Kritisches Denken gerät zunehmend unter Spannung – durch Informationsflut, KI und digitale Routinen. Ein neues Projekt der Universität Bielefeld soll zeigen, wie diese Fähigkeit als Zukunftskompetenz gestärkt werden kann. Gefördert wird es mit 100.000 Euro vom Stifterverband und der Heinz Nixdorf Stiftung im Programm „Futureversities“.
Bielefeld/Germany, 16. Januar 2026. – Die Fähigkeit etwas kritisch zu hinterfragen, rückt dann im Alltag etwas zurück, wenn die Geschwindigkeit im Alltag und durch die Umstände zunimmt. Damit steht kritisches Denken und hinterfragen in einem klaren Zusammenhang zu einer wachsenden Produktivität! Während Kleinkinder in den ersten Monaten in einer Phase engster Identität zur Bezugsperson aufwachsen – die Phase der Einverleibung, folgt darauf das Gegenstück – die Entwicklung zur Autonomie. Die Aufeinanderfolge dieser beiden Kernkonflikte, wie Erikson es in „Lebenszyklen“ beschreibt, gehört mit zur wichtigsten Entwicklungsphase des Erlernens kritischen Denkens und Handelns. Denn diese Phase zeigt sich vor allem im späteren Erwachsenenleben, wenn es darum geht die Rechtmässigkeit von Sachverhalten als auch die naturnahe Sinnhaftigkeit der Dinge zu hinterfragen und zu prüfen. Ein Effekt der sich stark während der Pandemie gezeigt hat und auch sehr stark in der aktuellen Weltlage mit ihren ganzen Konflikten deutlich macht. Die Fähigkeit das jeder Mensch selbst in der Lage ist Selbstbestimmt für sich und in eigener Verantwortung Entscheidungen treffen zu können, unabhängig von jeweiligen Einflüssen! Dieser Effekt wird in der Psychologie auch als mündiger Rezipient bezeichnet. Die Fähigkeit Verantwortungsbewusstsein in einer dynamischen Gesellschaft erwerben zu können.
Was viele als gesunden Menschenverstand bezeichnen wollen, führt vor dem Hintergrund unterschiedlicher Wahrheitsbehauptungen, populären Irrtümern und oder voreingenommener Schlussfolgerungen in einer Sackgasse. In einer dynamischen und von Vielfalt geprägten Welt, wie sie im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz zu erwarten sein muss, haben vorgefertigte Meinungsbilder nur noch eine geringe Halbwertszeit und rufen neue Überlegungen über Verhaltensweisen hervor, die auch den Bedarf an Tugenden neu ins Leben rufen. Im Vordergrund steht die Auseinandersetzung mit dem was das wesentliche oder gar das Sinnhafte hinter einem scheinbar äusseren meint. Zu hinterfragen sind Input und Output. Das dazwischenliegende von einem Denken das von sich auf andere schließt, wie man es häufig im Narzissmus erlebt, findet hierin seinen Untergang. Unterstützend durch die Medien- und Nachrichtenlage in der Welt, die zuvor noch für eine Globalisierung und Vernetzung der Welt stand, zeigt sich diese Bindung seit einiger Zeit in einer Phase starker Belastung durch „Fake“-News. Neuigkeiten die Verlagen zu hinterfragen, „kann das wirklich der Wahrheit entsprechen?“ „Macht es im Kontext der Ereignisse Sinn?“ „Passt ein Ereignis in einen Ursache-Wirk-Zusammenhang?“
Das Projekt „Critical Thinkers“ (kritische DenkerInnen) setzt bei Lehramtsstudierenden als zukünftigen MultiplikatorInnen an. Sie sollen lernen, kritisches Denken nicht nur selbst auszuüben, sondern es im Unterricht systematisch anzuregen und bei SchülerInnen zu verankern.
Das Programm verbindet daher Fertigkeiten mit Haltung. Im Zentrum steht die Fähigkeit, Argumente zu prüfen, Perspektiven zu wechseln und Informationen zu bewerten. Dazu gehört die Bereitschaft, diese Anstrengung immer wieder einzugehen. „Wir wollen angehende Lehrkräfte darin stärken, kritisches Denken unter Druck zu praktizieren und ihren SchülerInnen vorzuleben, dass Nachdenken keine lästige Pflicht, sondern eine demokratische Kernkompetenz ist“, sagt die Projektleiterin Professorin Dr. Kirsten Berthold von der Abteilung für Psychologie und der Bielefeld School of Education (BiSEd). Entwickelt hat sie das Konzept gemeinsam mit den Bielefelder ProfessorInnen Dr. Susanne Miller (Erziehungswissenschaft), Dr. Matthias Wilde (Biologie) und Dr. Fabian Wolff (Psychologie).
Inhaltlich knüpft das Vorhaben an den Fokusbereich REFLECT der Universität Bielefeld an. Das Forschungsnetzwerk treibt Studien und praktische Maßnahmen dazu voran, wie Kinder und Jugendliche Informationen prüfen, Argumente abwägen und Perspektiven wechseln können. REFLECT arbeitet dafür mit einem Rahmenmodell, das zeigt, unter welchen Bedingungen kritisches Denken in Schule, Familie und Freizeit entstehen und gefördert werden kann.
Studierende erproben neue Unterrichtsformate
Die Erfahrungen aus REFLECT fließen nun ins Projekt „Critical Thinkers“ ein. Lehramtsstudierende erproben in Seminaren und Schulprojekten konkrete Unterrichtsformate, in denen etwa mit Fake News, KI-generierten Texten oder kontroversen Online-Debatten gearbeitet wird. Das Ziel ist es, praxistaugliche Konzepte zu entwickeln, die sich in unterschiedlichen Fächern einsetzen lassen und die Urteilsfähigkeit der Schüler*innen langfristig stärken.
Beispiel für institutionelle Transformation
Insgesamt werden fünf Hochschulen im Wettbewerb „Futureversities – Skalieren, verankern, Zukunft gestalten“ ausgezeichnet. Sie haben sich unter 144 Bewerbungen durchgesetzt. „Die ausgezeichneten Hochschulen zeigen, wie institutionelle Transformation gelingen kann – mutig, anschlussfähig und mit Blick über den eigenen Campus hinaus“, sagt Volker Meyer-Guckel, Generalsekretär des Stifterverbandes. Horst Nasko, Vorstand der Heinz Nixdorf Stiftung, sagt: „Mit der Förderung schaffen wir Raum für mutige Veränderungen – und vor allem für gemeinsames Handeln. Denn zukunftsfähige Hochschulentwicklung entsteht im Zusammenspiel zwischen Hochschulen sowie mit Partnern aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft.“
Weitere Informationen:
https://www.uni-bielefeld.de/forschung/profil/fokusbereiche/reflect/ Fokusbereich REFLECT
https://aktuell.uni-bielefeld.de/2025/11/11/schuelerinnen-fit-machen-fuer-die-informationsgesellschaft/
Artikel über REFLECT
Bildquelle
Sie verantworten das Projekt zum kritischen Denken (v. li.): die ProfessorInnen Dr. Kirsten Berthold, Dr. Fabian Wolff, Dr. Matthias Wilde und Dr. Susanne Miller. Quelle: Lisa Janowski. Copyright: Universität Bielefeld



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