Griechischer Tempel

Heimat im Alten Testament


Über „Erzählungen von versprochener und verlorener Heimat im Alten Testament“ spricht in einem Vortrag die Theologin Prof. Dr. Ruth Ebach von der Universität Lausanne (Schweiz). Dabei geht sie auch der Frage nach, welche Rolle die Konzeptionen von Heimat in diesen antiken Texten heute spielen. Ihr Beitrag ist Teil der Ruperto Carola Ringvorlesung „Heimat & Zeit“, zu der die Universität Heidelberg in diesem Wintersemester einlädt. Die Veranstaltung mit Ruth Ebach findet am Montag, 9. November 2026, abweichend in der Aula der Neuen Universität statt; Beginn ist um 18.15 Uhr.

Heidelberg, Germany, 5. November 2026. – Theologin Ruth Ebach von der Universität Lausanne in der Schweiz, spricht im Zuge einer Ringvorlesung – „Heimat & Zeit“ über „Erzählungen von versprochener und verlorener Heimat im Alten Testament“. Sie beschäftigt sich mit der Frage, welche Rolle die Konzeptionen von Heimat in diesen antiken Texten heute spielen.

Aus biblischer Perspektive ging es um das Volk Israel, das in das geheiligte Land (damals Kanaan, heute Palästina) ziehen sollte. Es ist nie vom Land Israel die Rede. Bis heute gibt es keine Grundlagen, die an Grund und Boden verbindlich binden, und auch keine Gesetze, die an Boden binden. Israel soll heißen: „Gott kämpft“. In der aktuellen politischen Weltlage muss man auch darauf hinweisen: Das heutige Land Israel muss keineswegs auch dem verheißenen Volk entsprechen. Vielmehr heißt es, Palästina sei der Ort, an dem das Volk leben würde. Aus heutiger Sichtweise wäre es eine perfide Täuschung! Die damaligen Reiche sind durch ihre Kämpfe ständig gewachsen und geschrumpft. Mit jedem Herrscher ging es darum, ob Gott mit diesem sei oder gegen den Herrscher, bzw. das Volk mit oder gegen Gott. Eine Art Auseinandersetzung zwischen Monotheismus und Polytheismus, oder dem Glauben, der Orientierung an einen Gott oder vielen Göttern.

Gott kämpft steht symbolisch für alle Arten des Ausbrechens aus der bestehenden Gedankenwelt. Es geht darum, das eigene Bewusstsein damit zu erweitern, indem ich meine Grenze überschreite und den Blick in die übrige Welt bringen kann. Dieser Vorgang spiegelt sich nicht nur im Umgang mit der Sexualität wieder, sondern auch darin den Fokus immer wieder neu auszurichten und den Sinnen eine Profilschärfe zu geben, in dem ich mich auf einen Punkt, auf eine Sache orientiere. Gedanken zu bündeln. Mittels „Erziehung“ erreichen, da Volk, die Menge auf einen Fokus zu lenken!

Es bleibt bis heute bei einem Zwiespalt zwischen Land haben, besitzen können und dem es aus Sicht der Bibel um das Verwalten geht. Es geht um den Grundsatz von Haben und Sein. Wenn ich an Heimat denke, dann sind es mir vertraute Strukturen. Ganz anders als wenn es einen Ort gibt, mit dem ich diese Strukturen verbinde und auf den ich mich dann beziehe. Bin ich an einem Ort aufgewachsen, dessen Strukturen, Infrastruktur, die Architektur der Häuser und Einrichtungen mir lieb sind, dann hat das noch nichts mit der Liebe zu einem Ort zu tun. Vielmehr kann ich auch an einem solchen Ort aufgewachsen sein und ihn dadurch nie liebgewonnen haben. Die Liebe zu den Dingen muss daher viel tiefer angelegt sein. Und was heute als gut und angenehm erscheint, kann, sofern ich wenig dazu beitrage, irgendwann auch sein Gesicht verlieren. Die Welt ist so angelegt, dass ich in frühen Jahren von den Dingen profitiere, die Liebe dazu aber verliere, sofern ich nicht selbst etwas wieder zurückgeben kann.

Diese auf Dauer angelegte Entwicklung spiegelt sich im dauerhaft sich wiederholenden Prozess der Geburt ab. Dazu gehört auch der Prozess sich aus vertrautem zu lösen, lösen zu können. Dass Bewusstsein zu erweitern, was auch der Grund ist weshalb es keine Bindung an eine verortete Heimat geben kann. Und so ist auch ein Ort, so ich diesen lieben gelernt habe, vergleichbar mit der Intraterinnensituation, der Keim der Geborgenheit im Bauch der werdenden Mutter. In dieser engen Verbindung, in dieser Symbiose liegt viel Kulturkampf. Denn, so beschreibt es Erich Fromm in „die Kunst des Liebens“, das sich das heranwachsende, Zeit seines Lebens von der Mutter zu trennen habe. Und die Mutter, so sie das Kind liebe, daran interessiert sein muss, das Kind in die Welt ziehen zu lassen.

Nie zuvor konnte die Frage nach Heimat bedeutender werden als zu dieser Zeit. Denn mit einem Vergleich des Menschen zwischen künstlicher und natürlicher Intelligenz stellt sich in beängstigender Weise vor allem auch die Frage nach der eigenen Existenz, der eigenen Identität, mit dem Selbstwert des Menschen. Seine Orientierung. Mit dem Prozess der Säkularisierung wird zunehmend ein Bild Gottes auf den Menschen übertragen. Das zeigt sich darin, das zunehmend Menschen sich mit der Persönlichkeit Gottes auf eine Ebene stellen. Auch das gab es in der Geschichte der Welt schon mehrfach. Man denke nur an die Auseinandersetzung der Mächtigen zwischen Staat und Kirche, bzw. den Päpsten. Auch der aktuelle Faschismus ist eine spezielle Form zur Deutung rund um den Begriff der Heimat. Auch der Faschismus wird zum ersten mal im Buch Esra der Bibel erwähnt.

Der Geist wächst und mit jedem weiteren Fortschritt blicken wir auch in vergangene Generationen. Was wir dort finden hinterfragt das Land in dem wir Leben. Ganz aktuell äussert sich das mit den Kriegen in der Welt. Insbesondere bezieht sich Russland auf urpsrünglichere Grenzen. Und das trotz aller Vereinbarungen der Vereinten Nationen um die Souverenität der Staaten. Gerade um solche Kriege zu verhindern. Mit dem Verhalten des russischen Präsidenten kann man durchaus den Vergleich zur Reichsteilung in Nahen Osten finden. In beiden Fällen ging es um die Orientierung des eigenen Bildes von oder über Gott und damit ihrer Orientierung.

Mit der ersten bekannten Reichsteilung um ca. 950 v. Chr. begann im Nahen Osten, in der Wiege der Zivilisation ein Konflikt, der wie ein Puls der Zeit bis heute den Takt vor gibt, als sei es ein pulsierendes Herz das auf Dauer an Ort und Stelle schlägt. Genau wie dieser Pulsschlag zogen sich die Reiche zurück und gingen neu gegen ihre Gegner vor. Immer in Abhängigkeit mit ihrem Blick auf das was sie in Gott sahen, oder wenn sie keinen Sinn in einem göttlichen Wesen sahen und sich auf sich selbst verlassen wollten.

Das konkrete Erleben des Verlusts von Heimat durch die Zerstörung Jerusalems und des Tempels im Jahr 587 vor Christus führte zu Neukonzeptionen von Heimat im Alten Testament, so Prof. Ebach. Dabei geht es um unverbrüchliche göttliche Zusagen, um Migration, den Verlust des Gewohnten, die Idealisierung des Vergangenen, die Umdeutung des Gegenwärtigen und die Hoffnung auf Kommendes, wie die Referentin hervorhebt. Mit ihrer „Reise“ durch die Hebräische Bibel wird sie unterschiedliche Antworten auf die Frage nach den eigenen Ursprüngen beleuchten und aufzeigen, inwiefern die narrativen Blickweisen auf Heimat auch heute analog verwendet werden. Ruth Ebach ist Professorin für das Alte Testament an der Fakultät für Theologie und Religionswissenschaften der Universität Lausanne. Am Institut für Bibelwissenschaften forscht sie zu Identitätskonstruktion und Othering, Lüge, Hoffnung sowie dem alttestamentlichen Prophetieverständnis.

In der aktuellen Ausgabe der Ruperto Carola Ringvorlesung befassen sich die Referentinnen und Referenten aus unterschiedlichen disziplinären Blickwinkeln mit dem vieldeutigen Begriff Heimat. Sie beleuchten insbesondere das Verhältnis von Heimat und Zeit, denn jenseits eines Ortes kann sich das Gefühl der Zugehörigkeit sowohl auf gemeinsame Ziele in der Zukunft als auch auf Traditionen und Vergangenheitsbilder stützen. Konzipiert wurde die Reihe in diesem Wintersemester von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Heidelberger Sonderforschungsbereichs 1671 „Heimat(en): Phänomene, Praktiken, Darstellungen“. Anliegen der Ringvorlesung ist es, mit der interessierten Öffentlichkeit über gesellschaftlich relevante Forschungsfragen ins Gespräch zu kommen.

Der Veranstaltung mit Prof. Ebach folgen im laufenden Wintersemester acht weitere Vorträge von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Heidelberg sowie aus Wuppertal, Freiburg und Düsseldorf. Sie sprechen über Exilerfahrungen in der Literatur des Mittelalters, über Heimat als Beziehung zu Menschen und Umwelt oder über die Bedeutung von Heimat für die politischen und sozialen Bewegungen des 20. Jahrhunderts.

Die Vorträge zur Ruperto Carola Ringvorlesung „Heimat & Zeit“, finden an der Universität Heidelberg statt, wozu die Uni in diesem Wintersemester einlädt. Die Veranstaltung mit Ruth Ebach findet am Montag, 9. November 2026, abweichend in der Aula der Neuen Universität statt; Beginn ist um 18.15 Uhr.

Die Veranstaltungen finden montags in der Aula der Alten Universität statt – mit einer weiteren Ausnahme für den Vortrag am 7. Dezember, der in der Aula der Neuen Universität durchgeführt wird. Beginn ist jeweils um 18.15 Uhr.

Aufzeichnungen der Beiträge sind zu einem späteren Zeitpunkt abrufbar auf heiONLINE, dem zentralen Portal der Universität Heidelberg mit Vorträgen, Diskussionsrunden und Veranstaltungen in digitalen Formaten.

Weitere Informationen:

https://www.uni-heidelberg.de/de/transfer/kommunikation/ruperto-carola-ringvorle… – Ruperto Carola Ringvorlesung
https://www.uni-heidelberg.de/de/heionline – heiONLINE

Bildquelle
Nonbirinonko Pixabay

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