König Heinrich VIII. von England in Prunkgewand mit Schamkapsel. Gemälde nach Hans Holbein d. Jüngeren, um 1540

Calvin Klein – der Mann als Objekt

Calvin Klein ist bekannt für Provokation, ikonische Bilder und Antreiber für Diskussionen zwischen zwei Meinungen. Konservativ oder Progressiv! Was steckt hinter der Kampagne um die aktuelle Unterwäschenkollektion, bei der US-Schauspieler Jeremy Allen White in lasziven Posen zeigt was in ihm steckt, besser in was er steckt. In der Modegeschichte kam es immer wieder zu Wechselwirkungen zwischen der Darstellung von Männern und Frauen. Sex treibt nicht nur die Überlebensfähigkeit voran, es macht die Gesellschaft resilient und steht im engen Konflikt mit dem Dogmatismus.
In der Geschichte kam es immer wieder zu Wechselwirkungen. Wechselt jetzt der Zeitgeist mit dem Blick auf das andere Objekt eine neue Begierde? Ein Werbefoto der neuen Unterwäschekollektion von Calvin Klein kam am 4. Januar 2024 in die sozialen Medien – und ging sofort viral. Star der Kampagne ist der US-Schauspieler Jeremy Allen White. Muskulöser Körper, laszive Posen, provozierende Blicke – Jennifer Wilson, Journalistin für das Magazin „The New Yorker“, erzählt in der Arte Dokumentation (siehe unten), wie die Marke zu dieser neuen, sexualisierten Ästhetik kam. Der Werbeexperte Benjamin Bloch erinnert daran, dass die Werbung Männer bereits seit mehreren Jahrzehnten auszieht – aber doch immer anders als die Frauen.

Provokation ist, wenn man so will, gesellschaftlich einen neuen Reiz zu setzen. So wie ich mir im Sport oder in der Ernährung ab und an neue Ziele setzen will oder muss, so ist das Suchen neuer Herausforderungen an der richtigen Stelle ein wichtiges Instrument, um das Bewusstsein aufrechtzuerhalten. Denn schon nach kurzer Zeit und dem Bewältigen dessen, was man glaubt zu beherrschen, sinkt die Achtsamkeit.

Sexualität ist ein polarisierendes Thema und durchaus geeignet, dem Mainstream – der vorherrschenden Meinung und eingeschlafenem Tagesgeschehen – eine neue Richtung zu geben. Sie gilt ausserdem in einem ungeordneten Zustand Diffus, in einem geordneten ist sie als Kontinuum zwischen zwei Maximalen Polen zu sehen, vom weiblichen bis hin zum männlichen. In den Organen nicht zu finden, daher ein rein gedanklich kultivierte Entwicklung (1, 3). Weiterhin steht das Wachstum des Gehirns in unmittelbarem Zusammenhang zur sexuellen Evolution, was der Pionier der Sexualforschung Wilhelm Reich nachweisen konnte (2, 4).

Der Dogmatismus, bekannt als Festlegungen in Glaubensfragen, dessen Ursprung in der Religion zu finden sei, seinen biologischen Ursprung aber wohl in Traumata habe, kam spätestens in der Zeit des Rationalismus durch Samuel Reimarus (1694–1768) auf. René Descartes (1596–1650) hinterfragte in der Zeit des Rationalismus, dessen erster Vertreter er war, das „Ich“, sein Bewusstsein und der göttlichen Intension. Damit startete eine Reise um die Diskussion der vielfältigen Religionen. Er fand mit Samuel Reimarus einen Kritiker des Dogmatismus und damit ein Aufbegehren gegen diese Meinungen. Wenige Zeit später bekämpfte Voltaire (1694–1778) abschließend diesen mit allem, was ihm lieb war. Das ganze Dilemma endet in der Zeit der französischen Aufklärung.

Dogmatismus ist der klare Gegenspieler eines progressiv aufstrebenden Geistes der individuellen Freiheit. In der Mode durchaus paradox, den progressiv steht gegen Konservatismus, während gerade die Verbindung zu Retro und Vintage als Ausdruck einer modernen Zeit gilt (5). Ein neuer Reiz regt spätestens mit Calvin Klein nach der 68er-Revolution regelmäßig zur neuen Diskussion an und lotet in der Gesellschaft neue Grenzen aus. Mode, Werbung und Bewusstsein finden hier regelmäßig einen Initiator und geben globale Trends in allen Lebensbereichen vor. Calvin Klein reduziert – wie es Designer tun – den Zeitgeist durch Mode auf den Punkt.

In der Geschichte kam es immer wieder zu solchen Formen der Wechselwirkung, die über die reine Selbstdarstellung hinaus gingen. Wenn nun über die Jahrzehnte die Frau das Objekt der männlichen Begierde war, dann steht jetzt möglicherweise ein denkbarer Wechsel an. Denn die Geschlechterrollen wechseln immer wieder, und eines ist der Zeit an gemessen dominierender in seinem Milieu, was auf einen Wechsel im Zeitzyklus hinweisen dürfte.

Noch mit dem Beginn des 17. Jh. nahm die Frauenkleidung aus heutiger Sicht absurde Formen an. Am bekanntesten mag der französische Reifrock sein, der den Rock einer Frau so groß werden ließ, dass dieser weder durch Türrahmen kam noch sie sitzen konnte. Während die Damenwelt aber alles zu verpacken schien, musste sich der Mann offensichtlich auf das Zentralste seines Erbes minimalisieren. Denn es war dieser Zeit offensichtlich wichtig, dass dieser seine Potenz zu unterstreichen wusste, auch in oder durch seine Ritterrüstung hindurch, wie Bilder von Heinrich zeigen. Das, was heute aktuell noch das Cameltoe in der Damenwelt ist, so war die Schamkapsel gerne auch mal mit einer umfangreichen Schleife versehen, um auf die Potenz hinzuweisen.

Von Nach Jean-Michel Moreau - Transfered from de.wikipedia, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2286636
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Interessant in der kurzweiligen Doku ist aber auch, wie die Idee der Kampagne entstanden ist. Designer, Kreative und Contacter der Werbebranche schauen gezielt dorthin, wo Kampagnen erfolgsversprechend verliefen, und passen diese auf die eigene Situation an. Auf diese Weise wird das globale Trendlevel aufrechterhalten.

Im christlich Raum sind häufig theistisch-evolutionäre Vorstellungen vertreten, wie sie durch den französischen Jesuitenpater und Paläoanthropologen Pierre Teilhard de Chardin (1881 – 1955) entwickelt und von Anhänger popularisiert wurden. Ihre Ausgangsthese ist der Auffassung, die Schöpfung bedient sich des Evolutionsprozesses um die Vielfalt des Lebens ins Dasein zu rufen. Heute könnte man vielleicht kurz gesagt ausdrücken, die Evolution ist biologisch, während Religionen die Kultivierung des Menschen ins Leben gerufen haben. Die Evolution musste das Denken können aus biologischer Sicht erst herstellen. Spätestens in der Zeit der Mythologie, als das denken greifbarer wurde und durch Bild und Zeichensprachen eine kommunikative und informative Plattform fand, konnte ein Akt der Kultivierung beginnen, der durch die Evolution der Religion nun Eingang in das Denken der Menschen fand. Unwissenheit und Unverständnis dürften Auslöser noch heutiger Konflikte sein.

Calvin Klein – Man as object
https://www.arte.tv/en/videos/116710-092-A/the-world-in-images/

Calvin Klein – Der Mann als Objekt, Arte 2024
https://youtu.be/Zc-RQ6x5t1k?si=IhpvC2DbaUj4zLPX

Scherer, Siegfried (Hrsg.), Junker, Reinhard; Evolution – ein kritisches Lehrbuch; 7. Auflage, 2013, Weyel Lehrmittelverlag Gießen (S. 306);

Argyris, Sophie; Ben, Marcus Hrsg; Mode, 3000 Jahre Kostüme, Trends, Stile, Designer; Dorling Kindersley London Verlag 2012;

1 Chen Xie, Sven Künzel, Diethard Tautz (2025); Das Geschlecht des Körpers – Warum unsere Organe kein einfaches männlich oder weiblich kennen
http://de.gate-communications.com/das-geschlecht-des-koerpers-warum-unsere-organe-kein-einfaches-maennlich-oder-weiblich-kennen/

2 Heller, C., Güllmar, D., Colic, L. et al.; Wie Geschlechtshormone die Hirnstruktur beeinflussen, 2025
http://de.gate-communications.com/wie-geschlechtshormone-die-hirnstruktur-beeinflussen/

3 Gegendert wie im Kopf – Geschlechtsunterschiede im Gehirn, 2025
http://de.gate-communications.com/gegendert-wie-im-kopf-geschlechtsunterschiede-im-gehirn/

4 Der hormonelle Zyklus des Gehirns – wie Geschlecht und Gehirn zusammenwirken, 2023
http://de.gate-communications.com/der-hormonelle-zyklus-des-gehirns-wie-geschlecht-und-gehirn-zusammenwirken/

5 Trend Reloaded – was es mit dem RetroHype auf sich hat, 2025
http://de.gate-communications.com/trend-reloaded-was-es-mit-dem-retrohype-auf-sich-hat/

Bildquelle
König Heinrich VIII. von England in Prunkgewand mit Schamkapsel. Gemälde nach Hans Holbein d. Jüngeren, um 1540, UHL Wikipedia

1777, Von Nach Jean-Michel Moreau – Transfered from de.wikipedia, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2286636
Les Adieux by R. Delaunay after Jean-Michel Moreau le Jeune.jpg

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