man sich nicht verdienen oder erkaufen, keine Wohltat kann helfen väterliche Liebe zu begünstigen. Väterliche Liebe ist Gnade. Man erwirbt sich diese ausschließlich durch Gehorsam und das Erfüllen seiner Gebote.

Die Liebe der Mutter kann man sich ebenfalls nicht erwerben. Man besitzt sie, oder man besitzt sie nicht. Man kann sich lediglich in ein hilfloses, machtloses Kind verwandelt und darf vertrauen haben. Für Fromm ist anstelle der Gewissheit, von der Mutter geliebt zu werden, ein intensiver Zweifel, die Hoffnung, entgegen aller Hoffnungen vom Vater bedingungslos geliebt zu werden, das hervorstechendste Merkmal des Glaubens.
Gott ist gerecht und streng, er belohnt und bestraft, um mich dann als seinen Lieblingssohn auserwählt zu haben.
Der matriarchale Aspekt der Religion erlaubt, das ich Gott als eine allumfassende Mutter liebe. Der Unterschied zwischen der mütterlichen und der väterlichen Liebe zu Gott ist nur durch den Faktor der Wesensbestimmung dieser Liebe geprägt.


(Aus die Kunst der Liebe , Erich Fromm, 2020)

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