Erinnerung

Erich Fromm meint, erinnern unterscheidet sich in der Form des Habens und des Seins in der Art der Verbindung. Mechanisch entspricht der Verbindung zweier Wörter die häufig miteinander Verwendung finden. Das meint auch Verbindungen von Zeit, Raum, Größe oder Farben. Als aktives Tun bezeichnet Fromm ein Erinnern des Seins. Damit ist gemeint, sich Bilder, Worte und Gedanken ins Bewusstsein zurufen. Diese Art von Erinnerung muss keineswegs logisch erfolgen. Dabei kann jede bekannte Begrifflichkeit in einen neuen Zusammenhang gebracht werden. Was einerseits die eigentliche Produktivität des Denkens an sich darstellt, ist auf der anderen Seite ein sich bewusst machen von etwas zu fühlendem, sich das Denken bewusst machen, als etwas mehr faktisches. Es meint das reine gedankliche Beschäftigen mit einer Sache, mit einem Problem. Sich einen Zugang zu einem Sachverhalt verschaffen, das als produktives Denken gilt. Wir versuchen in dieser Form einen Zugang zum inneren zu finden, in uns hineinzuhören. Ein Gefühlszustand beschreibbar, begreifbar zu machen. Interessanterweise ruft das Verbinden mit anderen Menschen, anderen Sachverhalten in uns auch unterschiedliche Prozesse auf und fordert uns in die Entscheidung produktiv sein oder werden zu wollen. Im Hinblick auf Joachim Bauers Darstellung des Resonanzthemas, „Wie wir werden, was wir sind“ ist die Erinnerung im Sinne des Seins nach Erich Fromm die Bedeutung etwas ins Leben zurückzurufen. Diese Form der Erinnerung meint etwa ein Bild, dessen was wir in einem Zeitverlauf konstruiert haben. Ein seltenes Bild, eine unfertige Repräsentation eine nicht vollendete Vorstellung. Wer einmal verstanden hat, was ein Baum ist, wird jede Pflanze in der Form zu deuten wissen, ob diese einem Baum entsprechen kann oder nicht. Das Denken ist an der Stelle um das Objekt, um die Repräsentation abgeschlossen. Wer hingegen einmal in einem Land mit einer völlig unterschiedlichen Kultur zur eigenen Kultur war, hat andere Länder aber weder gesehen noch besucht, der kann sich die Welt nicht vollständig neurologisch repräsentieren, darstellen. Erst im Verlauf durch die Zeit und Erfahrungen erschließen sich größere Objekte, größere Sachverhalte. Für diesen Umstand benötigt man das Erinnerungsvermögen als produktiven Seinsprozess. Die Grundlage dieser Form der Produktivität ist einen Gegenstand mit voller Konzentration zu betrachten. Je mehr Sinne und je mehr Intensivität, freier Assoziation damit in Verbindung steht, desto besser kann der Moment der Beobachtung in Erinnerung gerufen werden. Betrachtet man hingegen ein Foto, eine Landkarte oder blickt auf die Welt durch eine Weltkarte, dann sehen wir die Welt aus Sicht des Habens, wie Fromm es darstellt. Will man sich etwas merken, im Gedächtnis behalten, und schreibt es dazu auf, so verliert man das aufgeschriebene. Das Aufgeschriebene vermindert die Fähigkeit sich zu erinnern. Mit dem Aufkommen der ersten Navigationssysteme Mitte der 1990er Jahre hatte ich einen Weg, den ich seltener mit dem Fahrzeug erfahre bereits nach der ersten Fahrt unter Anleitung des Navigationssystems verloren. Ich war nicht mehr in der Lage den Weg gedanklich zu rekonstruieren, und verlor die Sicherheit für das Erkennen von markanten Gegenständen und Objekten die ohne Navigation zur Identifizierung des Weges beigetragen hatten. Der Verlust dieser Form des Erinnerns ging rassant, die Rückführung hingegen war aufwendig. Ob das Rechnen mit dem Taschenrechner oder das Kassieren an der Kasse, sogenannte, von mir bezeichnete Gedächtnisprothesen machen das Gehirn im Grunde unbrauchbar und unnütz. Natürlich, so beschreibt Erich Fromm, muss man sich Notizen machen und Dinge aufschreiben, wenn man ja nur bedenkt, dass die Menge an Informationen mehr zu werden scheint. Allerdings deutet dies eher daraufhin das es uns an Gedankenstruktur fehlt. Beobachtungen oder Wahrnehmungen zu lernen und in Sinnzusammenhänge zu bringen. Zu wissen wie Informationen gedanklich abzulegen und einzusortieren sind. Die Form des menschlichen Seins muss sich weder Begriffe merken noch in irgendeiner

Form auswendig lernen. Das Elaborieren, das Zerlegen von Informationen in seine Bestandteile, den Moment im Leben zu hinterfragen und mit möglichst allen Sinnen aufzunehmen lebt und erlebt das, was man in einer Begrifflichkeit darstellen kann selbst auf eigene Weise neu. Wenn man ein Buch liest, und versteht den Sinn, die Botschaft eines Sachverhaltes, so wird man auf seine eigene Weise den Sachverhalt wiedergeben können, was man als Produktivität bezeichnet. Genau auf den Takt der Musik eine Körperbewegung, eine Choreografie ausführen zu wollen, wird in den meisten Fällen schiefgehen, solange Musik, Takt und Bewegung nicht in das Wesen übergehen, wenn man es nicht durchlebt. So beschreibt Fromm auch die besondere Beobachtung, er konnte in Mexiko beobachten, dass Analphabeten und Menschen, die wenig schreiben, ein besseres Gedächtnis zu haben scheinen als Lese und Schreib kultivierte Menschen in den Industriestaaten. Fromm meint damit, das die zunehmende Materialisierung der Erinnerungsmöglichkeiten die Fähigkeit erleben zu können und die reine Fantasie verkümmern. Das Sprache ein sehr komplexes System ist belegt der Hirnforscher Manfred Spitzer in mehreren seiner Bücher. Das reine anschauen von Filmsequenzen raubt dem Geist damit die Auseinandersetzung selbst diese Fantasie zu entwickeln. Ein Mensch im Sein steht sich nicht selbst im Wege. Sein gegenüber behält für ihn den gleichen Respekt, unabhängig davon in welcher Position er steht. Ob dieser einer Berühmtheit gleicht, oder ob es jemandes ist der vor dem Sinn der Bedeutung eher zur Bedeutungslosigkeit tendiert. Der Mensch im Sein lässt sich ganz auf das Gegenüber ein, hat ständig neue Ideen, weil er nichts festhält, beschreibt Fromm diesen Menschen. Der Habenmensch verlässt sich auf das, was er hat. Der Seinmensch vertraut auf das, was er kann, das er sich als lebendig empfindet. Durch den Seinmensch werden egozentrische Verhalten gebrochen und Gespräche werden zu Dialogen ohne den Anspruch zu haben als Sieger aus einem Gespräch hervorzugehen. Eine solche Begegnung endet in der Regel fruchtbar und ist erfrischend für beide Seiten.

Quelle:

Erich Fromm, Haben oder Sein, Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft, 2019, 46. Auflage, Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

Joachim Bauer, Wie wir werden was wir sind. die Entstehung des menschlichen Selbst durch Resonanz. 2019, 4. Auflage, Blessing Verlag

Manfred Spitzer, Nervensachen, Geschichten vom Gehirn, 2003, Suhrkamp Taschenbuch Verlag

https://www.philomag.de/artikel/hektor-haarkoetter-im-notizzettel-kommt-unser-denken-zu-sich

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