In gleicher Weise wie wir unsagbare Freude empfinden, wenn ein neuer Mensch in die Welt kommt und das Leben erblickt, so gross ist die Trauer, wenn ein Mensch diese Welt verlässt. In den überwiegenden Religionen und Glaubensgemeinschaften glauben die Menschen in sich ähnelnder Weise an ein Leben nach dem Tod. Uns tröstet der Gedanke, dass über die eigene Religion hinaus auch in anderen Organisationsformen ähnliche Strukturen auftauchen, weil der Gedanke uns Menschen eine speziellen Zusammenhalt bietet, aber auch weil es schon im Ansatz deutlich das Vorhandensein einer größeren Macht andeutet. In solchen Augenblicken, in Augenblicken wo uns etwas verbindet, spüren wir einen Geist der Gemeinsamkeit. Irgendetwas verbindet uns, so global die Welt auch ist.
Leben und Tod
Wie uns die Liebe dazu verführt, neues Leben in die Welt zu bringen, so könnte es die Weisheit sein, die über uns Menschen kommt, die über allem steht, als Resultat der Trauer um das sichtbare, vergangene Leben. Wenn ein Mensch von uns geht, wenn ein Mensch stirbt, machen wir uns Gedanken über die Sinnhaftigkeit des Lebens. Wir beginnen zu philosophieren. Das Wort Philosophie, philo-sophia entstammt dem griechischen Sophia, die weiblich sei und daher als Freundin der Weisheit, der Weisheit gleichbedeutend ist. Als ebenso gleichbedeutend mit der Philosophie gilt nach Michel de Montaignes, das philosophieren die Bedeutung hat, dass Sterben lernen zu wollen. Im Angesicht des Todes Gelassenheit zu bewahren sieht Platon als Ziel wahrer Philosophie an. Durch Denker wie Pythagoras, Sokrates oder Platon wurde die Reinkarnation als ein Schweben der Seele durch den Himmelsraum beschrieben (vgl. Rullmann & Schlegel 2000, S.40). Fragen wie, warum werden wir geboren, wenn wir auch sterben, oder wozu wird man geboren, wenn man sterben wird? Wirbeln unsere Seele auf. Die gedankliche Überwindung des Todes trägt zur Entwicklung des Selbstbewusstseins bei, ist G.F.W. Hegel der Auffassung (vgl. Rullman & Schlegel 2000, S. 39). Die Ausführungen Sigmund Freuds als auch Erik H. Eriksons trugen später in der Zeit dazu bei, der Beschreibung durch das „Ich“ und der Diskussion um die Identität dem Gedanken Hegels eine dem Sinn übersteigende Fülle zu geben. Eines der Ziele im Leben muss es sein, mit der Entwicklung des Ichs, das Es zu überwinden. Das Es als die Kultur, in deren Raum wir aufwachsen und die in uns ebenfalls Einverleibung findet, internalisiert wird. Sie bedeutet Teil des Milieus zu werden. Ein Ich ist ein in sich geschlossener Mensch, identitär in einem Stamm von Menschen aufgelöst mit all seinen Wesensmerkmalen. Mit dem Tod vor Augen ist der Geist eines Menschen geprägt von dem Hegel spricht (vgl. Rullmann & Schlegel 2000, S. 39). Als es noch keine Technologien gab, die zur Überlebensfähigkeit beitragen konnten, die Qualitäten des Lebens erhöhen konnten und ein Leben lebenswerter zu gestalten hatten, war der Tod schmerzhaftes und ungeliebtes Ritual der Menschen. In ihrem Ursprung ist der Tod behaftet mit Trauer und leidvoller Erfahrung. Erst die Klarheit über die Sinnhaftigkeit von geboren werden und sterben, ermöglicht uns eine kulturelle Integration in unser Leben. Wir geben dem Geist durch unser Leben eine Form, und sehen in der Reife des Lebens diesen Menschen auch dann, wenn er nicht sichtbar, somatisch vor uns steht. Daher ist auch die Ausprägung des Geistes, das Determinieren der Charakterformate, der Charaktere, das oberste Ziel aller Bedürfnisse. Die Verwirklichung seiner selbst (vgl. Maslow 2018, S.90). So sehen wir vor uns eine Seele, einen Geist der Ausgeprägt ist, von dem wir die Weisheiten des Lebens übernehmen können, die wir für unser eigenes Leben, um zu überleben benötigen. Je mehr wir demnach bei uns sind, desto näher sind wir denjenigen aus denen wir entstanden sind. Und trotzdem sind wir auf das zukünftige adaptiert und angepasst.
Ausdifferenzierung
Das vielleicht mit Abstand eigentümlichste und vielleicht auch faszinierendste an Leben und Tod ist das Prinzip der Vererbung. Die Gemeinsamkeit von Ausdifferenzierung und Sublimierung. Sie setzt sich in immer weiteren kleineren Strukturen fort und spezialisiert sich zunehmend auf diese Weise. Merkmale und Eigenschaften eines Menschen teilen sich in ein oder mehr Menschen der nächsten Generation auf. Jeder erbt aus dem Organismus der vorausgegangenen Generation Teile, die sich zu seiner Identität heranreifen lassen und zu anderen Menschen adaptierbar werden, um daraus wiederum neue Gemeinschaft zu bilden. Durch Vererbung geht immer nur ein Teil mit in eine neue Zeit, eine neue Generation. Neues aus neuer Zeit kommt hinzu und muss erforscht werden. Altes und vergangenes das durch die Umwelt mitwächst wird im Laufe der Zeit absterben, sofern es nicht mehr in die Zeit passt. Weil sich die Dinge aber mit jedem Erbe weiter aufteilen, werden Menschen in vielfältiger Weise abhängig voneinander. Spezialisierung, und damit verbunden Vernachlässigung führen zu besonderen individuellen Leistungen, die als Besitz in den Menschen übergehen. Auf diese Weise entsteht eine gewisse Abhängigkeit zueinander die sowohl das Potenzial von Neid, Konkurrenzdenken und Machtverhältnissen in sich trägt, als auch sich gegenseitig unter Druck zu setzen. (vgl. Abels 2019, S. 63). Eine noch höhere Macht als diese ist erforderlich, um über Neid und Missgunst hinwegzusehen und das Böse mit Gutem zu überwinden.
Die Sinnhaftigkeit des Geboren Werdens aus dem Motiv der Liebe steht am Ende als Sieger über der Gemeinschaft von Menschen, die unter dem Namen derer versammelt sind aus denen sie entstanden sind. Zunehmende Spezialisierung, klein strukturiertes zieht auch dass an, was uns Widerstandsfähig macht und, man muss davon ausgehen, Dinge die man nicht mag, wie beispielsweise Neid und Missgunst. Die natürliche Rivalität befähigt uns Resilient zu werden, zu lernen sich durchzusetzen und überlebensfähig zu werden.
Spezialisierung macht uns aber auch voneinander zunehmend abhängig. Durch jeden Verlust, jedes Mal wenn wir etwas verlieren wächst die Sehnsucht nach dem althergebrachten. Nach einem Milieu in dem wir aufgewachsen sind. Diese Sehnsucht lenkt uns in die Richtung, kanalisiert und orientiert uns zu den Dingen hin wo wir unsere Identität finden können. Materialistische Dinge sind vergänglich, und trotzdem freuen wir uns immer wieder aufs neue, wenn eine Pflanze, wenn eine Blume jedes Jahr neu erblüht oder wenn wir sie umtopfen und sie weiter wächst. Wenn die Blume noch prachtvoller blüht und ihre Farben noch intensiver werden als die Jahre zuvor. In analoger Weise verhält es sich auch bei Menschen. Und deswegen haben wir allen Grund zur Freude uns über das kommende neue freuen zu dürfen.
Das Sublimieren bedeutet dabei, das die Eigenschaften weiter vererbt werden die auch geschlechtsspezifisch sind. Wir sprechen aber nicht von konservativ bekannten Geschlechtern, sondern wir sprechen vom Kontinuum, alles was ein Geschlecht mit sich bringen kann, beginnend von weiblich bis hin zu männlich. Die Vielfalt macht das Leben spannend und wir wollen sehen was sich aus einem Geschlecht, aus einem Vorfahren alles zu entwickeln weis. Wir dürfen lernen keine Angst vor dem Leben zu haben nur, weil es uns im frühen Stadium des Menschwerdens noch Angst macht und unbekannt ist, sondern wir wünschen uns zu lernen wie die Mechanismen des Lebens funktionieren um die Dinge überwinden zu können die uns heute noch Angst einflößen. Leben ist das schönste, was es gibt und es beginnt in jedem Jahr von neuem. Als Menschen brauchen wir einen Bezugspunkt, einen Anker, bis wird dort angekommen sind, wo ein Ziel ist. Die Bibel gilt als das, was die Wahrheit ist. Sie verlangt aber und erwartet ebenso ihre jeweiligen Auslegungen, die sie an die Zeit anpassbar machen. Und weil jede Zeit ihren Anfang und ihr Ende hat, und sich jedes Wachstum auch in Zyklen wiederholt wird die Bibel einer Auslegung folgen, einer Exegese. Man muss daher annehmen, das die Bibel eine Ordnung vorgibt, mit einem Ziel, dass durch den Menschen seine Beantwortung findet, in dem die Wahrheit durch den Menschen real wird. Indem das Wort durch den Menschen real wird. Darum heisst es auch, dass die Bibel im Alten Testament die Gesetze vorgibt, die wir mit dem Verstand erfassen und das eigene Erleben nach dem biblischen Glauben, das Gesetz in das Herz schreibt, in dem wir anerkennen, dass wir Sünder sind, und auf Vergebung angewiesen. Ein manches Mal könnte man fast meinen, als Motivator gilt die Bibel im Kleinen Maßstab durch ihre Expansion wie im großen, und wie im großen wird durch sie deutlich was es im kleinen Maßstab zu verstehen gilt.
Analogie der Religionen
Wie eine Pflanze immer zur Sonne hinwächst, und wie sie auch in lebensfeindlicher Umgebung Strategien findet die Sonne zu finden, so wächst auch der Mensch zur Liebe hin. Wenn wir als Mensch nicht mehr sind, dann schwebt der Geist des verstorbenen, des uns bekannten, vertrauten verstorbenen über uns. Er bildet durch die Gemeinsamkeiten in uns einen gemeinsamen Geist, nach dem wir streben. Der Totgeglaubte lebt auf diese Weise erst durch die Gemeinschaft in uns und unter uns weiter. Die Furcht vor dem Tod gehört zu den leidenschaftlichen Zielen der Menschen auf Frieden. Die Begehrlichkeiten einzelner im Zaum zu halten bedarf einer größeren Macht als wir es sind und die jedem das zusichert, was seiner Anstrengung gleich kommt (vgl. Hobbes S. 151). „Jeder muss alle seine Macht oder Kraft einem oder mehreren Menschen übertragen, wodurch der Wille aller gleichsam auf einen Punkt vereinigt wird, sodass dieser eine Mensch oder diese eine Gesellschaft eines jedes einzelnen Stellvertreter werde und ein jeder die Handlungen jener so betrachte, als habe er sie selbst getan.“ (Zitat Hobbes S. 155).
Erst in der Gemeinschaft derer, als Errungenschaft sichtbarer Liebe, lebt der verlorengeglaubte Geist und dessen Seelen in uns fort. Die Einverleibung die wir als Kinder von unseren Erzeugern in uns aufnehmen, sind das wohl mikroexpressivste, die mikroskopisch kleinen aber vielleicht doch sichtbaren Veränderung was Menschen annehmen können. Im Lauf des Lebens verlieren wir diesen Teil der Einverleibung oder wie man auch sagen müsste, diesen einen Teil der drei bekannten Stufen der Identität. Sowohl in jungen Jahren aber auch in älteren Jahren haben wir die Chance und wir streben vielleicht auch nach diesen Formen der Einverleibung. Unsere Eltern, Elternteile, Erzeuger gehen auf diese Weise schon in jungen Jahren ins uns über. Die Introspektion, das heisst, die Fähigkeit Erkenntnis über sich selbst erlangen zu können, als weiterer Teil der Identität, macht uns im Verlauf des Lebens deutlich wer wir sind, woher wir kommen, wohin wir gehen, was wir wollen. Die Trauer um das verlorene soll uns zusammen führen, wo wir entzweit wurden. Wo wir Wege gegangen sind, die wir vielleicht nicht hätten gehen sollen.
Was eine Reife im Leben erreicht hat, ist uns ein Vorbild. Was Generationen überlebt hat, ist überlebensfähig, hat sich als überlebensfähig erwiesen. Wir sind geboren um zu leben. Fleischliches, materialistisches ist vergänglich und bedeutet nicht das Ende eines Geistes, eines uns bekannten Lebens. Als Mensch benötigen wir, die Mechanismen im Leben zu erlernen, die unser Überleben sichern, die unser Überleben ermöglichen. Wir wissen aus der christlich-Jüdischen Religion das Jesus gekreuzigt wurde, Karfreitag, dass sein Geist in die Hände Gottes überging, und das sein Leib in einem Grab abgelegt wurde. Drei Tage später, wir feiern Ostern, sei er auferstanden. Später, zum Zeitpunkt des Festes Pfingsten soll sein Geist sich über der Gemeinschaft der Gläubigen ausgeschüttet haben. In vielen anderen Religionen und Mythen gibt es diese und ähnliche Geschichten. Ebenso auch zu Zeiten der Antike, also lange Zeit vor Jesus gab es ähnliche Muster. Insofern können wir von einer Kultivierung sprechen, die uns deutlich macht, das ein Leben nach dem Tod die Bedeutung hat, in der Gemeinschaft von Gläubigen Menschen, den körperlosen Geist unter sich zu repräsentieren. Jesus lebt dort auf, wo sich eine Gemeinschaft unter seiner Sinnhaftigkeit, unter seiner Liebe vereint. Dieses Ritual als Vorbildcharakter erkennen wir auch in den Gemeinschaften an, die sich im Namen ihrer liebsten zusammen finden und die spürbare Anwesenheit des verstorbenen unter sich empfinden. Auch ohne Glauben wäre physiologisch einsehbar dadurch, das wir als Menschen ein Gefäß dafür sein können, einen Geist der verstorben ist, in uns weiter leben zu lassen, lassen zu können. Denn, wir sind aus diesem Geist der Liebe in diese Welt gekommen und kommen aus Liebe in der Gemeinschaft zusammen. Thomas Hobbes beschreibt es in Leviathan wie auch die Bibel mehrfach den Hinweis liefert. Wir stellen uns den Leib Jesu großflächig als Körper über unseren Köpfen dar. So ist jeder Mensch ein Glied im Leib Gottes und hat seine Ordnung darin. So wie ein Finger als Teil der Hand dazu beiträgt die Hand vollständig zu machen und als Teil zu einer Synchronität beizutragen, so ist der Arm, der Fuß, der Rumpf ein Teil des ganzen Leibes. Zusammen hat jeder seinen Platz. Eine der Aufgaben im Leben besteht darin seinen Platz zu finden und diesen einzunehmen. Wenn wir diesen Platz einnehmen können, dann stellt sich nicht die Frage, ob wir daran glauben, sondern wir finden uns in einer Identität wieder, mit der wir eins sind. Die größte menschliche Macht ist die, welche aus der Verbindung sehr vieler Menschen zu einer Person entsteht (Zitat, Hobbes 1970, S. 80)
Quellen
| Maslow, H. Abraham; Motivation und Persönlichkeit, Deutsch von Paul Kruntorad, Originalausgabe „Motivation and Personality“ by Harper and Row Publishers New York, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 15. Auflage 2018 |
| Frauen denken Anders, Philo-Spohias, Marit Rullmann, Werner Schlegel 2000, Verlag Suhrkamp |
| Einführung in die Soziologie, Heinz Abels, Band 1, der Blick auf die Gesellschaft, 5. Auflage, 2019 |
| Thomas Hobbes Leviathan, 1970, erweitert mit Bibliothek 2018, Reclam Verlag |
| Erik H. Erikson, Identität und Lebenszyklus, 1973, Suhrkamp Verlag |
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