Werbezettel für ein Kondom aus dem Jahr 1913

Kirche und Sexualität: Über christliche Vorstellungen legitimen Sexualverhaltens


Die Kirchen stellten bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts die ersten Anlaufstellen dar, wenn Menschen Fragen zur Sexualität hatten. Die Vorstellungen legitimen Sexualverhaltens – etwa bei Verhütung, Schwangerschaftsabbruch sowie vor-, außer- und ehelichem Geschlechtsverkehr – wurden auch in längst säkularen Staaten wie Deutschland von christlichen Akteuren geprägt. Prof. Dr. Veronika Settele, LMU München, geht dem Wandel der Alltagsbedeutung religiöser Lehren und Autoritäten im Zeitraum von 1850 bis 1930 auf den Grund. Ihre Forschung wird im Rahmen des Stipendienprogramms für Postdoktoranden und Juniorprofessoren der Daimler und Benz Stiftung gefördert.

Ladenburg/Germany, 9. September, 2026. – Stiftung: Frau Prof. Dr. Settele, als Historikerin beschäftigen Sie sich mit dem Einfluss christlicher Kirchen auf das persönliche Sexualleben. Ist das Thema seit der sexuellen Revolution in den 1960er-Jahren in Deutschland überhaupt noch relevant?

Settele: Tatsächlich sind christliche Sexualnormen noch immer in unserer Gesellschaft vorhanden – und das, obwohl die Eheschließung in Deutschland seit mehr als 150 Jahren primär ein ziviler Akt ist. Die zivile Ehe wurde bereits im Jahr 1875 obligatorisch, in religiösen Milieus dominiert jedoch bis heute eine christliche Idealvorstellung.

Stiftung: Können Sie Beispiele für die christliche Sexualethik nennen?

Settele: Da geht es etwa um Vorstellungen von weiblicher Reinheit und Keuschheit als Gut an sich oder um das Fortpflanzungsgebot in der Ehe. Ich habe mich gefragt, wie es dazu kam, dass christliche sexuelle Positionen in einer säkularen Gesellschaft wie der deutschen oder der französischen im 20. Jahrhundert prominent blieben.

Stiftung: Woran lässt sich das erkennen?

Settele: Das lässt sich unter anderem in der Gesetzgebung nachvollziehen: Beispielsweise ist Vergewaltigung in der Ehe in Deutschland erst seit 1997 strafbar. Zuvor war Sex gegen den Willen eines Ehepartners nicht kriminalisiert, weil auch dieser der kirchlichen Pflicht zur Zeugung von Nachwuchs und Verhinderung von Ehebruch folgte. Ein weiteres Beispiel wäre die Tabuisierung von Werbung für Verhütungsmitteln und ihren Vertrieb bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Stiftung: Ihr Forschungsgebiet umfasst Politik- und Sozialgeschichte. Können Sie den Rahmen genauer eingrenzen?

Settele: Ich befasse mich mit christlichen Akteuren, Laien und Geistlichen in der römisch-katholischen Kirche und den protestantischen Landeskirchen, die versuchten, das praktische Sexualverhalten ihrer Zeitgenossen zu beeinflussen. Der Forschungszeitraum reicht von Mitte des 19. Jahrhunderts bis etwa 1930 mit Blick auf Deutschland und Frankreich.

Stiftung: Welche Fragen bewegten die Menschen damals?

Settele: Es gab ein großes Orientierungsbedürfnis der Gläubigen: Die Amtskirche und Kleriker waren die naheliegenden Ansprechpartner. Im 19. Jahrhundert haben Ehepartner beispielsweise begonnen, mittels Coitus interruptus bewusst die Kinderzahl zu beschränken. Sie warfen aber die Frage auf, wie legitim Verhütung in der Ehe ist.

Stiftung: Welchen Standpunkt nahmen die Kirchen dabei ein?

Settele: Die Beschränkung von Geburten wurde zunächst von beiden christlichen Institutionen abgelehnt. Im Unterschied zur katholischen Kirche haben sich die protestantischen Kirchen in den 1920er-Jahren für die Anwendung von Verhütungsmitteln geöffnet. Grund dafür waren unter anderem eugenische Ideen, wonach beispielsweise Behinderungen oder Alkoholismus vererbbar seien und verhindert werden sollten. Es ging darum, das deutsche Volk durch Verhütung zu stärken. Auf katholischer Seite blieb die Ablehnung von Verhütungsmitteln bestehen. Die Werbung dafür wurde strafrechtlich verfolgt, Kondome und Pessare konnten nicht offen vertrieben werden. So wurden Werbezettel in Briefkästen geworfen, um das bestehende Vertriebsverbot per diskretem Versandhandel zu umgehen. Ende der 1920er-Jahre kam die sogenannte natürliche Familienplanung durch Temperaturmessung nach der Knaus-Ogino-Methode auf, was die katholische Kirche herausforderte. Sie argumentierte, dass jede Art von Verhütung unnatürlich sei. Im Jahr 1951 wurde die Knaus-Ogino-Methode vom Papst schließlich erlaubt.

Stiftung: Was bedeutete das für die Menschen?

Settele: Gläubige, darunter viele Frauen, erkundigten sich persönlich oder per Brief bei ihren Pfarrern nach deren Meinung zum richtigen Sexualverhalten. Der Austausch fand ausschließlich über das Thema Sex in der Ehe statt, über außer- und vorehelichen Sex wurde im christlichen Milieu kaum gesprochen.

Stiftung: Somit befassten sich die christlichen Kirchen immer nur mit ehelichem Sex?

Settele: Nein, genau das war eine neue Entwicklung in meinem Untersuchungszeitraum: Bis ins ausgehende 19. Jahrhundert kümmerten sich die Kirchen stärker um vor- und außereheliche sexuelle Beziehungen, sogenannte Konkubinate. Im Erzbistum München und Freising beispielsweise wurden Frauen mit unehelichen Kindern kirchlicherseits verfolgt und zu Bußpraktiken gezwungen – von regelmäßigem Beichten bis hin zur Exkommunikation. Die Frauen wurden unter Einbeziehung der Familien vorgeladen, belehrt und öffentlich beschämt. Die beteiligten Männer wurden manchmal zwar auch vorgeladen, aber von den Kirchen nicht bestraft.

Stiftung: Aus heutiger Sicht fehlen einem da die Worte.

Settele: Das war auch besonders perfide, weil vor 1870 nicht jeder heiraten durfte, der das wollte. Für die Eheschließung war eine Heiratserlaubnis der Gemeinde notwendig. Nur diejenigen, die finanziell solide genug aufgestellt waren, sollten Kinder bekommen, damit diese nicht der Armenkasse und -fürsorge zur Last fallen. Im landwirtschaftlichen Bereich konnte ein junges Paar die Heiratserlaubnis meist erst nach der Übergabe des Hofs erlangen.

Stiftung: Kommen wir wieder zurück zum Thema Verhütung.

Settele: Ab 1900 veränderte sich der Fokus von der Überwachung und Sanktionierung außerehelicher Sexualität auf die Ehe – aber das war ein längerer Prozess. Die Kirchen reagierten auf den entstandenen Markt für Verhütungsmittel, der schon lange vor Beate Uhse ein Versandhandel war. In der Seelsorge propagierten kirchliche Amtsträger weiterhin Keuschheit und versuchten damit, die Sexualität der Gläubigen zu beeinflussen. Über ehelichen Verkehr wurde in allen Details nachgedacht, während das Thema Missbrauch an Schutzbefohlenen vollständig ausgeklammert blieb.

Stiftung: Welche Rolle spielte die Zivilgesellschaft?

Settele: Parallel zu den Kirchen engagierten sich seit den 1900er-Jahren auch christliche Laien – also bürgerliche Katholiken und Protestanten – in Sachen Sexualität. Es entstanden zahlreiche Vereine zur Hebung der öffentlichen Sittlichkeit, darunter konfessionelle Frauenorganisationen. Das Thema war dadurch nicht nur top-down von den Kirchen besetzt. Die Vereine veranstalteten Umfragen und überprüften Buchhandlungen, ob Schriften mit vermeintlich obszönem Material vertrieben wurden. Listen mit Buchhandlungen, deren Sortiment in den Augen der Sittlichkeitswächter unter die Zensurgesetzgebung fiel, wurden an die Polizei und Kirchen übergeben.

Stiftung: Wie sieht es bei den Kirchen heute aus?

Settele: Ich sehe keinen linearen Einflussverlust religiöser Sexuallehren in der Moderne. Ein klassisches katholisches No-Go ist bis heute die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. Und evangelikale Bewegungen und rechtskatholische Konvertiten in den USA zeigen, wie Regression organisiert werden kann. Auf sogenannten Purity Balls im US-amerikanischen konservativen, evangelikalen Milieu – etwa bei den Southern Baptists – schwören Mädchen und junge Frauen ihren Vätern, bis zur Ehe sexuell enthaltsam zu bleiben. Das Phänomen boomte in den 1990er- und 2000er-Jahren und ist auch bis heute vorhanden.

Stiftung: Was bedeutet Ihnen die Förderung durch die Daimler und Benz Stiftung?

Settele: Durch die Förderung kann ich das Forschungsprojekt überhaupt erst durchführen, da sie die Mittel für die Archivreisen bereitstellt. Kirchliche Archive bieten einen umfangreichen Quellenfundus, sind jedoch meist nicht digitalisiert – daher erfordert die Suche vor Ort viel Zeit. Ich war beispielsweise im Apostolischen Archiv des Vatikans, das generell nur schwer zugänglich ist und eingeschränkte Öffnungszeiten hat. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass die Förderung im Stipendienprogramm meine wissenschaftliche Karriere unterstützt.

Stiftung: Was sind Ihre Ideen und Wünsche für die Zukunft?

Settele: Die Zukunft unserer Gesellschaft ist nicht entschieden. Es lohnt sich immer, sich zu engagieren und wachsam gegenüber bestimmten Entwicklungen zu sein. Und da ich selbst nicht empirisch zum Judentum und zum Islam forsche, würde ich mich gerne mit Wissenschaftlern vernetzen, die zu derselben Thematik in diesen Religionen forschen. Die Entwicklungen im frühen 20. Jahrhundert im europäischen Raum wären religionsvergleichend sehr interessant.

Stipendienprogramm für Postdoktoranden und Juniorprofessoren
Die Daimler und Benz Stiftung vergibt jedes Jahr zwölf Stipendien an ausgewählte Postdoktoran-den mit Leitungsfunktion und Juniorprofessoren. Ziel ist, die Autonomie und Kreativität der nächsten Wissenschaftlergeneration zu stärken und den engagierten Forschern den Berufsweg während der produktiven Phase nach ihrer Promotion zu ebnen. Die Fördersumme in Höhe von 50.000 Euro pro Stipendium steht für die Dauer von zwei Jahren bereit und kann zur Finanzierung wissenschaftlicher Hilfskräfte, technischer Ausrüstung, Forschungsreisen oder zur Teilnahme an Tagungen frei und flexibel verwendet werden. Durch regelmäßige Treffen der jungen Wissenschaftler dieses stetig wachsenden Stipendiatennetzwerks fördert die Daimler und Benz Stiftung zugleich den interdisziplinären Gedankenaustausch.



Daimler und Benz Stiftung

Die Daimler und Benz Stiftung fördert Wissenschaft und Forschung. Dazu richtet sie innovative und interdisziplinäre Forschungsformate ein. Ein besonderes Augenmerk legt die Stiftung durch ein Stipendienprogramm für Postdoktoranden sowie die Vergabe des Bertha-Benz-Preises auf die Förderung junger Wissenschaftler. Mehrere Vortragsreihen sollen die öffentliche Sichtbarkeit von Wissenschaft stärken und deren Bedeutung für unsere Gesellschaft betonen.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung weiblicher und männlicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten für Personen aller Geschlechter. Wir möchten die in den Texten der Stiftung verwendete Form als geschlechtsneutral und wertfrei verstanden wissen.

Weitere Informationen:
(https://www.daimler-benz-stiftung.de)

Bildquelle
Werbezettel für ein Kondom aus dem Jahr 1913. Copyright: © AddF, Kassel, Sign.: NL-K-16; H-382

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