Wirtshaus

Gasthaus als Gegenraum zur Staatsmacht – Gaststätte als Bühne der Gesellschaft


Kneipen und Wirtshäuser sind mehr als nur Orte zum Essen und Trinken. Seit Jahrhunderten kommen hier Menschen unterschiedlichster Herkunft und aus verschiedenen sozialen Gruppen zusammen, werden Geschichten erzählt, politische Ideen diskutiert oder Geschäfte gemacht. Wie Gasthäuser das gesellschaftliche Zusammenleben prägen und welche Rolle sie in Literatur, Kunst und Film spielen, beleuchtet eine interdisziplinäre Tagung unter dem Titel „Das Gasthaus als Raum der Diversifizierung. Mediale Repräsentationen professioneller Gastlichkeit zwischen Vormoderne und Gegenwart“ vom 13. bis 15. Oktober in Landau in der Pfalz.

Kaiserslautern-Landau/Germany, 1. Oktober 2026. – Ob Kneipe, Wiener Café, Herberge oder Dorfwirtshaus: Gasthäuser gehören seit Jahrhunderten zu den Orten, an denen gesellschaftliche Vielfalt sichtbar wird. „Hier begegnen sich Menschen, die im Alltag vielleicht nicht zusammenkommen würden“, umreißt Lars Henk, Literaturwissenschaftler an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU) und einer der Organisatoren der Tagung, deren Rolle. „Es treffen öffentlicher und privater Raum aufeinander, unterschiedliche Lebensentwürfe werden verhandelt, gesellschaftliche Ordnungen können bestätigt, aber auch infrage gestellt werden.“

In Literatur, Kunst und Film ist dieser Ort der Begegnung allgegenwärtig, oft als Kunstgriff, ohne den die Fortentwicklung der Handlung nicht möglich wäre. Rick’s Café im Filmklassiker „Casablanca“, das Gasthaus „Zum Roten Taubenschlag“ im Roman „Die drei Musketiere“ oder der Juke Joint in dem Blockbuster „Sinners“ (2025) sind Beispiele dafür. Ihre Darstellungsformen wurden bislang in der Kunst- und Literaturgeschichte jedoch vergleichsweise wenig untersucht. Auf der Konferenz beschäftigen sich daher 19 Vorträge von (inter-)nationalen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen mit der Frage, welche Geschichten Gasthäuser über Gesellschaft erzählen und welche Rolle sie selbst über die Jahrhunderte hinweg in Kunst, Literatur und Medien bei der Aushandlung von Zugehörigkeit, Identität und Vielfalt spielen. Dabei geht es auch um die gesellschaftliche Lücke, die das Verschwinden von Dorfkneipen heute hinterlässt. Beleuchtet werden soll auch, welche Beständigkeit es in der Darstellung dieser Räume gibt und was sich über die Jahrhunderte verändert hat.

Die vier Sektionen der Tagung werfen einen Blick aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven auf die Rolle von Gasthäusern. Zum Auftakt geht es um das Gasthaus als Gegenraum zur Staatsmacht und um die Frage, wie sich in diesen Räumen gesellschaftliche und politische Gegendiskurse entwickeln. Eine philosophische Keynote von Philosophieprofessor Ralf Becker (Landau) widmet sich dem Thema der Gastlichkeit in der Philosophiegeschichte.

Der zweite Tagungstag lenkt den Blick auf Gastlichkeit in zeitgenössischen Narrativen, auf Raumökonomien und sogenannte Schwellenräume. Walburga Hülk-Althoff, Literaturwissenschaftlerin aus Siegen, beschäftigt sich in ihrer Keynote mit halböffentlichen Räumen in der französischen Literatur des 19. Jahrhunderts.

Am dritten Tag stehen Raumerzählungen und die nostalgische Bewältigung von Traumata im Mittelpunkt. Dabei geht es unter anderem um die Wirtsstube als dramaturgischen Schauplatz in Literatur und Kunst sowie um die Frage, was geschieht, wenn Gastlichkeitsräume zu Übergangsräumen zwischen öffentlichem Leben und musealer Inszenierung werden.

Die Tagung ist eine Veranstaltung des Potenzialbereichs „Diversität & Transformation. Heterogene Gesellschaften als Herausforderung interdisziplinärer Forschung“ der Forschungsinitiative Rheinland-Pfalz. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Ekaterini Kepetzis (Kunstgeschichte) und Dr. Lars Thorben Henk (Romanistik) von der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU). Im Potenzialbereich forschen sie zu Fragen gesellschaftlicher Vielfalt und des Zusammenlebens. Die Konferenz wird gefördert von der Fritz Thyssen Stiftung.

Interessierte sind zur Tagung herzlich willkommen. Um vorherige Anmeldung bei Dr. Lars Henk per E-Mail an lars.henk@rptu.de wird gebeten. Nähere Informationen zum Programm gibt es unter https://rptu.de/s/gasthaustagung.

Bildquelle
MW Pixabay

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