Warum Teilzeit Unternehmen und Gesellschaft hilft: Arbeits- und Organisationspsychologe Prof. Dr. Christoph Desjardins sieht positive Effekte für die Produktivität
Frankfurt/Germany, 3. Februar 2026. – Bereits gegen Ende des 19. Jhd. hatte Herbert Spencer im Werk „The principles of sociology“ 1876, darüber geschrieben, das eine arbeitsteilige Gesellschaft nicht nur an sich produktiver sei, sondern allem voran auch zusammenschweiße.
„Das Gesetz des Wachstums besteht in der Entfaltung vom Einfachen zum Komplexen durch sukzessive Differenzierungen, in spezifische Teile, die spezifische Funktionen erfüllen; die Teile sind aufeinander bezogen und stehen in einem spezifischen Strukturzusammenhang. Funktion und Struktur wandeln sich, und darin besteht der Fortschritt der Gesellschaft, dass sich Funktionen und Strukturen immer weiter differenzieren (Vgl. Abels, S. 353, 2019)“.
Und weiter berichtet Spencer, „eine der Wachstumsstufen in dieser Gesellschaft ist die Entwicklung durch eine Differenzierung der Arbeit. Mit dem Wachsen der Bevölkerung wird Arbeit geteilt, individuen tun nicht mehr das gleiche, sie spezialisieren und differenzieren sich durch ihre Tätigkeiten. […] Differenzierung bedeutet Fortschritt vom Allgemeinen zum Besonderen (Vgl. Abels, S. 354, 2019)“.
Dadurch das jeder, jede etwas anderes anbietet entsteht ein wachsendes Abhängigkeitsverhältnis. Neu ist das im Grunde nicht mehr, das sehen wir aktuell in der Wirtschaft an fast allen Bereichen. Nur der Zeitpunkt ist massgeblich. Mit einem Wachstumsschub, der in der Form auch schon in den 1980er Jahren stattfand muss, um auch die Gesellschaft zusammen zu halten und sich modernen Arbeitsformen anzupassen, weiter ausdifferenziert werden.
Wir leben aktuell in einem Zeitgeist, der gespalten ist im Kampf um die Durchsetzung autokratischer System gegen demokratische Systeme. Dieser Umstand macht deutlich, das Spencers Theorie von ca. 1876, als dieser seiner Werke verfasste, der jetztigen Zeit entspricht. Die Gesellschaft ist und droht gespalten zu sein, auf der anderen Seite übt und kämpft diese sich im Zusammenhalt, was der Demokratie förderlich ist. Autokratie kämpft darum alle Ressourcen pyramidal auf wenige zu konzentrieren. Demokratie darum diese „gerecht“ oder angemessen zu verteilen. Führung besteht eben darin den Zeitgeist richtig zu interpretieren und den Gegebenheiten anzupassen.
Da es aber auch um den Kampf um Ressourcen geht, vertreten diejenigen die Gefahr laufen ihre Ressourcen opfern müssen, eine massive Gegenwehr. Hinzu kommt das Machtgehabe – das ist offensichtlich – das wenige Menschen noch mehr bekämen und dies durch Kriege und Konflikte in der Welt unter sich aufteilen wollen.
Unterstellt man mittelfristig die Durchsetzung der Demokratie, das kann man durchaus erwarten, dann würde durch die Demokratie erreicht werden, das die Gesellschaft der Nährboden für eine moderne Form der Spezialisierung wird, was die Grundlage für Spencer Theorie war.
Die Arbeitsteilung als auch Spezialisierung wird sich zwangsläudig daraus ergeben müssen, weil mit den verschiedenen Technologien, die sich letztlich irgendwo in der Künstlichen Intelligenz wiederfinden, eine solch umfangreiche Diversität ergeben wird, wie diese der gegenwärtigen – eben diversen – Gesellschaft entspricht. Für jeden wäre zwar Arbeit da, bringt aber die Opfer des finanziellen Verfalls, Erosion und intensive Spezialisierungen mit sich.
Schon seit Jahren gibt es die Tendenz, das egal ob jung oder alt, auch mit viel Berufs- und Lebenserfahrung, das jeder der ein Unternehmen wechselt oder auch die Branche, steigt nahezu mit dem gleichen Gehaltsniveau ein. Ein Facettenreicher Trend, der aber eben auch solche Entwicklungen begünstigt in dem das Wohlstandsniveau auf dieser unausgewogenen Ebene – d.h., angepasste Gehälter und Löhne – schwer zu halten sein wird. Zwangsläufig wird das Geld sich anders verteilen müssen, was der Grund der Politik sein wird, um das bestehende Lohngefälle zu kämpfen und daher für mehr und längere Arbeitszeiten zu kämpfen. Menschen werden aber fortschrittlicher, Intelligenter, differenzierter im Denken und es ist zu erwarten das durch das ansteigen allein menschlicher Produktivität mehr Energie, zu deutsch „Gehirnschmalz“ verwendet wird, was bei gleichbleibender Arbeitsverteilung und Ressourennutzen zu deutlichen Einschränkungen und hohen Krankenständen führen würde.
Wollen aber alle in Arbeit bleiben und die Lohnkosten nicht weiter steigen, dann ist es durchaus angebracht, das sehr viele Menschen in Zeiten von Spezialisierung auf neue Jobs qualifiziert und angepasst werden können. Diese Möglichkeit bietet sich durch die bestehenden Wirtschaftstheorien, die meist auf Empfehlung der Wissenschaft, in Deutschland der Wirtschaftsweisen, ausgesprochen werden.
Mit Beginn der 1980er Jahre hat sich der klassische Liberalismus als Wirtschaftstheorie durchgesetzt. Genau zu diesem Zeitpunkt sind die Finanzmärkte durch die Einführung der Kommerzialisierung der Computer explodiert. Anschließend haben sich diese Finanzmärkte auf die Wirtschaftswelt übertragen. In Büros haben Computer Einzug erhalten, die Arbeitsplätze und Situationen haben sich verändert. Bevor es zu dieser Entfesselung der Finanzmärkte kam, war die Keynesianische Wirtschaftstheorie von John Maynard Keynes erneut im Gespräch. Keynes hatte diese Theorie aufgrund der Weltwirtschaftskrise 1929 entworfen. Mitte 2000 kam die Diskussion von Keynes Theorie erneut auf. So heisst es: „Die weltweite Implementation keynesianischer Politikempfehlungen durch Regierungen und Zentralbanken in Reaktion auf die globale Wirtschafts- und Finanzkrise hat– nach der Dominanz monetaristischer und neoliberaler Angebotspolitiken der letzen drei Jahrzehnte– das Friedmansche Wort des ‘we are all Keynesians now’ wieder in Erinnerung gerufen.“ (et al. Flaschel, 2012). Der Grund, die wirtschaftliche Situation heute kann unter Umständen beide Positionen, sowohl den Keynesianismus als auch die Theorie des klassischen Liberalismus einsetzen. Ein Frage die sich aktuell mit der neuen Entwicklung zeigt.
Wesentliche Merkmale des Keynesianismus sind eben die, das nur nach Bedarf produziert würde, was im klassischen Liberalismus eine massive Gegenwehr zur Folge hatte. Da die Wirtschaft heute aber so komplex geworden ist, wäre ein Ausfall des Bedarfs kaum noch möglich. Aber, durch die Spezialisierung die zu erwarten sein muss, kann es durchaus zu Ausfällen kommen, bzw. Verlagerungen. Hier wäre das Keynesianische System überlegenswert. Das oder die Systeme sind natürlich weitaus komplexer und passen somit auch nicht in dieses Medium.
Das zweite Merkmal spielt der Sachlage zu, bei dem es darum geht das hohe Übergewinne der Unternehmen und Organisationen an den Staat abgegeben würden. Im Falle eines Ausfalls kommen diese Gelder wieder dem Beschäftigungsausfall zugute, z.B. in der Finanzierung zur Bildung auf Spezialisierung -> Postkeynesianismus genannt.
In der aktuellen Diskussion um weniger Arbeit und steigender Produktivität wird es um eine Erweiterung der Ressourcenkämpfe gehen.
Die in der aktuellen Debatte um das Thema Teilzeit implizierte Behauptung, dass Teilzeittätige durch ihre „Verweigerung“ von Vollzeitarbeit ihren Unternehmen schaden, lässt sich nicht belegen. Darauf verweist der Arbeits- und Organisationspsychologe Prof. Dr. Christoph Desjardins.
Im Gegenteil: Unternehmen und die Gesellschaft können sogar von Teilzeitarbeit profitieren, sagt der Experte für Human Resource Management (HRM) und Leadership der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS). In seiner Analyse beleuchtet er wichtige Aspekte, die bisher nicht ausreichend thematisiert werden.
Vielfältige Gründe für Reduzierung der Arbeitszeit
Die von der Politik – nicht von der Wirtschaft – angestoßene Diskussion um Teilzeitarbeit als Lifestyle-Element stellt diese Form der Arbeitstätigkeit als bloße Willensentscheidung hin, die je nach Ausmaß der gewünschten Work-Life-Balance getroffen werden kann. Dies bezieht sich auf einen fortschreitenden Wertewandel, der Aktivitäten und soziale Beziehungen im Nicht-Arbeitsbereich priorisiert und dazu führt, dass sich die Bindung der Mitarbeitenden zu ihren Unternehmen verringert.
Dass Deutschland ein „kollektiver Freizeitpark“ ist, hat aber schon der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl in seiner Regierungserklärung von 1993 beklagt, ohne dass sich die wirtschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik in den Jahrzehnten danach entsprechend kontinuierlich negativ entwickelt hat.
Dazu kommen die realen Lebensumstände wie Kinderbetreuung und Pflege, die es vielen Menschen nicht möglich machen, einer Vollzeittätigkeit nachzugehen, auch weil der Staat nicht die entsprechende soziale Infrastruktur zur Verfügung stellt.
Klassisches Arbeitszeitmodell garantiert nicht mehr Produktivität
Bevor man sich die Vor- und Nachteile von Teilzeitarbeit anschaut, stellt sich die Frage, ob denn eine Vollzeittätigkeit dazu führt, dass Menschen sich optimal produktiv in Unternehmen einbringen können.
Studien zeigen, dass die Produktivität mit steigender Stundenzahl abnimmt. Neue Arbeitszeitmodelle wie der Sechs-Stunden-Tag oder auch die Vier-Tage-Woche belegen, dass das klassische Arbeitszeitmodell nicht garantiert, dass die vorhandene Arbeitszeit auch wirklich produktiv genutzt wird bzw. dass ArbeitnehmerInnen aufgrund der zur Verfügung stehenden Arbeitsenergie überhaupt durchgehend produktiv sein können.
Bei entsprechender Umsetzung scheint es möglich zu sein, mit weniger Zeit die gleichen Arbeitsergebnisse zu erzielen und gleichzeitig positive Effekte für die Mitarbeitendenbindung und den Erhalt der psychischen und physischen Arbeitskraft zu erzielen.
Auch die pauschale Beurteilung von Teilzeittätigkeiten ist inhaltlich wenig sinnvoll, da es verschiedene Typen gibt: Tätigkeiten, die aufgrund des flexiblen Bedarfs nur in Teilzeit angeboten werden, z.B. im Servicebereich, und Tätigkeiten, die aufgrund des Wunsches der ArbeitnehmerInnen entsprechend gestaltet werden. Gerade der erste Typ ist für den wirtschaftlichen Erfolg der entsprechenden Unternehmen unabdingbar.
Optimales Teilzeitfenster: 25 bis 30 Stunden
Aber auch, wenn wir ausschließlich die Wunsch-Teilzeit betrachten, ergibt sich ein differenziertes Bild. Wenn bei gleichbleibendem Arbeitsbedarf eine Verteilung von Vollzeit zu Teilzeit stattfindet, kann sich die Produktivität vor allen Dingen durch den erhöhten Koordinationsbedarf und die höheren Strukturkosten für die Mitarbeitenden, wie z.B. Hardware, verringern. Das gilt insbesondere für komplexere Tätigkeiten, die auch mit höherer Abstimmung und einer zu Arbeitsbeginn notwendigen mentalen Anstrengung einhergehen.
Diesem erhöhten Aufwand stehen aber auf der anderen Seite Produktivitätsgewinne gegenüber, die von dem jeweiligen Teilzeitmodell und dessen Ausgestaltung abhängen. So scheint es ein für die Produktivität optimales Teilzeitfenster zu geben, das bei 25 bis 30 Wochenarbeitsstunden liegt und in dem die produktiven Vorteile der Teilzeitarbeit die Nachteile übertreffen.
Weniger Pausen und höhere Motivation
Produktivitätsgewinne bei Teilzeittätigkeiten lassen sich durch eine Leistungsverdichtung erklären, die auch durch eine geringere Häufigkeit von Pausen sowie die größere Fokussierung auf die Arbeitstätigkeit entsteht.
Eine der wichtigsten Ursachen ist aber die erhöhte Motivation der Mitarbeitenden. Diese entsteht insbesondere durch die gewonnene Zeitautonomie, also die Möglichkeit, über die zeitliche Gestaltung des eigenen Lebens selbst bestimmen zu können. Durch die Option, in der frei verfügbaren Zeit andere Tätigkeiten wie Betreuung und Pflege auszuüben, entsteht zudem eine zusätzliche Sinnstiftung, die sich auch wieder positiv auf die Arbeitstätigkeit auswirken kann.
Push für Innovationskraft
Der Trend zu mehr Teilzeit kann Unternehmen und damit der gesamten deutschen Wirtschaft zudem grundsätzlich dabei helfen, erfolgreicher zu sein. Er zwingt nämlich dazu, die Produktivität, d.h. den Output pro eingesetzter Arbeitskraft zu erhöhen und damit sowohl die Profitabilität eines einzelnen Unternehmens als auch den Wohlstand des gesamten Landes zu erhöhen. Sie fördert damit den Einsatz von Produktivitätstechniken wie Künstlicher Intelligenz und trägt so zur Wettbewerbsfähigkeit und Erhöhung der Innovationskraft bei.
Positive Gesundheitseffekte dank geringerer Arbeitsbelastung
Richtig gestaltet vergrößern also Teilzeitjobs die Produktivität, statt sie wie befürchtet zu verringern. Dazu kommen vielfältige Nebeneffekte, die sich unmittelbar positiv auf die Mitarbeitenden auswirken, mittelbar aber auch dem Unternehmen und der Gesellschaft zugutekommen.
Anzuführen sind hier vor allem die direkten und indirekten Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit von arbeitenden Menschen: Eine geringere Arbeitsbelastung geht in der Regel mit positiven kurz- und langfristigen Gesundheitseffekten einher – ein Effekt, der angesichts steigender Krankenstände berücksichtigt werden sollte. Wer die eigene Arbeitstätigkeit zeitlich gemäß den eigenen Erwartungen gestalten kann, gewinnt Arbeitszufriedenheit. Auch diese ist mit einem geringeren Krankenstand verbunden. Hinzu kommt eine geringere Fluktuation, was die Auswirkungen des Fachkräftemangels zumindest reduzieren kann.
In der Regel sind Teilzeitmitarbeitende also produktiver, motivierter und zeichnen sich durch eine höhere Bindung an ihr Unternehmen aus.
Langfristiger Erhalt der Leistungsfähigkeit muss Ziel sein
Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssen sich daher überlegen, ob sie als Ziel eine nur in Einzelfällen realisierbare, kurzfristige Produktivitätsmaximierung oder lieber den langfristigen Erhalt der Leistungsfähigkeit der arbeitenden Bevölkerung verfolgen wollen.
„Aufgrund des demografischen Wandels und der sich daraus steigenden Bedeutung jeder einzelnen Arbeitskraft sollte uns wohl eher der langfristige Erhalt der Arbeitsfähigkeit am Herzen liegen – insbesondere, wenn wir längere Lebensarbeitszeiten anstreben, um unser Rentensystem zu sichern“, so Desjardins. „Teilzeit sollte daher nicht als Bedrohung, sondern als Chance zur Gestaltung einer alternden Gesellschaft begriffen werden.“
Zur Person:
Prof. Dr. Christoph Desjardins hat seit April 2023 an der Frankfurt UAS eine Professur für Human Resource Management (HRM) und Leadership. Er ist Diplom-Psychologe und hat im Bereich Arbeits- und Organisationspsychologie an der Goethe Universität promoviert. Seine Forschungsschwerpunkte sind Führung, Teamstrukturen und Change Management. Er ist Geschäftsführender Direktor des Instituts für Mixed Leadership (IML) der Frankfurt UAS. Vor seinem Ruf an die Frankfurt UAS war er Professor für HRM und Consulting an der Hochschule Kempten und dort zudem zehn Jahre lang Leiter der Kempten Business School. Davor war er als Berater und Manager bei der Firma Accenture tätig.
Informationen zum Institut für Mixed Leadership unter: https://www.frankfurt-university.de/iml
Weiterführende Literaturen
Flaschel, Keynesianische Makroökonomik, Zins, Beschäftigung, Inflation und Wachstum. 2012, Springer Verlag
Abels, Heinz; Einführung in die Soziologie; Band 1: Der Blick auf die Gesellschaft, 2019, Springer Verlag
Bildquelle
Der Arbeits- und Organisationspsychologe Prof. Dr. Christoph Desjardins von der Frankfurt UAS. Quelle: Klaus Weddig. Copyright: Klaus Weddig



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