Genen Menschenmenge in einem Park, Kyrios Kyriakos Pixabay People

Spuren menschlicher Persönlichkeit


Gene oder Umwelt? Was davon prägt den Menschen? Diese Frage steht schon seit Jahrzehnten im Raum. Für die Persönlichkeit des Menschen konnte nun eine Antwort gefunden werden: Ob wir schüchtern oder mutig, ordentlich oder eher chaotisch sind, liegt zum Teil in unseren Genen. Das zeigt eine große Studie, die in der Fachzeitschrift Nature erschienen ist. Ein internationales Forschungsteam hat das Erbgut von über einer Million Menschen untersucht. Mit dabei war auch das Leibniz-Institut für Arbeitsforschung Dortmund (IfADo) mit den Daten der Dortmunder Vital-Studie.

Dortmund/Germany, 8. Oktober 2026. – Können Menschen von Grund auf sozial benachteiligt sein wie es Schulsysteme bis heute vermitteln, oder besitzen nur bestimmte Menschen die Eignung einem System nicht standhalten zu können? Bildung ist der Schlüssel zu Wohlstand und Wachstum. Ist es möglich das nur bestimmte Menschen ein höheres Mass an kognitiven Leistungen erbringen können werden? Das Geschlecht eines jeden Menschen extrahiert im Verlauf seines Lebens seine Eigenschaften. Entwickeln diese sich auch bei jeder Form des Widerstands und Unterdrückung? Oder kann die Entwicklung Opfer eines Systems werden?

Das Zusammenführen mehrerer Studien die weltweit durchgeführt wurden, kann erstmals so deutlich und Annäherungsweise den Unterschied zwischen vererbten Genen und dem Einfluss während der Lebenszeit durch seine Umwelt belegen. Wie viel Gen sind wir Mensch, also wie viel sind wir ein Erbe unserer Vorfahren? Wie viel Potenzial steckt in einem Leben sich in der Realität extrahieren zu können, sich emanzipieren, sich entfalten zu können und welche Umstände wären erforderlich um darauf bewusst Einfluss nehmen zu können? Ganz abgesehen von der Frage nach einem eigenen, mentalen Bewusstsein.

Beteiligt am internationalen Forschungsteam zur Vital-Studie des Menschen war auch das Leibniz-Institut für Arbeitsforschung Dortmund (IfADo). In Dortmund wurde seit 2016 eine Langzeitstudie durchgeführt bei der Rund 600 gesunde Menschen zwischen 20 und 70 Jahren teilgenommen hatten. Für die Erbugt-Analyse gaben die Probandinnen und Probanden Haar-, Blut und Speichelproben ab. Darüber hinaus wurden sie per Fragebogen zu ihrer Persönlichkeit befragt. Die Studie aus Dortmund floß in weltweit zusammengetragene weitere Studien mit ein.

Insgesamt wurden Daten aus 46 Studien zusammengebracht. Je untersuchter Eigenschaften waren ca. 611.000 bzw. 1,14 Millionen Menschen weiter daran beteiligt. So kamen durch ca. eine Million Menschen um die 1.000 Spuren des Erbgutes zusammen. Für die Studien, die in der Methodik zur genomweiten Assoziation (GWAS) durchgeführt wurde, wurden DNA-Proben für die Big Five der Persönlichkeitsmerkmale herausgenommen und untersucht.

Zu den Big Five zählen, Extraversion (wie offen und gesellig jemand ist), Verträglichkeit (wie freundlich und rücksichtsvoll), Gewissenhaftigkeit (wie ordentlich und zuverlässig), Neurotizismus (wie ängstlich oder ausgeglichen) und Offenheit für Erfahrungen (wie neugierig und fantasievoll).

Kern der GWAS-Methode ist der Vergleich des Erbgutes mit sehr vielen Menschen und dem Vergleich der Unterschiede in den Eigenschaften und ihren Zusammenhängen untereinander. 824 waren bis dahin bereits bekannt. 1.260 solcher Stellen zur Beschreibung spezieller Eigenschaften kam durch die Studie nun hinzu.

„Wir konnten mit unseren Daten aus Dortmund einen Baustein zu diesem großen weltweiten Puzzle beitragen“, sagt Erhan Genç, der am IfADo die Gruppe „Neuroimaging and Interindividual Differences“ leitet. „Solche Studien funktionieren nur, wenn viele Institute weltweit zusammenarbeiten und ihre Daten teilen.“

Damit ist die Tatsache angesprochen, das es nicht das einzelne Gen gibt, aus dem sich Schüchternheit oder Mut extrahiert. Gene von Menschen können nur einen kleinen Anteil der Unterschiede zwischen Menschen darstellen. Je nach Merkmal beträgt dieses zwischen 4,8 und 9,3 Prozent. Der Rest der Entwicklung menschlicher Eigenschaften geht auf den Einfluss durch die Umwelt hervor.

Das ist insofern ein bedeutendes Ergebnis, als das es deutlich macht wie viel von Genen wirklich vererbt wird. Diese Frage konnte bislang nie ausreichend geklärt werden. Wenn es um Beschreibungen des Menschen geht und wie sich dieser Entwickelt wird im Volksmund häufig davon gesprochen was vererbt ist oder nicht. In etwa wie Gesichtsform entsteht, wie Farben von Haut, Haaren oder Augen entstanden sind. Auch die Zuordnung davon wie jemand sich bewegt, welche persönlichkeitsspezifischen Verhaltensweisen jemand im Verlauf seiner Existenz entwickelt. Die Studie zieht erstmals eine mögliche Grenze zwischen Vererbung und dem Einfluss im Leben eines aktuell im Zeitgeist lebenden Menschen.

Macht formt den Körper. Wie sich der Mensch entwickelt ist Teil einer natürlich Form und Entwicklung von Macht. Um dies zu verdeutlichen, der Philosoph Byung Chul-Han hat hierzu untersucht, das die einzige Möglichkeit der Veränderung im menschlichen Leben nur zu seinen Lebzeiten möglich ist. Zwischen dem biologischen Lebensstart und seinem Ausscheiden aus dem Leben. Die Studie macht hier deutlich, nur eine Art zentralem Gerüst des Menschen zieht sich durch alle Generationen hindurch. Diese entwickeln sich, kombiniert mit mehreren Genvarianten zu den Big Five. Während sich der Einfluss in den Generationen zu einem Teil zu den späteren Generationen hinzugesellt.

Alle anderen Veränderungen entstehen durch den Einfluss und im Wechselspiel mit der Umwelt. Dazu gehören Erziehung, der Bekanntenkreis, tagtägliche Erlebnisse im Leben des Menschen.
Eine niederländische Teenagerin mit hoher Ausprägung im Bereich Extraversion zeigt ähnliche genetische Varianten wie ein amerikanischer Rentner mit einer hohen Ausprägung in Extraversion. Dies beweist, ob Jemand in Kalifornien, Grönland oder Australien aufwächst. Sie alle könnten, würde man sich treffen und nebeneinanderstellen, sehr ähnlich sein. Ob jemand aus Argentinien oder Ecuador stammt oder das eigene Leben durch ein Leben in Indonesien am pazifischen Feuerring entwickelt wird, ist teil von Einfluss. Seine Persönlichkeit aber ist vergleichbar kann daher jedem anderen Menschen sehr ähnlich sein. Während selbiges auch weit voneinander abweichen kann. Damit reduziert sich die Vielfalt von Menschen wieder auf zentrale Bestandteile seines Wesens.



Was die Ergebnisse zeigen – und was noch offen ist

Frühere Persönlichkeitsgenetik stand oft in der Kritik, weil unklar war, wie zuverlässig die gefundenen Zusammenhänge sind. Diese Studie hat das systematisch geprüft und liefert einige klare Ergebnisse. Die gefundenen Zusammenhänge zwischen Genen und Persönlichkeit gelten auf ganz ähnliche Weise für Menschen aus verschiedenen Ländern, für jüngere wie ältere Menschen und unabhängig davon, ob jemand sich selbst einschätzt oder von einer nahestehenden Person eingeschätzt wird. Das spricht dafür, dass es sich um verlässliche generalisierbare Zusammenhänge handelt und nicht um einen Zufall in einer einzelnen Studie.

Die genetischen Zusammenhänge von Persönlichkeitsmerkmalen unterscheiden sich weitgehend von denen, die mit Bildung, Einkommen und kognitiver Leistungsfähigkeit verbunden sind. Das bedeutet nicht, dass Gene bei diesen anderen Merkmalen keine Rolle spielen, auch Bildung und kognitive Fähigkeiten werden durch eine Vielzahl genetischer und umweltbedingter Faktoren beeinflusst. Dennoch zeigten die in dieser Studie identifizierten genetischen Varianten für Persönlichkeit nur schwache oder keine klaren Verbindungen zu diesen Eigenschaften. Zudem spielen für den Bildungsweg neben genetischen Faktoren entscheidend auch Umweltbedingungen wie das Elternhaus und der sozioökonomische Hintergrund eine wichtige Rolle.

Die genetisch angelegten Persönlichkeitsmerkmale lassen hingegen Verbindungen zu bestimmten Verhaltensweisen erkennen. Beispielsweise zeigte sich in der Studie ein Zusammenhang mit Gesundheit und Verhalten. Menschen mit einer genetischen Veranlagung zu mehr Gewissenhaftigkeit hatten im Schnitt einen niedrigeren Body-Mass-Index und rauchten seltener. Menschen mit einer Veranlagung zu mehr Extraversion hatten ein höheres Risiko, sich mit Covid-19 anzustecken – vermutlich, weil gesellige Menschen mehr Kontakt zu anderen Menschen haben. Bei Neurotizismus zeigte sich ein Zusammenhang mit einem weniger gesunden Altern.

Nicht alle Ergebnisse passen zu bisherigen Annahmen. So fand das Team einen Zusammenhang zwischen Offenheit für Erfahrungen und einem höheren genetischen Risiko für manche psychische Erkrankungen. Das widerspricht früheren Studien, die kaum einen solchen Zusammenhang gezeigt hatten. Die Forschenden weisen selbst darauf hin, dass hier weitere Untersuchungen nötig sind.

Zusammenhänge zwischen Persönlichkeit und Gesundheit

Die Ergebnisse sind zunächst vor allem für die Forschung wichtig. Sie helfen dabei, besser zu verstehen, wie Persönlichkeit entsteht und wie Gene und Umwelt dabei zusammenwirken. Aus den gefundenen Erbgut-Spuren lässt sich kein Gen-Test bauen, der die Persönlichkeit eines einzelnen Menschen vorhersagt – dafür ist der Einfluss der einzelnen Gene viel zu klein. Die Autorinnen und Autoren betonen das ausdrücklich in ihrer Studie.

Langfristig könnten die Ergebnisse aber dabei helfen, Zusammenhänge zwischen Persönlichkeit und Gesundheit besser zu verstehen, etwa bei psychischen Erkrankungen. Bevor daraus praktische Anwendungen entstehen, sind aber weitere Studien nötig. Auch ethische Fragen müssen dabei mitgedacht werden, etwa wie mit solchen Erbgut-Daten verantwortungsvoll umgegangen wird.

Originalpublikation:

Schwaba, T., Clapp Sullivan, M.L., Akingbuwa, W.A. et al. Robust inference and correlates from genetic associations with personality. Nature (2026):
https://doi.org/10.1038/s41586-026-10992-9

Bildquelle
Kyrios Kyriakos Pixabay

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