Wer lernt, lernt weiter. Und warum das für Unternehmen und Beschäftigte wichtig ist. Ein Interview mit Ökonomin Prof. Dr. Antje Mertens von der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin über kontinuierliche Weiterbildung als Chance.
Berlin/Germany, 21. Juli 2026. – Spätestens wenn Ausbildung abgeschlossen oder Schule beendet ist, vielleicht ergibt sich auch eine geeignete Möglichkeit zur Familiengründung, aber dann hören die Perspektiven im Hinblick auf lebenslangem Lernen in aller Regel auf. Man geht zur Arbeit! Das wars! Das zeigt das gesellschaftliche Bild deutlich. In Ländern und Nationen mit weniger Wohlstand müssen Menschen verbissen um Recht, Leib und Leben kämpfen. Das macht deutlich, Bildung und Lernen ist die wirklich einzigste Chance im Leben, Wohlstand auf Dauer stabil aufrecht zu erhalten. Der Blick durch eine Studie von Antje Mertens wird durch ein Interview auf den Punkt gebracht.
Die wenigsten Menschen lernen freiwillig ein Leben lang, sehen die Notwendigkeit dazu kaum. Da ist kein gedankliches Schiff, auf dem Menschen sind, denen man durch die Weite des Ozeans eine Sehnsucht entlocken könnte selbst das Ruder in die Hand nehmen zu wollen und aus irgendeinem Grund gemeinsam rudern zu wollen. Die Menschen haben gelernt nur dann gemeinsam zu rudern wenn man sie antreibt, so ein mentales Bild vergangener Zeit. Auch das ist in der Gesellschaft deutlich zu abzulesen, spätestens dann wenn extremistische Gruppierungen entstehen.
Lernen verändert die Perspektive. Aber wie der Neurologe Manfred Spitzer es einmal sinngemäss formulierte, lernen verändert das Gehirn und stellt damit auch die eigene Identität immer wieder neu in Frage. Ein Phänomen der Neuroplastizität, für dessen Erfindung es nicht nur den Nobelpreis gab, die auch für die Anpassungsleistung des Menschen verantwortlich ist. Der Grund warum Menschen Angst haben zu lernen. In der Offenheit andere Perspektiven einnehmen zu wollen, zu können, steckt auch die Eigenschaft der Toleranz für die gesellschaftliche Teilhabe.
Im allgemeinen aber, das spiegelt sich in den Schulsystemen wieder, verbindet man mit Lernen kaum positives. Allein die Tatsache das Schulsysteme bis vor einigen Jahren noch weder integrativ noch inklusiv aufgebaut waren, sondern von vornherein Selektion betrieben wurde und wird, horizontale Klassenunterschiede in den Alterskohorten gemacht werden, zeigt deutlich, das ein Ungerechtigkeitsgefälle schon sehr früh im Leben von Menschen installiert wird und ist.
Der Wunsch nach lernen und weiterbilden, weiterentwickeln ist im Menschen als psychologisches Grundbedürfnis angelegt. Das zeigen die beiden Grundlegenden Lerntheorien, des klassischen und operanten Lernens nach seinem Entdecker Pavlov. Wenn jemand diesen natürlichen Trieb nicht ausleben kann, dann, weil er schon früh darin konterkariert wurde. Menschen die auf natürliche Weise lernen gelernt haben, werden dies gewöhnlich in ihrem Lebensalltag installiert haben, nicht ernsthaft darüber nachdenken, sondern lernen als würden sie Wissen wie Nahrung zu sich nehmen.
Während der beruflichen Phase wird man – so wieso heutzutage – meist im Verlauf mit mehreren Berufsbildern konfrontiert. Das Wissen wird gewöhnlich intensiviert. Es entstehen neue Werkstoffe, neue Gesetze, neue Möglichkeiten von Vertrieb, neue Technologien. An den Aussenschnittstellen von Unternehmen, dort wo der Kundenkontakt steht, dort kommt der Pulsschlag am Zeitgeschehen zum Ausdruck, mit den Menschen die darin schwimmen. Sie repräsentieren die Kultur der jeweiligen Organisationen. Bis heute ist in vielen Unternehmen und Organisationen kein Platz und keine Zeit für Gesundheitliche Aspekte und kontinuierlichem Lernen vorgesehen. Mit allem aber würde man im Verlauf des Berufslebens konfrontiert.
Auf diese Weise könnte man Analog zur eigenen Entwicklung immer eine Weiterbildung bestreiten. Man bleibt nicht nur am Puls der Zeit, auf diese Weise bleibt man nicht zurück geworfen, für Markt und Menschen attraktiv. Mit der Künstlichen Intelligenz erfährt der Alltag zwar eine Beschleunigung, aber, mit KI setzt man sich auch aus ganz anderen Ebenen mit der Funktion des Lernens auseinander. Das ermöglicht Empathie. Da heisst es dann etwa, die KI hat das so gelernt… Sie legitimiert das Verständnis, das auch Menschen die Zeit brauchen lernen zu können, zu dürfen und zu wollen.
Das Interview
Die Ökonomin Antje Mertens beschäftigt sich in einer aktuellen Studie mit der Dynamik berufsbezogener Weiterbildung. Sylke Schumann spricht mit ihr in einem Interview darüber. Was genau haben Sie untersucht?
Wie von verschiedenen Seiten schon seit längerem diskutiert, macht schneller technologischer Wandel lebenslanges Lernen notwendig, da Wissen teilweise obsolet wird und abgeschrieben werden muss. Wir betrachten in unserer Forschung berufsbezogene Weiterbildungsmaßnahmen, die in direktem Zusammenhang mit dem jeweiligen Beruf stehen und nicht zu formalen Qualifikationen führen, die von nationalen oder regionalen Bildungsbehörden anerkannt werden. Hierbei interessiert uns insbesondere, inwieweit die Teilnahme an solchen Maßnahmen die Wahrscheinlichkeit beeinflusst, an weiteren Maßnahmen teilzunehmen.
Warum kommt es nicht nur darauf an, ob jemand eine Weiterbildung besucht, sondern auch darauf, wie sich das über die Zeit entwickelt?
Bei den meisten berufsbezogenen Weiterbildungsmaßnahmen handelt es sich um eher kurzfristige Maßnahmen, die für sich allein betrachtet nicht unbedingt Einfluss auf den Karriereverlauf haben. Es ist eher anzunehmen, dass sich die Wirkungen von Weiterbildungserfahrungen im Laufe des Erwerbslebens akkumulieren.
Macht eine Weiterbildung Lust auf die nächste? Was zeigen Ihre Analysen?
Wir haben Weiterbildungspfade untersucht und in unserer Studie für Deutschland und das Vereinigte Königreich zeigen können, dass die Weiterbildungsteilnahme in der Tat eine Rolle für spätere Weiterbildung spielt.
Wovon hängt es ab, ob Menschen sich im Laufe ihres Berufslebens immer wieder weiterbilden?
Die Verläufe der Teilnahme an Weiterbildungsmaßnahmen im Zeitverlauf können durch zwei Arten von Pfaden bedingt sein. Einerseits können sie die Folge individueller und berufsspezifischer, stabiler Risiko- bzw. Erfolgsfaktoren wie beispielsweise der Erstausbildung, der Branche oder der Unternehmensgröße sein. Andererseits können sie durch die Teilnahme an früheren Weiterbildungsmaßnahmen bedingt sein.
Welche Bedeutung haben dabei die Voraussetzungen, die Menschen mitbringen, und die bereits gemachten Weiterbildungserfahrungen?
Personen, die sich zunächst auf Karrierewegen befinden, welche die regelmäßige Teilnahme an Weiterbildungen fördern, werden ihren Vorsprung im Laufe der Zeit wahrscheinlich behalten und sogar ausbauen können. Andererseits deuten unsere Ergebnisse auch darauf hin, dass es für Einzelpersonen möglich ist, sich aus Mustern der Nichtteilnahme zu befreien und somit die Teilnahme an Weiterbildungsmaßnahmen auf einen Pfad mit mehr Bildung führen kann.
Welche Mechanismen erklären, warum frühere Weiterbildung die spätere Teilnahme wahrscheinlicher macht?
Die in einer Phase erworbenen Fähigkeiten ergänzen die Fähigkeiten, die in späteren Phasen erworben werden: Fähigkeiten können sich somit gegenseitig verstärken. Weiterbildungsinvestitionen können dynamisch aufeinander aufbauen, beispielsweise, wenn ein Grundkurs in Informatik es ermöglichen würde, einen Kurs zu einem bestimmten Computerprogramm zu besuchen. Außerdem können Fähigkeiten in einem Bereich auch Fähigkeiten in einem anderen Bereich fördern. Ein Sprachkurs kann es beispielsweise jemandem ermöglichen, einen anderen Kurs zu einem anderen Thema in dieser Sprache zu besuchen.
Sie haben Deutschland und Großbritannien miteinander verglichen. Warum eignet sich dieser Vergleich besonders gut für Ihre Forschung?
Zwischen beiden Ländern gibt es zentrale Unterschiede in den Qualifikationsbildungssystemen. Eine in der sozialwissenschaftlichen und ökonomischen Literatur bekannte Dichotomie, die zur Beschreibung verschiedener Begründungen für die Qualifikationsbildung herangezogen wird, unterscheidet zwischen allgemeinen und spezifischen Qualifikationsregimen. Spezifische Qualifikationsregime, wie sie auf beruflichen Arbeitsmärkten wie Deutschland anzutreffen sind, zeichnen sich durch ein hohes Maß an beruflicher Spezifität sowie hoch entwickelte und standardisierte Berufsbildungssysteme aus.
Wie wirkt sich die unterschiedliche Weiterbildungspraxis konkret im Berufsleben aus?
Allgemeine Qualifikationssysteme, wie sie im Vereinigten Königreich zu finden sind, sind stärker auf die Entwicklung allgemeiner Kompetenzen ausgerichtet, wobei die berufliche Ausbildung beim Berufseinstieg weitaus weniger ausgeprägt und standardisiert ist. Unternehmensspezifische berufliche Kompetenzen werden im Rahmen unternehmensbezogener Fortbildungen erworben, was dazu führen kann, dass Karriereverläufe stark von karrierebezogenen Unwägbarkeiten abhängig sind und zu einer stärkeren Divergenz führen als in Deutschland.
Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Weiterbildungs- und Arbeitsmarktpolitik?
Unsere Ergebnisse zeigen, dass institutionelle Faktoren Weiterbildungsdynamiken beeinflussen. Diese Erkenntnisse haben Auswirkungen auf politische Maßnahmen, die darauf abzielen, Ungleichheiten bei der Teilnahme an Weiterbildungsmaßnahmen abzubauen. Die Teilnahme an Weiterbildungsmaßnahmen kann eine zweite Chance für Personen bieten, die ursprünglich in einer benachteiligten Position in den Arbeitsmarkt eingetreten sind oder die nach längeren Unterbrechungen in den Arbeitsmarkt eintreten, zum Beispiel aufgrund von Arbeitslosigkeit oder Elternzeit.
Was ist aus Ihrer Sicht der wichtigste Hebel, um mehr Chancengerechtigkeit bei der Weiterbildung zu erreichen?
Da die meisten der von uns untersuchten Weiterbildungskurse von Arbeitgebern organisiert und finanziert werden, wissen wir nicht, ob sich unsere Ergebnisse auch auf öffentlich finanzierte Weiterbildungsinitiativen oder -angebote übertragen lassen. Unsere Ergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass politische Maßnahmen, die Unternehmen dazu ermutigen, auch in die Weiterbildung von geringqualifizierten und benachteiligten Arbeitskräften zu investieren, das Potenzial haben könnten, soziale Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt abzubauen.
Welche Botschaft steckt für Sie in den Ergebnissen Ihrer aktuellen Studie?
Die Auszeichnung der Studie lenkt den Blick auf die Bedeutung von Weiterbildung für die Anpassungsfähigkeit der Beschäftigten an den technologischen Wandel und die Erkenntnis, dass Weiterbildung ein kontinuierlicher Prozess sein sollte. Dieser kann sowohl für die Beschäftigten als auch die Unternehmen vorteilhaft sein.
Frau Prof. Mertens, ich danke Ihnen für das Gespräch.
Das Interview wurde aufgezeichnet von Sylke Schumann, Pressesprecherin der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin.
Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin
Die Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR Berlin) ist eine fachlich breit aufgestellte, international ausgerichtete Hochschule für angewandte Wissenschaften, einer der bundesweit größten staatlichen Anbieter für das duale Studium und im akademischen Weiterbildungsbereich. Sie sichert den Fachkräftebedarf in der Hauptstadtregion und darüber hinaus. Rund 12 000 Studierende sind in über 60 Studiengängen der Wirtschafts-, Verwaltungs-, Rechts-, Ingenieur- und Polizei- und Sicherheitswissenschaften sowie in internationalen Master- und MBA-Studiengängen eingeschrieben. Die HWR Berlin ist die viertgrößte Hochschule für den öffentlichen Dienst in Deutschland und mehrfach prämierte Gründungshochschule. Über 700 Kooperationen mit Partnern in der Wirtschaft und im öffentlichen Dienst garantieren den ausgeprägten Praxisbezug in Lehre und Forschung. 195 aktive Partnerschaften mit Universitäten auf allen Kontinenten fördern einen regen Studierendenaustausch und die internationale Forschungszusammenarbeit. Die HWR Berlin ist Mitglied im Hochschulverbund „UAS7 – Alliance for Excellence“ und unterstützt die Initiative der Hochschulrektorenkonferenz „Weltoffene Hochschulen – Gegen Fremdenfeindlichkeit“. https://www.hwr-berlin.de
Zur Person
Prof. Dr. Antje Mertens ist Professorin für Volkswirtschaftslehre am Fachbereich Duales Studium Wirtschaft • Technik der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR Berlin). Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Erwerbsverläufe und Mobilität auf dem Arbeitsmarkt, atypische Beschäftigungsverhältnisse und angewandte Ökonometrie. Antje Mertens wurde gemeinsam mit ihren Ko-AutorInnen für ihre wissenschaftliche Arbeit über die Dynamik und Ungleichheit bei der Teilnahme an berufsbezogenen, non-formalen Weiterbildungen in Deutschland und Großbritannien mit dem Publikationspreis 2025 ausgezeichnet. Mit dieser Auszeichnung würdigt das Leibniz-Institut für Bildungsverläufe jährlich herausragende wissenschaftliche Arbeiten auf Basis der Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS).
Bildquelle
Ökonomin Prof. Dr. Antje Mertens von der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin hat zusammen mit ihren Ko-AutorInnen einer aktuellen Studie erforscht, wie sich berufsbezogene Weiterbildung auf Karriereverläufe und Chancengleichheit auswirkt. Quelle: privat. Copyright: privat
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