Ab 1939 standen deutschsprachige Südtirolerinnen und Südtiroler vor einer existenziellen Entscheidung: Im Rahmen der sogenannten Südtiroler Option, eines Abkommens zwischen dem nationalsozialistischen Deutschen Reich und dem faschistischen Italien, mussten sie wählen, ob sie in Italien bleiben und eine vollständige kulturelle Assimilation akzeptieren oder ihre Heimat verlassen und ins Deutsche Reich übersiedeln wollten. Dieses historische Zwangsszenario liefert das Datenmaterial für ein Forschungsprojekt der Freien Universität Bozen (unibz) und der Wirtschaftsuniversität Wien (WU Wien), aus dem zwei Ökonomen neue Erkenntnisse zu individuellen Migrationsentscheidungen gewinnen wollen.
Bozen/Südtirol, 21. Januar 2026. – Als Südtiroler Option wird die Zwangsunterwanderung der Südtiroler Bevölkerung durch italienische Mitbürger in der Nachkriegszeit beschrieben. Im Vordergrund steht zwar als Option die Wahlmöglichkeit im einen oder anderen Staat (Italien oder Österreich) zu bleiben oder umzusiedeln, aber die Wahlen waren mit existenziellen Einbussen verbunden und insofern Zwangsmassnahmen anstatt echte Wahlmöglichkeiten. In jedem Fall verlieren Menschen alles. In Südtirol wurden zahlreiche Grossbetriebe, vorzugsweise Stahlindustrie und Zulieferindustrie angesiedelt, was für den Staat begründen sollte, das dort italienische Fachkräfte angesiedelt werden mussten. Weiterhin wurde an entsprechenden Stellen der Verwaltung italienischsprachige Menschen eingesetzt, dem sich deutschsprachige Menschen des Minderheitenvolkes unterwerfen sollten. Eine Zeitlang wurde die deutsche Sprache unter Todesdrohung verboten und führte dazu, das im geheimen unter Todesängsten deutsche Sprache im „Untergrund“ weiter vermittelt wurden.
Aus dieser Perspektive zu betrachten zeigt sich ein sich immer wieder sich wiederholendes Muster, wie es bei Kriegen der Fall ist, wenn Menschen vor angeblicher freier Wahl, bzw. Option stehen. Südtirol ist aufgrund seiner Größe und seiner Bevölkerung für ein Forschungsprojekt hervorragend geeignet und stellt bei seiner Forschungsaufgabe eine optimale Spiegelung zu gegenwärtigen Konflikten in den internationalen Brandherden dar. Aus ungelösten Konflikten gehen oft der Antrieb für etwas neues, zukünftiges hervor. Familien die vielleicht über ein, zwei oder drei Generationen Vermögen aufgebaut hatten, sollten durch Kriege zwangsenteignet werden und alles verlieren oder Unverhältnismässig eintauschen. Wohlstand und Reichtum ist daher heute meist auf sandigem Fundament aufgebaut, was spätere Generationen deutlich zu spüren bekommen. Macht und Geld ist das gegenwärtige Thema politischer Entscheidungen.
Wenn Menschen in anderen Nationen Fuss fassen wollen, dann geht damit ein sehr starkes Motiv einher. Man will und muss sich etablieren können, will oder muss überleben. Die bisherige Heimat ist dabei kaum noch eine Option. Bis heute sind die Folgen solcher Motive nicht nachgewiesen, aber es bleiben Axiome (benötigt keine Beweise), die zeigen, das Migration immer nachhaltig zu wirtschaftlichem Aufschwung geführt haben. Einfache Volkswirtschaftliche Modelle zeigen weiterhin, das wenn eine Wirtschaft weiter wachsen möchte, der Tausch von Waren und Produkten mit dem jeweiligen Ausland den Wohlstand herbei führte. Migration verdichtet diesen Vorgang in einem Land und unterstützt dabei um ein weiteres das Wachstum. Da auch der Tourismus boomt und Menschen mehr als je zuvor offensichtlich Erholung benötigen, zeigen sich hierbei ebenfalls die besonderen Effekte. So aktuell auch im Österreichischen Tirol, das eher gegen den Abwärtstrend Gesamtösterreichs wirkt.
Die Geschichte der Entwicklung der Menschheit zeigt, ohne Völkerwanderung wäre ein Überleben kaum möglich gewesen. Zu stark waren die Isolationen durch weite Wege und Feindseligkeiten. Wie eine Bevölkerung sozial und kooperativ aufgestellt ist, entscheidet über den Umgang mit Migration. Daher gilt die Migration als die zentrale Herausforderung der Gegenwart.
Im Jahr 2024 lebten weltweit rund 304 Millionen Menschen in einem anderen Land als ihrem Geburtsland – fast vier Prozent der Weltbevölkerung. Welche sozialen, wirtschaftlichen und institutionellen Bedingungen Menschen dazu bewegen, zu gehen oder zu bleiben, ist daher ein zentrales Forschungsfeld.
Für das dreijährige bilaterale Forschungsprojekt der österreichischen und der Südtiroler Universität greifen die beiden Ökonomen Prof. Steven Stillman (unibz) und Prof. Martin Halla (WU Wien) auf einen außergewöhnlich umfangreichen historischen Datensatz zurück. Im Staatsarchiv Bozen befinden sich mehr als 70.000 sogenannte Optionsakten, die im Zuge des Optionsabkommens von deutschsprachigen Südtirolerinnen und Südtirolern ausgefüllt werden mussten. Diese enthalten detaillierte Informationen zu Haushaltsstrukturen, Vermögen, Staatsbürgerschaft, früheren Migrationserfahrungen sowie zum Gesundheitszustand. Zudem ist dokumentiert, ob Personen tatsächlich auswanderten oder später einen Antrag auf Rückkehr stellten.
„Aus ökonomischer Perspektive stellt die Südtiroler Option ein historisch einzigartiges reales Migrations-Experiment dar“, sagt Arbeitsökonom Steven Stillman von der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der unibz. „Die betroffenen Haushalte standen vor einem klar definierten, aber extrem herausfordernden Trade-off: entweder in Italien zu bleiben und sich kulturell zu assimilieren oder in das nationalsozialistische Deutsche Reich auszuwandern, um Sprache und kulturelle Identität zu bewahren. Beide Optionen waren mit erheblichen sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Risiken verbunden.“
Im Rahmen des Projekts wird der gesamte Aktenbestand digitalisiert, um ihn systematisch für die Forschung nutzbar zu machen. Inhaltlich analysiert das Forschungsteam, welche Faktoren die Entscheidung für oder gegen die Auswanderung beeinflussten. Untersucht werden unter anderem der Einfluss von Familien- und Nachbarschaftsnetzwerken, Eigentumsverhältnisse wie der Besitz eines Hofes, lokale Informationsstrukturen sowie administrative Aspekte – bis hin zur möglichen Einflussnahme durch Beamte beim Ausfüllen der Anträge.
In mehreren geplanten wissenschaftlichen Publikationen sollen zudem die langfristigen wirtschaftlichen und politischen Folgen der Südtiroler Option untersucht werden, etwa Zusammenhänge zwischen Auswanderungsquoten und späterem Einkommensniveau, Wahlverhalten oder regionaler Entwicklung, einschließlich des Tourismus. Ein weiterer zentraler Bestandteil des Projekts ist die geplante öffentliche Zugänglichmachung der digitalisierten historischen Bestände in Zusammenarbeit mit dem Staatsarchiv Bozen.
Weitere Infos
Familiengedächtnis in Südtirol, 2017
https://science.orf.at/v2/stories/2882562
Bildquelle
Beispiel eines historischen Akts. Quelle: unibz. Copyright: unibz



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