Ein internationales Forschungsteam unter Leitung des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik (MPIEA) in Frankfurt am Main hat sich eingehend damit beschäftigt, was wir beim Betrachten von Tanz empfinden. Die Ergebnisse zeigen, dass unsere kulturelle Prägung Einfluss darauf hat, wie wir Emotionen im Tanz interpretieren und was wir beim Betrachten der Bewegungen als schön und bedeutungsvoll empfinden. Die Studienreihe umfasst drei Veröffentlichungen in Fachzeitschriften. Die aktuellste ist soeben in Perception erschienen.
Frankfurt a.M./Germany, 6. Oktober 2026. – Das Team bestand aus ExpertInnen aus Psychologie, Tanz, Informatik und Geschichte an verschiedenen Forschungs- und Kultureinrichtungen weltweit. Im Mittelpunkt des interdisziplinären Projekts stand ein spezieller iranischer Tanzstil – eine kulturelle Tradition, die in der wissenschaftlichen Forschung bislang kaum untersucht wurde. Die ForscherInnen filmten professionell ausgeführte Tanzbewegungen, die unterschiedliche Emotionen ausdrücken, und stellten aus den kurzen Videoclips ein Bewegungsarchiv zusammen. Dadurch konnten sie untersuchen, wie Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und Prägungen dieselben Darbietungen wahrnehmen.
Die ForscherInnen führten fünf Einzelstudien mit insgesamt mehr als 500 TeilnehmerInnen mit iranischem, englischem oder südostasiatischem Hintergrund durch. Dabei stellten sie fest, dass Menschen Emotionen nicht direkt aus Körperbewegungen „ablesen“. Vielmehr prägen ihre eigenen kulturellen Erfahrungen das, was sie sehen. So nahmen Personen, die mit der iranischen Kultur besser vertraut waren, in den präsentierten Tänzen beispielsweise eher freudige Emotionen wahr. Dies spiegelt die festlichen Anlässe wider, bei denen dieser Tanzstil typischerweise aufgeführt wird.
Die Untersuchung zeigte zudem, dass der kulturelle Hintergrund auch die ästhetische Wahrnehmung von Tanz beeinflusst. Zwar genossen Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund die Darbietungen oft gleichermaßen, doch ihre bisherigen kulturellen Erfahrungen wirkten sich darauf aus, welche Bewegungen sie als besonders ausdrucksstark oder schön empfanden.
Entscheidend sei dabei nicht die Nationalität oder das Herkunftsland einer Person, sondern deren Vertrautheit und konkrete Erfahrungen mit einer kulturellen Tradition, berichtet Julia F. Christensen vom MPIEA, Erstautorin der ersten beiden Veröffentlichungen und Seniorautorin der letzten: „Ein wichtiges Ergebnis ist der Nachweis, dass Kultur kein ‚Alles-oder-Nichts‘-Merkmal ist. Anstatt Menschen in festgelegte kulturelle Gruppen einzuteilen, scheint es aussagekräftiger zu sein, den Grad der kulturellen Erfahrung und Prägung jedes Einzelnen zu messen. Dies liefert uns ein genaueres Bild davon, wie Kultur die Wahrnehmung und das ästhetische Erleben beeinflusst.“
Über die wissenschaftlichen Erkenntnisse hinaus hat das Projekt mit der systematisch aufgebauten Videobibliothek eine wertvolle neue Ressource für die zukünftige Forschung geschaffen. Darüber hinaus bietet es durch die Zusammenführung der verschiedenen Fachbereiche neue Einblicke in die Beziehung von Kultur, Emotionen und künstlerischem Ausdruck. Die Ergebnisse zeigen, wie Natur- und Geisteswissenschaften zusammenarbeiten können, um unser Verständnis des menschlichen Ausdrucks kulturübergreifend zu vertiefen.
Originalpublikation:
Khorsandi, S., Vartanian, M., Wald-Fuhrmann, M., Frieler, K., Ullén, F., Farahi, F., Yazdi, S. H. N., Bravo-Serra, S., & Christensen, J. F. (2026). A Cross-Cultural Empirical Investigation of Aesthetic Responses to an Iranian Dance Style. Perception. Advance online publication. https://doi.org/10.1177/03010066261478531
Christensen, J. F., Khorsandi, S., Ullén, F., Cross, E. S., Frieler, K., Vartanian, M., & Wald-Fuhrmann, M. (2026). Enculturation Modulates Aesthetic Judgments of Dance. Journal of Cultural Cognitive Science, 10, 267–285. https://doi.org/10.1007/s41809-026-00206-z
Christensen, J. F., Frieler, K., Vartanian, M., Khorsandi, S., Farahi, F., Yazdi, S. H. N., Bravo Serra, S., & Walsh, V. (2025). An Enculturation-Induced Joy Bias for Emotion Recognition in Full-Body Movement. Scientific Reports, 15(1), Article 37163. https://doi.org/10.1038/s41598-025-24332-w
Bildquelle
Die Tänzerinnen Shahrzad Khorsandi (stehend) und Mona Heir (kniend) präsentieren einen iranischen Tanz mit ausdrucksvollen Handbewegungen. Quelle: Carl Sermon und Ma’Shuqa. Copyright: MPIEA
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