Grafik, DNA-Anlaysen belegen die Herkunft eines im 5. Jahrhundert in Fallward bestatteten Mannes aus dem Donauraum. Außerdem zeigen sie, dass er mit einem aus dem Mittelmeerraum stammenden Lepra-Erreger infiziert war. Quelle: Petra Horstmann. Copyright: Cluster ROOTS/Uni Kiel

Mobilität von Mensch und Krankheit in der Spätantike


Belastbarkeit, Stärkung des Immunsystems und Bewusstseinserweiterung zeigen sich an einem Mann der in einem Gräberfeld bei Cuxhaven gefunden wurde und neu untersucht ist. Eine vom Exzellenzclusters ROOTS geförderte Studie weist in einem Gräberfeld an der Nordseeküste aus dem 5. Jahrhundert Mobilität dieser Zeitenwende und einen in Europa bislang nicht nachgewiesenen Lepra-Erreger nach.

Kiel/Germany, 3. November 2026. – Wann immer Menschen in die Welt gezogen sind, haben sich auch Gegenläufe gezeigt. In die Welt hinauszuziehen bringt die Symbolik mit, das eigene Bewusstsein zu erweitern. In aller Regel dauert es dann nicht lange das sich ein Widerstand auftut. Ein Umstand, der sich im kleinen wie im grossen Massstab zeigt und Teil von Motiv-Methodik-Ziel ist, zu dem Menschen in der damaligen Zeit mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit keinen gedanklichen Zugang hatten. Ein Fall aus der Zeit der Spätantike (bis ca. 500 nach Chr.) belegt nun die Belastung und Mobilität von Menschen nach einem solchen Auszug.

Bereits 1990 wurde ein Gräberfeld bei Cuxhaven durch die archäologische Denkmalpflege untersucht. Der feuchte Untergrund hatte den Zustand mehr oder minder konserviert. Hölzerne und textile Grabbeigaben waren vollständig erhalten geblieben. Neue Befunde weisen die Mobilität eines Mannes im 5. Jhd. Nach Chr. nach.
Befunde und Funde des Bestattungsplatzes werden derzeit im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projektes, unter Beteiligung der Christian-Albrechts-Universität Kiel, Institut für Klinische Molekularbiologie (IMB) und des Niedersächsischen Institut für historische Küstenforschung (NihK), in Wilhelmshaven mit Daniel Myburgh als Erstautor, erstmals vollständig ausgewertet. Im Fokus stehen dabei damals im Block geborgene und in tiefgefrorenem Zustand verwahrte Objekte, die die Beteiligten nun unter Laborbedingungen untersuchen werden. Die Ergebnisse der Studie sind nun in der Fachzeitschrift iScience veröffentlicht worden.

Wie die Wege sich in der Welt gestaltet haben, so hat sich auch das Denken der Menschen geprägt. So manches Individuum blieb am Standort und erkundete hier sein Reich. Andere zogen in die Welt. Geblieben sind an häufig frequentierten Stellen Spuren. Wege bildeten sich und Metropolen entstanden.
Was einst in der Wiege der Zivilisation entstand, am Roten Halbmond, im Nahen Osten, dehnten sich die Reiche aus und schrumpften wieder zusammen. Je nach Epoche ihrer Eroberer gestalteten sich die jeweiligen Reiche. Nach dem sich über Jahrhunderte eine Dynamik entwickelte und feste Reiche entstanden, vollzog sich selbiges über diese Region hinaus, in die Welt.

In der Antike ergaben sich stabile Grundlagen zur Kultivierung der Menschen durch Religion und Philosophie. Mit dieser Entwicklung zogen Menschen nach dem Jahre Null unter anderem in Richtung Europa. Es entstanden eigene Volksgruppen. Westgotische und vandalische Verbände ziehen nach Italien und erobern Rom, die Hunnen verbreiten auf ihren Kriegszügen durch Westeuropa Angst und Schrecken, die Franken dehnen ihren Herrschaftsbereich nach Süden aus – das 5. Jahrhundert war in Europa eine Epoche tiefgreifender, oft gewaltsamer Umbrüche und gleichzeitig großer Mobilität.

„Genetische Analysen belegen die Herkunft eines in Fallward bestatteten Mannes aus dem Donauraum. Außerdem war er mit einem sehr seltenen Lepra-Erreger infiziert. Es ist der erste Vertreter dieser Gruppe, der in Europa identifiziert wurde“, sagt Daniel Myburgh vom IKMB.

In diesem Zusammenhang erhielt die Arbeitsgruppe für Alte DNA am IKMB in Kiel Knochenproben von elf Individuen, um mit Mitteln des Exzellenzclusters ROOTS mögliche genetische Verwandtschaften zu klären oder Spuren von Infektionskrankheiten zu finden.

Bereits die archäologischen Funde deuten auf Fernbeziehungen

„Drei der Individuen lieferten ausreichende Daten für eine populationsgenetische Analyse. Auffällig waren die Ergebnisse vor allem bei einem Individuum“, sagt der Studienleiter Professor Ben Krause-Kyora vom IKMB

Der Mann war in einem Boot und mit zahlreichen Beigaben aus Holz, Keramik und Metall bestattet worden. „Besonderes wissenschaftliches Interesse erregte das im Grab niedergelegte Mobiliar, zu dem auch ein aus einem Erlenstamm gearbeiteter, kunstvoll verzierter Stuhl gehörte. Darüber hinaus besaß der Mann einen spätrömischen Militärgürtel, welcher auf Fernverbindungen des Bestatteten hindeutete“, erklärt Prof. Dr. Hauke Jöns vom NIhK.

Die neuen genetischen Analysen bestätigten diese Hinweise. Sie belegen die Herkunft des Mannes aus dem Donauraum und die ungewöhnliche Leprainfektion. Der spezielle Erreger gehört zu einer Gruppe, deren frühester bekannter Vertreter aus Ägypten zwischen dem 4. und 2. Jahrhundert v. Chr. stammt. In Mittel- und Nordeuropa ist er bislang nicht nachgewiesen.

Genetische Analysen zeigen auch Mobilität von Krankheiten

„Lepra ist eine chronische Krankheit. Es kann Jahre dauern, bis sich deutliche Symptome zeigen. Der Mann hatte noch keine Knochenschäden. Entweder war er von einer asymptomatischen Form der Krankheit betroffen oder die Krankheit hatte bislang nur Weichteile angegriffen. Er kann mit der Krankheit über weite Entfernungen gereist sein“, erläutert Professorin Almut Nebel vom IKMB, ebenfalls Autorin der Studie.

Die genetischen Analysen bestätigen damit das Bild eines Mannes, der zwar an der Nordsee bestattet worden ist, dessen Wurzeln jedoch im Donauraum lagen und der Verbindungen nach Südosteuropa und in den Mittelmeerraum hatte. Vermutlich hat er über einen gewissen Zeitraum dort gelebt. „Er könnte beispielsweise Söldner in der römischen Armee gewesen sein, der sich später zwischen Elbe und Weser niederließ. Oder er könnte als Händler lange Reisen unternommen haben“, sagt Prof. Dr. Ben Krause-Kyora.

Auch wenn die genaue Herkunft des Mannes unbekannt bleibt, zeigen die Analysen die Komplexität individueller Lebensgeschichten während der Spätantike – und die Mobilität von Krankheitserregern in einer über weite Entfernungen vernetzten Welt. Während Menschen bis heute um Sorge vor Krankheiten sind, die durch oder mit Reisen in andere Kulturkreise übertragen wurde, sind Krankheiten aus werturteilsfreier Sicht ein Nachweis für die Stärkung (Resilienz) des Immunsystems und Belastungsvorgänge. Wer in der Vergangenheit Krankheiten überstanden hatte, konnte sich sicher sein in der neuen Welt zu überleben.

Originalpublikation:

Daniel Anton Myburgh, Nicolas Antonio da Silva, Joanna H. Romeyer-Dherbey, Silke Grefen-Peters, Hauke Jöns, Christina Peek, Almut Nebel, Ben Krause-Kyora(2026). Paleogenomics reveals leprosy at the late antique burial site of Fallward in northern Germany. iScience, Volume 29, Issue 11, 2026, 17877, https://doi.org/10.1016/j.isci.2026.117877

Weitere Informationen:

https://www.cluster-roots.org Der Exzellenzcluster ROOTS
https://www.ikmb.uni-kiel.de/research-group/ancient-dna-research/ die aDNA-Arbeitsgruppe am Institut für Klinische Molekularbiologie der CAU
https://nihk.de/ Das Niedersächsische Institut für historische Küstenforschung (NihK)

Bildquelle
DNA-Anlaysen belegen die Herkunft eines im 5. Jahrhundert in Fallward bestatteten Mannes aus dem Donauraum. Außerdem zeigen sie, dass er mit einem aus dem Mittelmeerraum stammenden Lepra-Erreger infiziert war. Quelle: Petra Horstmann. Copyright: Cluster ROOTS/Uni Kiel

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