Welchen evolutionären Vorteil haben wir durch unser Bewusstsein? Und was können wir darüber aus der Beobachtung von Vögeln lernen? Dazu haben Forschende der Ruhr-Universität zwei Beiträge veröffentlicht.
Bochum/Germany, 24. November 2025. – Die Erforschung des Bewusstseins, vielmehr dem Sinn seiner Existenz erlebt in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen regelrechten Boom.
Was ist seine Funktion? Warum hat die Evolution ein Bewusstsein hervorgebracht, entwickelt?
Die Antworten auf diese Fragen sind entscheidend für das Verständnis, warum einige Spezies (wie unsere) bewusst wurden, während andere (wie Eichen) dies nicht wurden. Ein Blick auf das Gehirn von Vögeln bsw. zeigt, das die Evolution bei unterschiedlicher Architektur ähnliche funktionale Lösungen hervorbringen konnte.
Prof. Dr. Albert Newen und Prof. Dr. Onur Güntürkün berichten über ihre Erkenntnisse in den Arbeitsgruppen der Ruhr-Universität Bochum in einer aktuellen Sonderausgabe der Zeitschrift „Philosophical Transactions of the Royal Society B“ vom 13. November 2025.
Wozu Genuss und Schmerz?
Bewusstes Erleben zeichnet menschliches Leben aus. Als positives Empfinden, gar Genussvoll zeigt sich, „Ich spüre die wärmende Sonne auf der Haut, höre das Zwitschern der Vögel, genieße den Augenblick“.
Das Leiden, „Ich spüre das schmerzende Knie vom Sturz auf der Treppe; ich leide darunter, dass ich immer alles schwarz sehe“.
Warum haben wir als Lebewesen überhaupt im Laufe der Evolution ein Empfinden entwickelt, welches einerseits positives Erleben, aber auch Schmerzen und gar unerträgliches Leiden mit sich bringen kann?
Dahinter verbirgt sich auch die vielleicht triviale Frage, warum haben Kleinkinder in dem Sinne kein Bewusstsein und alles zeigt sich erst viel später in Gefühlen und Empfindungen aus dieser frühen Kindheitsphase?
Albert Newen und Carlos Montemayor unterscheiden drei Formen von Bewusstsein mit jeweils unterschiedlichen Funktionen: 1. basales Empfinden, 2. eine allgemeine Alltagswachheit und 3. ein reflexives (Selbst-)Bewusstsein.
„Evolutionär ist zunächst ein basales Empfinden entstanden, welches die Grundfunktion hat, den Körper bei einer lebensbedrohlichen Lage in einen Alarmzustand zu versetzen, damit das Leben des Organismus erhalten bleibt“, sagt Albert Newen. „Schmerz ist ein extrem effizientes Mittel, um die Beschädigung des Organismus und eine damit einhergehende Lebensbedrohung anzuzeigen. Damit wird oftmals zugleich eine Überlebensreaktion wie Flucht oder Erstarren eingeleitet.“
Eine allgemeine Alltagswachheit, ein weiterer evolutionärer Schritt der sich ausbilden wird, besteht darin, das wir uns auf eine von vielen gleichzeitig eingehenden Informationen konzentrieren können. Wir können uns auf einen gerade entdeckten Rauch konzentrieren und nach dessen Quelle suchen, obwohl jemand gerade mit uns spricht. „Das ermöglicht es uns, neue Zusammenhänge zu lernen: zunächst den einfachen kausalen Zusammenhang, dass Rauch vom Feuer stammt und anzeigt, wo das Feuer ausgebrochen ist. Aber auch komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge werden erst mit gezielter Aufmerksamkeit erlernbar“, so Carlos Montemayor.
Nicht zuletzt entwickeln Menschen und auch einige Tiere ein reflexives (Selbst-) Bewusstsein. Mit dem Verlauf der Evolution prägt sich das Bewusstsein über sich und seinen Körper über alle Epochen hinweg genauso aus, wie sich dies in einem einzigen Leben vollzieht. Menschen werden im Lebensverlauf sensibilisiert, bekommen in irgendeiner Form eine bestimmte Aufgabe für das Leben und setzten sich bewusst mit dem Schicksal auseinander. Eine komplexere Form besteht darin das wir uns über die Vergangenheit und die Zukunft Gedanken machen werden. Das Nachdenken über Vergangenheit und Zukunft hilft uns den Kontext zu erfassen in dem wir leben und uns bewegen. Wir machen uns ein Bild von uns Selbst und ziehen dies in unser Handeln und Planen mit ein.
„Reflexives Bewusstsein ist in einfachen Formen parallel mit den beiden Grundformen des Bewusstseins entstanden“, erklärt Albert Newen: „Das bewusste Erleben fokussiert sich dann nicht auf das Erleben der Umwelt, sondern auf das bewusste Erfassen von Aspekten von sich selbst.“
Dazu gehören die eigenen Körperzustände, das eigene Wahrnehmen, Fühlen, Denken und Handeln. In einfacher Form ist das sich selbst im Spiegel erkennen bereits eine Form des reflexiven Bewusstseins, das Kinder mit 18 Monaten entwickeln und auch bei einigen Tieren nachgewiesen ist, etwa bei Schimpansen, Delfinen, Elstern. Reflexives (Selbst-)Bewusstsein – in seiner grundlegenden Funktion – ermöglicht es, dass uns wir besser in die Gesellschaft einfügen und mit anderen koordinieren können.
Originalveröffentlichung
Albert Newen, Carlos Montemayor: Three Types of Phenomenal Consciousness and Their Functional Roles: Unfolding the ALARM Theory of Consciousness, in: Philosophical Transactions of the Royal Society B, DOI: 10.1098/rstb.2024.0314, http://doi.org/10.1098/rstb.2024.0314
Was Vögel wahrnehmen
Gianmarco Maldarelli und Onur Güntürkün zeigen in ihrem Artikel, dass Vögel über grundlegende Formen bewusster Wahrnehmung verfügen könnten. Sie führen drei zentrale Bereiche zusammen, in denen Vögel bemerkenswerte Parallelen zu bewusstem Erleben bei Säugetieren zeigen: sensorische Bewusstheit, neurobiologische Grundlagen und Ansätze von Selbstbewusstsein.
Erstens weisen Studien zu sensorischer Bewusstheit darauf hin, dass Vögel Reize nicht nur automatisch verarbeiten, sondern subjektiv erleben. Bei Tauben zeigt sich etwa bei mehrdeutigen visuellen Reizen ein Wechsel zwischen verschiedenen Interpretationen, ähnlich wie bei Menschen. Bei Krähen wurden zudem Nervensignale gemessen, die nicht das physikalische Vorhandensein eines Reizes, sondern die subjektive Wahrnehmung des Tieres widerspiegelt. Wenn eine Krähe einen Reiz manchmal bewusst wahrnimmt und manchmal nicht, reagieren bestimmte Nervenzellen genau entsprechend dieser inneren Erfahrung.
Zweitens verfügen Vogelgehirne trotz ihres anderen Aufbaus über funktionelle Strukturen, die den theoretischen Voraussetzungen bewusster Verarbeitung entsprechen. „Das Vogeläquivalent zum präfrontalen Kortex – das NCL – ist hochgradig vernetzt und ermöglicht es, Informationen zu integrieren und flexibel zu verarbeiten“ beschreibt Onur Güntürkün. „Auch das Connectom des Vogelvorderhirns, welches die Gesamtheit der Informationsflüsse zwischen den Hirnarealen abbildet, zeigt große Ähnlichkeiten zu Säugetieren. Damit erfüllen Vögel viele Kriterien der gängigen Bewusstseinstheorien wie der Global Neuronal Workspace Theory.“
Drittens zeigen neuere Untersuchungen, dass Vögel auch über Formen von Selbstwahrnehmung verfügen könnten. Abgesehen davon, dass einige Arten von Rabenvögeln den klassischen Spiegeltest bestehen, haben andere ökologisch bedeutsame Versionen des Tests weitere Formen des Selbstbewusstseins bei anderen Vogelarten aufgezeigt. „Experimente deuten darauf hin, dass Tauben und Hühner zwischen ihrem Spiegelbild und einem echten Artgenossen unterscheiden und kontextabhängig darauf reagieren – ein Hinweis auf ein situationsgebundenes, basales Selbstbewusstsein“, so Güntürkün.
Die Befunde legen nahe, dass Bewusstsein ein evolutionär älteres und breiter verbreitetes Phänomen ist als bislang angenommen. Vögel demonstrieren, dass bewusste Verarbeitung auch ohne Großhirnrinde möglich ist und dass unterschiedliche Gehirnarchitekturen ähnliche funktionale Lösungen hervorbringen können.
Originalveröffentlichung
Gianmarco Maldarelli, Onur Güntürkün: Conscious Birds. in: Philosophical Transactions of the Royal Society B, DOI: 10.1098/rstb.2024.0308, http://doi.org/10.1098/rstb.2024.0308
Webseite: https://www.pe.ruhr-uni-bochum.de/philosophie/ii/newen/newen/index.html.de
Webseite: https://www.neuro.ruhr-uni-bochum.de/rdn/personen/Onur_G%C3%BCnt%C3%BCrk%C3%BCn.html.de


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