Menschen beeinflussen einander fortwährend. Doch wie sich Verhalten im sozialen Miteinander überträgt, lässt sich oft nur schwer erfassen. Ein Forschungsteam der Universität Konstanz hat nun eine neue Methode entwickelt, um die Dynamiken der Verhaltensansteckung sichtbar zu machen.
Konstanz/Germany, 8. Oktober 2026. – Biologisch bzw. Neurowissenschaftlich sind die Bindungskräfte zwischen Menschen weitgehend geklärt. Im Gehirn sind es Spiegelneuronen und der Anteil der vererbten Gene. Ein jeder Mensch hat eine biologisch veranlagte Mangelerscheinung die von anderen zu ersetzen, bzw, auszufüllen ist. Ein Teil entsteht aus der Tatsache der biologischen Vererbung, auch als vertikale Macht bezeichnet. Die andere aus einem Mangel, mit dem Bestreben diesen Mangel aufzuheben, horizontale Machtübertragung. Otto Rank hat mit dem Werk „Trauma der Geburt“ erarbeitet, das ein Hauptbestreben des Menschen ist, die ursprüngliche Trennung wieder rückgängig machen zu wollen. Dazu ist eine auf Dauer angelegte Selektionsarbeit erforderlich.
Die einfachste Art des Lernens besteht in der Nachahmung. Man beobachtet, wägt für sich ab ob etwas annehmbar und umsetzbar ist und geht dem nach. Unsympathisches wird verworfen und getrennt, sympathisches nimmt man gerne an. Wenn also Menschen zusammen kommen stimmen sie ihr Verhalten ständig aufeinander ab. Wenn jemand gemeinsam im Raum ist, kann man nicht mehr für sich alleine sein oder denken. Selbst oder gerade bei vollständiger Konzentration, einem Zustand im „Sein“ wirkt das Gegenseitige wie eine unsichtbare Hand, um an die These des Ökonomen Adam Smith zu erinnern. Man bewegt sich dorthin wo die intuitive Wahrscheinlichkeit am größten ist einen Erfolg zu erzielen. In Momentaufnahmen des Lebens bilden diese den Bruchteil eines Gesamten. Die Macht ist dort am größten wo sie unbekannt ist, fügt dem der Philosoph Byung Chul-Han hinzu. Gegenüber dem „Sein“ stünde das „Haben“, was darauf hindeutet das ein Mensch etwas haben, besitzen, übermächtigen möchte. Reagieren Menschen demnach nicht intuitiv, bedient man sich Druckmitteln und wirft damit einen natürlichen „Seins“-Zustand aus der Bahn. Auf diese Weise entsteht eine intuitive Ordnung, bzw. Unordnung. Fügt man Wissen hinzu, ändert sich Weg und Wirken des eigenen Handelns. Nun ist die Frage wie viel Zufall oder wie viel Ansteckung könnte hinter diesen Verhaltensmuster stehen, ohne dabei den Gedanken von mikroskopischen Machtverhältnissen mitzuberücksichtigen.
Ein Forschungsteam der Universität Konstanz, das Center for the Advanced Study of Collective Behaviour, ein interdisziplinäres Forschungszentrum, erforscht Prinzipien kollektiven Verhaltens bei Tieren und anderen Systemen. Das Team um die gemeinsame Erstautorin Jana Straßheim, Christophe Bousquet, Britta Renner und Harald Schupp haben nun in einem Projekt, genannt „Collective Appetite“ das Machtverhalten, die Wirkung des Verhaltens zwischen Menschen untersucht. Unter der Methodik des SPREAD, ein konzeptionelles und statistisches Framework mit einer Open-Source-R-Toolbox zur Quantifizierung von Verhaltensansteckung in Zeitreihendaten wurden soziale Interaktionen aufgezeichnet. (Steht als Open-Source-R-Toolbox zur Verfügung: https://doi.org/10.48606/bnhwqgyuzsqayz1c). „Unser System heißt SPREAD. Wir können damit allein anhand der Datensätze genau untersuchen, wie lange es dauert, bis sich ein Verhalten von einer Person auf eine andere überträgt, wie lange der Effekt anhält und wie er sich je nach sozialer Konstellation verändert“, erklärt Jana Straßheim.
Spread demonstrierte Verhaltensweisen anhand von Lachen in 28 Dreiergruppen mit 84 Teilnehmenden und 1.032 Lachmomenten sowie anhand von Essverhalten in 36 Dreiergruppen mit 108 Teilnehmenden und 1.427 Momenten der Essensaufnahme.
Beim Abendessen, in der Kaffeepause oder im Gespräch mit Freunden stimmen Menschen ihr Verhalten fortwährend aufeinander ab. Eine Person lacht, andere lachen mit. Jemand beginnt zu essen, und wenig später tun es auch andere am Tisch. Solche Situationen sind vertraut, aber handelt es sich dabei tatsächlich immer um ansteckendes Verhalten oder agieren Menschen nur zufällig zur gleichen Zeit ähnlich?
Die vorausgehende Frage lautete jedoch: Wann spricht man überhaupt von Ansteckung? In der Psychologie ist Verhaltensansteckung ein feststehender Begriff. Um davon sprechen zu können, muss es einen direkten zeitlichen Zusammenhang zwischen dem ersten Verhalten und einem darauffolgenden gleichen Verhalten einer weiteren Person geben. Diesen Zusammenhang zu messen, ist allerdings gar nicht so einfach, denn die Einflussfaktoren sind vielfältig. Ein gutes Beispiel ist das Lachen. Jeder kennt Situationen, in denen eine Person lacht, weil es eine andere tut. Beobachtet man die Situation direkt, ist der Zusammenhang meist offensichtlich. In wissenschaftlichen Studien muss jedoch ausgeschlossen werden, dass kein anderer Einflussfaktor zum Lachen der zweiten Person führte, die mit dem Lachen der ersten Person gar nichts zu tun hatte.
Als Datengrundlage dienten 15-minütige Gruppengespräche von jeweils drei Personen über verschiedene Themen. Jedes Lachen war dabei ein Datenpunkt, der in einem zeitlichen Verhältnis zu einem anderen stand. Rein auf Basis dieser Daten haben die Forschenden anhand von Berechnungen herausgefunden, dass ein Lachen bereits nach ein bis zwei Sekunden am ansteckendsten ist. Mit denselben Daten haben sie zudem Berechnungen zum Zufallsniveau durchgeführt – also wie häufig das Lachen verschiedener Personen nur zufällig aufeinanderfolgte.
Das daraus resultierende Konzept lässt sich auf viele weitere Verhaltensansteckungen übertragen. Gemeinsam ist dabei stets die zeitliche Komponente. „Die zeitliche Dynamik gehört zum Phänomen selbst“, sagt Bousquet. „Es gibt kein einzelnes Zeitfenster, das für jedes Verhalten gleichermaßen passt. Deshalb brauchen wir Methoden, die Verhaltensansteckung über unterschiedliche Zeitabstände hinweg erfassen können.“
Dass SPREAD auch weitreichendere Anwendungsfelder bedienen kann, haben die Forschenden anhand von Essverhalten überprüft. Erneut waren 15-minütige Dreiergespräche die Grundlage. Dieses Mal mit Essen. Es zeigte sich, dass auch Essen nachweislich ansteckend ist, das zeitliche Fenster ist hier jedoch deutlich länger. „Am stärksten war der Effekt nach etwa 14 Sekunden, nachweisen ließ er sich bis zu einem zeitlichen Abstand von etwa 42 Sekunden“, so Straßheim. Kostet eine Person also zuerst vom Kuchen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass eine andere Person ihr in diesem Zeitraum mit der gleichen Handlung folgt – sie wurde dann von der ersten „inspiriert“, ebenfalls etwas zu essen. Ein Verhalten, das viele aus dem Alltag kennen: Greift der erste zu den Chips auf dem Tisch, folgen die anderen meist zügig nach.
„Mit SPREAD haben wir eine gemeinsame methodische Grundlage geschaffen, um Verhaltensansteckung und unterschiedliche Gruppenkonstellationen über verschiedene Disziplinen hinweg zu untersuchen“, sagt Britta Renner, Professorin für Psychologische Diagnostik. „Über die beiden Beispiele hinaus lässt es sich auf weitere beobachtbare Verhaltensweisen, Gruppengrößen und soziale Kontexte anwenden – in der Humanforschung ebenso wie in der Verhaltensforschung mit Tieren.“ Co-Leiter Harald Schupp, Professor für Biologische Psychologie an der Universität Konstanz, ergänzt: „Mit diesem Ansatz können wir soziale Dynamiken vergleichen, ohne vorauszusetzen, dass jedes Verhalten gleich schnell übertragen wird oder mehr beteiligte Personen automatisch eine stärkere Ansteckung bewirken.“
Originalpublikation:
Straßheim, J., Bousquet, C., Köchling, J., Renner, B., & Schupp, H. T. (2026). SPREAD, a framework and open-source R toolbox to quantify behavioural contagion. Commun Psychol 4, 130 (2026). DOI: https://doi.org/10.1038/s44271-026-00538-0
Bildquelle
Symbolbild. Quelle: Vitaly Gariev. Copyright: Vitaly Gariev/unsplash
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