Was in der Vergangenheit liegt, ist mit zunehmender technologischer Entwicklung und ihrem Fortschritt im Allgemeinen immer zugänglicher. Mit jedem Stück entschlüsselter Vergangenheit ergeben sich auch neue Züge für die Zukunft. Prognosen sind möglich und je zutreffender die Zukunft vorausgesagt werden kann, desto mehr wird dem Bedürfnis nach Sicherheit entgegenzuwirken sein. Doch auch Sicherheit ist Inflationär, ein Defizitbedürfnis das immer wieder aufs neue hergestellt oder aufrechterhalten werden muss.
Keine noch so tiefgründige Erforschung wird jedoch soweit reichen können, das man die Frage des Glaubens damit entmachten könnte. Das Spannende im Leben ist das Rätselraten in seiner Facettenreichsten Art und Weise. Den Mut Schritte zu gehen, Welt neu zu gestalten und zu bauen, das tut man aus einer Form des Glaubens (Vgl. Fromm).
Von Geburt an kindlich bleibend oder als Mensch eine Reife erreichen zu wollen, darüber entscheidet das Schicksal. Der biblische Bund Gottes mit Noah (Bibel, 1. Mose 9), dem er entgegen allem Gelächter den Auftrag gab die Arche zu bauen, ist scheinbar die Tatsache, dass Gott den Wunsch haben muss mich, als Menschen so zu formen, um das zu werden, was ich in seinen Augen sein soll. So sehr ich mich bemühe, es bleibt nicht das meine mich zu Formen.
Krisen kann man als Antagonisten auffassen, die gegen die menschliche Reife wirken. Die Natur sieht diese Hemmungen offensichtlich als wichtig an, weil, wie Joachim Bauer dies bestätigen kann, der Mensch ohne Hemmungen das ist, was man als Lust bezeichnet. „Wo sich der Körper unverstellt zeigt, ist Lust“ (Bauer 2019, S. 93). Resonanz, die mir vom Gegenüber entgegenwirkt, führt zu Ablehnung oder löst Lust aus (Bauer 2019, S. 100). Was zu bedeuten hat, das diese Resonanz auch zerstörerisch wirken kann. Als würde die Natur ungehindert wachsen und sprießen. Im Lebensverlauf ist der Wald, die Pflanzen, die Natur zu Pflegen, Bäume und Sträucher werden beschnitten und erhalten neue Ausrichtungen. Zum Menschen kaum ein Unterschied.
Nach Abraham Maslow führt die Charakterentwicklung des Individuums letztlich zur Selbstverwirklichung und bildet damit das mentale Potenzial, wie den ein männlicher oder weiblicher Charakter Gottes vorstellbar sein kann. Erich Fromm hat, so zeigen es seine Bücher, verschiedene Religionsformen studiert und kann damit eine Art Kernstruktur bilden die einem die Charakterformen Gottes verdeutlicht. Damit kann man theoretisch ausschließen das man die Sachlagen zu Eurozentrisch oder gar Christen zentriert betrachtet. Auch der Erfolgsautor Manfred Lütz, hat mit dem Versuch „Gott – eine Erfolgsgeschichte des größten“ versucht eine Art Charakteristik zu entwerfen die verschiedene Kernströmungen aus vielen Jahrhunderten durchgängig aufgreift. Weiterhin gibt es sicherlich viele, sehr viele Formen die in der jeweiligen Literatur beschrieben sind und ein entsprechendes Bild deuten könnten. Vielleicht sollte man es aber so tun wie es strenggläubige Menschen lernen und die Bibel tagtäglich lesen bis weit über die Trance hinaus, bis die Heilige Schrift sich mit der Persönlichkeitsstruktur des Menschen verbindet.
Doch das Problem, das ich meine darin zu erkennen ist, strenggläubige Religionen lernen diese Religionsansätze mit dem Verstand. Glauben selbst in Erfahrung zu bringen erfordert, was Gott in mir und durch mich bewirkt, also aus einer Perspektive maximaler Demut und Selbstlosigkeit betrachten zu können. Ich bin mir doch recht sicher, dass dies der Übergang hin zur Selbstverwirklichung bedeutet. Ausgehend also davon, dass der Mensch durch mehrere Bedürfnisebenen hindurchwandert, wie dies in der Pyramide von Maslow dargestellt ist, liegt die am höchsten zu erreichende Form menschlicher Existenz darin, dass ich mich selbst verwirkliche, bzw. im Übergang zur Transformation, zur Transzendenz. Ich sterbe und werde von neuem Geboren.
Otto Ranks Meisterwerk „Das Trauma der Geburt“ gilt deswegen als eines der bedeutendsten Bücher der Psychologie, weil er damit tatsächlich einen erlebbaren Raum schafft was in einer Geburt passiert. Er verwandelt, so kann ich es begreifen, das Ableben eines Menschen in den eines neuen Menschen. So gut wie alle Religionen wissen, und das gab es auch in den Entwicklungsstufen vor der Vollendung des Glaubens in Form der Menschen ging man immer von einem weiteren Leben nach dem „Fleischlichen“ absterben aus. Noch heute Leben Menschen, die nicht im Ansatz die Vorstellung verfolgen, dass ein Leben nach dem Tod denkbar ist, mit Menschen zusammen, die verstanden haben, dass der Geist unsterblich ist, das „Fleisch“ der Körper vergänglich.
Es ist tatsächlich sehr faszinierend beobachten zu können wie junge Generationen zunehmend in der Alterung stagnieren. Letztlich lässt sich das auf gesündere Lebensweisen zurückführen. Durch das Werk Otto Ranks werden Tote zum Leben erweckt, weil zu begreifen ist, dass das, was während einer Geburt passiert die Vorbereitung auf das neue Leben bildet. Außerdem, hier entstehen die Grundzüge vergangener Neurosen, Traumata die in die später folgende Biografie zu jedem Zeitpunkt des Alters erneut auftauchen können. Otto Rank aber war auch ein Schüler Sigmund Freuds und damit einer von sehr vielen die sich zu einer Zeit vor mehr als 100 Jahren die Zeit zu erschließen wussten. Das einer von diesen vielen ein so bedeutendes Werk liefern würde, das ist offensichtlich erzwungenes Schicksal.
Es erfordert diesen Glauben mit dem Herzen sehen zu dürfen. Dürfen ist auch hier eine Gnade, was schon als eine der wesentlichen Eigenschaften Gottes gilt. Und, das hat das Friedrich Hegel einmal so deutlich auf den Punkt gebracht, genau deswegen ist der Akt der Vergebung erforderlich. „Wir sind auf Vergebung angewiesen“ – schreibt dieser.
An anderer Stelle beschreibt Hegel, „Was wir lernen sollen durch Beobachtung des religiösen Gefühls, ist nicht Gefühl, sondern das religiöse Gefühl mit dieser Bestimmtheit“ (Friedrich Hegel, S.8). Denn, Gott ist ein Gott des Gehorsams, schreibt, Erich Fromm als eine weitere Eigenschaft Gottes. Ein Gott der Gehorsam verlangt (Erich Fromm, 2020, S.94).
Um zu erfahren, wer ich selbst wirklich bin, muss ich bereit sein meine eigene Moral infrage zu stellen, die Bereitschaft haben das zu tun, was die Bibel als Sünde bezeichnet. Das ständige entfernen von der Natur und wieder zurück, was ich als Säkularisierung-Sakralisierung-Kurve bezeichnen würde, meint eben die Lebensfeindlichkeit des Menschen einerseits, in der er dauerhaft wieder zurückzuholen ist, auf der anderen Seite ist diese Entfernung, diese Entfremdung Teil des erforderlichen Heldenmythos. Ich kann nun nicht erkennen das nur einer der ganz gläubigen Menschen, vor allem in den radikal religiösen Ländern und Nationen nur Ansatzweise Einsicht habe, wie sehr man sich selbst bereits versündigt hat. Gleichsam möchte ich mir nicht herausnehmen dies ernsthaft beurteilen zu wollen. Immerhin hat die westliche Welt eine Lebensform, die dazu einlädt sich vom Glauben auf einfachste Weise zu distanzieren und damit Feindschaften gegenüber einer streng religiös wirkenden Welt genauso provoziert wie umgekehrt. Andererseits bietet sie maximale Plattform für die Gedanken zu Freiheit, oder zur Freiheit der Gedanken! Die Verbissenheit Religion genauso aufzunehmen wie sie da geschrieben steht, was immer ich lese, ist deren Autorität. Doch die muss ich, und es ist paradox, wie die Geschichte von Abraham, der in der Bibel genannte Urvater, zeigt, die Bereitschaft haben mein eigenes Leben oder das der Kinder, in diesem Fall der Sohn Isaaks, der für die Religion des Judentums steht, zum Opferaltar zu bringen um zu erkennen, dass ich nicht besser bin als einer, eine der anderen Individuen.
Der Vorgang ist das Verlangen Gottes Gehorsam zu sein. Für mich ist diese Bedeutung heute nicht anders. Wenn ich in meinem Glauben an etwas wandle, so will ich dem oft nicht folgen und finde viele Ausreden. Ich weiß aber, aus Erfahrung, das ich sanktioniert werde, wenn ich nicht im Glauben gehe. Folglich werde ich meiner Überzeugung nach gehorsam sein, sofern es mir möglich ist. Es gibt also eine Art Bedürfnis nach der Frage gibt es Gott, und wenn ja, wie kann man das Thema greifbarer gestalten. An der Stelle beginne ich endlich mit der von mir selbst langersehnten Beschäftigung mit dem Thema Künstliche Intelligenz, vielleicht genauer gesagt mit dem Start des Vergleiches der
„Natürlichen und der Künstlichen Intelligenz im Anthropozän“ – die Zeit in der Menschen in ihre Wirkmacht treten sollen. Fromm schreibt hierbei, „Gott hat keinen Namen, weil er kein Ding noch greifbares Wesen ist.“ (Fromm 2020, S. 95). Gott, der sich im und durch den Menschen realisiert, ist in der Verwirklichung durch den Menschen Teil der gesamten Gottheit. Mach aus dir selbst das beste, wenn es dann alle täten, könnte man vielleicht Gott erblicken! Auf diese Weise habe ich eine Vorstellung wie das ganze aussehen kann. Fromm beschreibt zwei Ideen von Glauben. Im irrationalen Glauben unterwirft sich der Mensch einer irrationalen Autorität. Ich würde einfach annehmen ich lasse mich aus einem reinen Gefühl des sich treiben Lassens leiten, bei jeder Frage die ich im Leben so habe ein, Googles Suchmaschine zu bemühen. Google hat die am besten organisierten Algorithmen und raubt mir damit auch bei Nutzung diverse Fähigkeiten. Oder ich verlasse mich darauf das dass, was meine Chefin tut, genauso ist wie es sein soll. Meine Unkenntnis und mein Unwissen haben blindes vertrauen, keine Möglichkeit zur Unterscheidung was gut und böse, richtig oder falsch für mich sein kann. Das ist der Gegensatz zum Selbstbestimmten leben. Man kann zwar nicht alles wissen, ich muss aber auch nicht alles haben. Der Wunsch haben oder besitzen zu wollen, bestimmt sich aus einer niederschwelligen Überzeugung die mir gegenüber gestellt ist. Konflikte sind zugleich Antrieb und Motor. Wenn ich niemals infrage stelle, ob ich dieses oder jenes benötige, so stelle ich mich gleichsam unter irrationale Autorität. Autorität ist die Fähigkeit, jede eigene Machtstruktur zu jedem Zeitpunkt und jedem Moment in eine naturgegebene Ordnung überführen zu können. Ich selbst bin in mir mächtig.
Jede Unordnung, die ich in mir ordnen kann, macht mich zunehmend eigenmächtig. Ich lerne Selbstbewusstsein, selbstbewusst zu werden und ich lerne zu unterscheiden, was ist gut für mich, was nicht. Ich werde zunehmend selbstbestimmt. Eine Funktion des Gehirns die nach Ausgleich sucht. Ein aktueller Mangel meiner, menschlicher Psyche. Der Wunsch Autorität erfahren zu wollen, macht es erforderlich mich vom reinen „treiben lassen“ zu distanzieren. Einsamkeit entsteht vor allem in Gesellschaften, deren Mitglieder sich überwiegend von „aussengeleitenten Charakteren“ leiten lassen. Sie orientieren sich daran, was man tut und was den allgemeinen Gepflogenheiten entspricht. Sie denken nicht darüber nach was sie selbst eigentlich wollen, bringt es David Riesman auf den Punkt (Udo Rauchfleisch, 2024, S.11). Hier zeigt sich deutlich wie kaum irgendwo der drang nach dem Wunsch sich zu verbinden. Das Getrenntsein, wie es ursprünglich Otto Rank im Trauma der Geburt beschreibt, und auf das sich so viele Autoren beziehen, will naturgemäß überwunden werden. Paradoxerweise trennen wir uns erst dadurch das wir in der Massenpsychologie mitschwimmen.
„Der rationale Glaube ist eine Überzeugung, die im eigenen Denken oder Fühlen verwurzelt ist (ebd. S. 161) Rationaler Glaube meint jene Qualität von Gewissheit und Unerschütterlichkeit, die unseren Überzeugungen eigen ist. Glaube ist ein Charakterzug, der die gesamte Persönlichkeit beherrscht und nicht ein Glaube an etwas ganz bestimmtes“ (Zitat ebd. S. 161). „Rationaler Glaube ist im produktiven, intellektuellen und emotionalen Tätig sein verwurzelt“ (Zitat ebd. S. 161). Newton und Kepler, oder Tesla, haben getrieben von einer inneren Überzeugung fundamentales Wissen der Welt aufgedeckt. Die Fähigkeit lieben zu können erfordert die Praxis des Glaubens. Ebenso rational ist auch die Darstellung wie und woraus die Liebe produziert wird. Das Bedürfnis nach Liebe geht auf die Erfahrung, das Verlangen des getrennt seins zurück (ebd. S. 88). Diese Liebe kann nie enden und beginnt immer wieder von neuem. Sie trägt einen erheblichen Antrieb in sich. Glaube oder Religion, unabhängig von meinen Vorstellungen aus meiner eigenen und inneren Überzeugung anzugehen, bedeute diesen Gott, nach dem Menschen naturgemäß eine tief sitzende Sehnsucht empfinden, auf eigene Weise erfahren zu wollen. Diese Form eines Geschenks ist buchstäblich praxisorientierte Gnade zu erfahren. Die Umwandlung aus einer Form der Eigenliebe hin zur Auflösung meines „Ichs“ in und durch Gesellschaft ist der Königsweg zum Erkennen der individuellen Charakteristik Gottes in mir.
Jüdisches Denken, vielmehr seine Religion hat einen wesentlichen Unterschied zum Christentum. Das Judentum lebt den Dualistischen Glauben, der christliche ist die Dreifaltigkeit, Vater, Sohn und heiliger Geist. Greife ich auf den Begriff der Resonanz zurück, von der Joachim Bauer beschreibt man kann dies als eine Form von Raum im menschlichen Körper ausmachen, so wäre hier Platz zum Verständnis, das ein Heiliger Geist in mir Raum finden kann. Ich erfahre also durch Beobachtung etwas das in einer Real sichtbaren Welt nur schwer zugänglich ist und eben nur durch Beobachten an der Natur zu erfahren ist. Trotzdem wirkt es auf mich so lebendig, dass es zeitweise Angsteinflößend ist. Es reicht in jedem Fall mich von meinem Nazistischen Denken zu distanzieren.
Bildquelle
David Pinder Pixabay
Quelle:
| Bauer, Joachim; Wie wir werden, wer wir sind – Die Entstehung des menschlichen Selbst durch Resonanz; 4. Auflage, 2019, Karl Blessing Verlag |
| Maslow, H. Abraham; Motivation und Persönlichkeit, Deutsch von Paul Kruntorad, Originalausgabe „Motivation and Personality“ by Harper and Row Publishers New York, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 15. Auflage 2018 |
| Lütz, Manfred; Gott – Eine kleine Geschichte des Größten, Verlag Droemer Knauer München, 2019 |
| Rank, Otto; Das Trauma der Geburt und seine Bedeutung für die Psychoanalyse, Psychosozialverlag Gießen, 2007 |
| Hegel, Georg, Wilhelm, Friedrich; „Wenn Gott nicht wäre…“ Religion und Versöhnung, Hrsg. Bertram W. Georg, Wieland, Tobias; Reclam Universal Verlag Ditzingen, 2017 |
| Fromm, Erich; Die Kunst des Liebens, Verlagsgruppe Random House GmbH, München, 2020 |
| Rauchfleisch, Udo; Einsamkeit – Die Herausforderung der Zeit, Analysen und Vorschläge; Patmos Verlag Ostfildern 2024 |
Der Newsletter erscheint einmal pro Woche Freitags mit allen Inhalten der Woche



Schreibe einen Kommentar