Konfliktforscher Prof. Dr. Nils-Christian Bormann von der Uni Witten/Herdecke über Kriege, die Belastbarkeit der Demokratie und die Frage, warum Deutschland mehr internationale Perspektiven braucht.
Witten/Germany, 8. Oktober 2026. – Deutschland ist politisch zerstritten. Aber ist das schon eine Gefahr für die Demokratie? Konfliktforscher Prof. Dr. Nils-Christian Bormann von der Universität Witten/Herdecke (UW/H) sagt: nein. Eine demokratische Gesellschaft wie die deutsche könne viel Konflikt aushalten. Gefährlich werde es, wenn Politiker die Gegenseite nicht mehr als gleichberechtigt akzeptieren, mit Gewalt drohen oder Wahlergebnisse nicht anerkennen. Auch wenn diese Grenzen in den letzten Jahren einige Male überschritten worden sind, sieht er die politische Polarisierung noch nicht an einem Kipppunkt angelangt.
Denn trotz aller Auseinandersetzungen gebe es in Deutschland weiterhin einen breiten gesellschaftlichen Konsens über zentrale Werte. Die starke Spaltung spiele sich derzeit vor allem in der Politik ab. Sie wirke zwar in die Gesellschaft hinein, sei dort aber „noch nicht so tief, wie sie medial manchmal gemacht wird“.
Auch starke politische Spaltungen können wieder kleiner werden, wie für Bormann der Blick auf Deutschland in den 1970er-Jahren zeigt. Gleichzeitig stellt er sich auf veränderte politische Verhältnisse in Europa ein: „Die Präsenz und der Erfolg rechtspopulistischer Parteien ist vermutlich die neue Norm in Europa.“
So viele Kriege wie seit 1945 nicht mehr
Während Bormann die Spaltung innerhalb Deutschlands als nicht dramatisch einstuft, macht ihm die internationale Entwicklung deutlich größere Sorgen. Seit 1990 gab es im Schnitt ein bis zwei Kriege zwischen Staaten pro Jahr. 2025 waren acht gleichzeitig aktiv – so viele wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr.
Zugleich sieht Bormann Deutschland und Europa politisch und wirtschaftlich unter Druck: durch Russlands Versuche, demokratische Systeme zu untergraben; den schärferen internationalen Wettbewerb und die rasante Entwicklung Künstlicher Intelligenz. Hinzu kommen die alternde Gesellschaft und der Klimawandel.
„Kein Land der Welt kann diese Krisen alleine bewältigen“, sagt Bormann. Es brauche internationale PartnerInnen und Perspektiven aus unterschiedlichen Teilen der Welt.
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