Persönliche Erwartungen ans Älterwerden formen unser Sozialleben


Studie über 10 Jahre zeigt, Erwartungen ans eigene Altern sind eine „selbsterfüllende Prophezeiung“

Wien/Austria, 17. August 2026. – Wie man über sich selbst denkt, hat tatsächlich eine grosse Macht über das eigene handeln. Was nicht heisst, das man auch solche Entscheidungen unabhängig sozialer Milieus treffen kann. Darin liegt die Besonderheit in dem was Sigmund Freud sagte, das „Ich“ müsse größer werden als das „Es“.

Ein wachsender Trend ist die Selbstbestimmtheit. So hat Horst Richter, bekannt aus TV und Unterhaltung unlängst einmal gesagt, „…ich komme immer 20 Minuten vor einem Termin, weil ich damit selbst bestimme wann ich erscheine, aber ich raube auch niemand anderem seine Lebenszeit“. Durch Selbstbestimmtheit kommt der Respekt zustande den die Gesellschaft, man hört es bald täglich, so sehr vermisst.

Die selbsterfüllende Prophezeiung ist dabei eine weitere Hürde. Denn, so wie jemand über die Situation denkt, so wie sein eigenes Narrativ ist, so sieht man diese auch, unabhängig davon ob es der Tatsache entspricht. Prüfen und vor allem Unvoreingenommenheit, vielleicht sogar Werturteilsfreiheit ist hier die empfohlene Verhaltensweise. Es ist allerdings ein gesellschaftliches Problem. Denn nicht nur eigene Gebrechen erinnern an das älter werden. Institutionen und Organisationen machen klar, für das Alltagsleben kann man aufgrund der Endlichkeit nicht mehr produktiv sein. Versicherungen, Krankenkassen halten einem die Wertigkeit gegenüber.

Spätestens aber dann, wenn der Zeitpunkt generativer Denkweise eintritt, d.h., denken in Generationen, z.B. wenn der Nachwuchs da ist, dann erfolgt die Auseinandersetzung mit dem älter werden. Und oft ist es so. das sich inzwischen viele Menschen jünger fühlen als sie sind. Die Gesellschaft altert entschleunigter.

Wie mächtig aber das Narrativ über unser eigenes Leben ist oder sein kann, das zeigt nun eine Studie eines internationalen Forschungsteams der Universität Wien. So ziemlich alles was wir sehen, daraus verstehen und damit auch glauben tragen wir in die sichtbare Welt. Vor allem aber das unbewusste und das ist meist das eigentliche was andere Menschen an uns selbst wahrnehmen. So bleibt die eigene Erwartungshaltung über das Älterwerden sich selbst gegenüber genau das, wie wir einmal leben werden. Dem stehen Bilder einer Realität gegenüber. Wenn ich eine oder einen 80jährigen Menschen alltäglich mit dem Fahrrad sehe der damit offensichtlich zum Ausdruck bringt, das er um seine Gesundheit bemüht ist, dann kann oder ist das für mich eine Inspirationsquelle wie ich über mich selbst und meine Umwelt nachdenken kann. Hier zeigt sich auch warum Selbstbewusstsein so wichtig ist. Es bildet die Grenze, die Schwelle, an der ich aus dieser Selbstprohezieung austrete und daraus eine Selbstbestimmung werden lassen kann. So hat auch der Philosoph Hegel einmal beschrieben, das Selbstbewusstsein das einzige ist was den mentalen „Tod“ überlebt.

Christina Ristl und ihr Team von der Universität Wien zeigt in ihrer Studie, dass unsere Erwartungen an das eigene Alter unser Sozialleben über viele Jahre hinweg mitgestaltet und sogar wesentlich beeinflussen kann. Es bildet unsere täglichen Begegnungen. Dieses denken über sich selbst wird in der Psychologie als „selbsterfüllende Prophezeiung“ (selfullfilling prophecy) bezeichnet. Die Ergebnisse wurden aktuell in den Fachmagazinen Psychology and Aging und Journal of Gerontology: Series B Psychology and Social Sciences veröffentlicht.

Um herauszufinden, ob Erwartungen das spätere Sozialleben tatsächlich beeinflussen, begleiteten die Forschenden 459 Erwachsene zwischen 30 und 80 Jahren über einen Zeitraum von zehn Jahren. Zu drei Messzeitpunkten erfassten sie, wie sich die Teilnehmenden ihr eigenes Sozialleben im Alter vorstellten – etwa ob sie mit engen Familienbeziehungen, guten Freundschaften oder sozialem Engagement rechneten – und wie viel Zeit sie tatsächlich mit Familie, FreundInnen oder freiwilligen Aktivitäten verbrachten.

Entscheidend war die Richtung des beobachteten Zusammenhangs: Nicht ein aktives Sozialleben führte zu positiveren Erwartungen an das Alter. Vielmehr gingen positivere Erwartungen dem späteren Verhalten voraus. Menschen, die davon ausgingen, auch im Alter ein erfülltes Familien- oder Freundschaftsleben zu führen, verbrachten Jahre später tatsächlich mehr Zeit mit Familie und FreundInnen. Besonders deutlich zeigte sich dieser Zusammenhang bei familiären Beziehungen im höheren Erwachsenenalter.



Erwartungen spielen nicht nur langfristig, sondern auch im Alltag eine große Rolle

Dass Erwartungen nicht nur langfristig, sondern auch im Alltag eine Rolle spielen, zeigte eine zweite Studie. Dafür begleiteten die Forschenden 109 Erwachsene zwischen 50 und 85 Jahren über zwei Wochen durch ihren Alltag. Jeden Abend berichteten die Teilnehmenden, wie sie ihre sozialen Begegnungen erlebt hatten und wie sie ihr eigenes Älterwerden an diesem Tag wahrgenommen hatten.

Auch hier zeigte sich ein klares Muster: An Tagen, an denen Menschen ihr eigenes Älterwerden positiver wahrnahmen, erlebten sie auch ihre sozialen Begegnungen positiver. Standen dagegen altersbezogene Verluste im Vordergrund, wurden soziale Begegnungen häufiger als belastend erlebt – und diese negativere Wahrnehmung hielt sogar bis zum nächsten Tag an. Umgekehrt veränderten einzelne soziale Begegnungen die Wahrnehmung des eigenen Älterwerdens jedoch nicht.

Warum können Erwartungen so viel bewirken?

„Eine mögliche Erklärung ist, dass Erwartungen an das Alter beeinflussen, worauf Menschen achten, welche Ziele sie verfolgen und wie sie soziale Situationen interpretieren“, erklärt Christina Ristl von der Uni Wien. „Wer erwartet, im Alter einsam zu sein, rechnet eher mit Ablehnung. Soziale Kontakte aufrechtzuerhalten könnte dadurch sinnlos erscheinen. Wer dagegen damit rechnet, auch später enge Freundschaften und ein erfülltes Familienleben zu haben, hält eher Kontakt, schlägt gemeinsame Aktivitäten vor und investiert in Beziehungen“, erklärt Ristl. „Altersbilder beschreiben damit nicht nur eine mögliche Zukunft – sie können beeinflussen, welche Zukunft wir für möglich halten und wie wir unser Leben gestalten.“

Viele überschätzen die Häufigkeit von Einsamkeit im Alter

Die gute Nachricht ist: Altersbilder sind nicht festgelegt. Sie verändern sich im Laufe des Lebens und können auch bewusst beeinflusst werden. Ein wichtiger Schlüssel dazu ist Wissen. Viele Menschen überschätzen beispielsweise, wie häufig Einsamkeit im Alter tatsächlich ist, obwohl sich die große Mehrheit älterer Menschen sozial eingebunden fühlt.

Positive Altersbilder bedeuten deshalb nicht, das Alter schönzureden oder Herausforderungen auszublenden. „Entscheidend ist vielmehr ein realistisches Bild vom Älterwerden – eines, das neben möglichen Verlusten auch Entwicklung, Beziehungen und neue Chancen sieht“, appelliert Ristl. „Das Leben ist keine Erfolgsleiter, die wir bis zur Lebensmitte Sprosse für Sprosse erklimmen und danach wieder hinabsteigen. Eher gleicht es einer Torte mit vielen Schichten: Jede Lebensphase bringt ihre eigenen Stärken, Beziehungen, Herausforderungen und Möglichkeiten mit sich.“



Altersbilder als Ansatz für Prävention von Einsamkeit

Gerade weil Altersbilder veränderbar sind, könnten sie auch ein bislang wenig beachteter Ansatzpunkt für Prävention sein. Einsamkeit und soziale Isolation werden derzeit in Österreich ebenso wie international zunehmend als gesellschaftliche und gesundheitspolitische Herausforderung diskutiert. Die Ergebnisse der beiden Studien legen nahe, dass neben dem Ausbau sozialer Angebote auch die Vorstellungen berücksichtigt werden sollten, die Menschen von ihrem eigenen Älterwerden entwickeln. „Ein realistisches Wissen über das Älterwerden, Begegnungen zwischen den Generationen und vielfältige Bilder des Alters könnten dazu beitragen, Erwartungen zu fördern, die soziale Beziehungen und gesellschaftliche Teilhabe auch im späteren Leben unterstützen“, fasst Ristl zusammen.

Über die Universität Wien:

Die Universität Wien setzt seit über 650 Jahren Maßstäbe in Bildung, Forschung und Innovation. Heute ist sie unter den Top 100 und damit den Top 4 Prozent aller Universitäten weltweit gerankt sowie in aller Welt vernetzt.
Mit 188 Studien und rund 11.000 Mitarbeitenden ist sie einer der größten Wissenschaftsstandorte Europas. Hier treffen Menschen aus unterschiedlichsten Disziplinen zusammen, um Spitzenforschung zu betreiben und Lösungen für aktuelle und künftige Herausforderungen zu finden. Ihre Studierenden und Absolvent*innen gehen mit Innovationsgeist und Neugierde komplexe Herausforderungen mit reflektierten und nachhaltigen Lösungen an.



Mehr zum Thema Altern erzählt die Psychologin Jana Nikitin im Uni Wien Podcast „An der Quelle“: https://rudolphina.univie.ac.at/podcast-folge-22-die-mythen-des-alterns

In ihrem neuen Buch räumen Christina Ristl gemeinsam mit Jana Nikitin mit den hartnäckigsten Klischees über das Alter auf: https://gig.univie.ac.at/detailansicht/die-sieben-mythen-des-alterns

Originalpublikation:

Ristl, C., Korlat, S., Rupprecht, F. S., de Paula Couto, M., Rothermund, K., & Nikitin, J. (2026). Future self-views of aging and social activities: Domain-specific bidirectional links across adulthood. Psychology and Aging. Advance online publication.
DOI: 10.1037/pag0001011, https://doi.org/10.1037/pag0001011

Ristl, C., Kraiger, L., Korlat, S., Martiny, S. E., & Nikitin, J. (2026). Day-to-Day associations between social interaction valence and awareness of age-related change. The Journals of Gerontology, Series B: Psychological Sciences and Social Sciences, gbag149,
DOI: 10.1093/geronb/gbag149, https://doi.org/10.1093/geronb/gbag149

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