Behütete Kindheit mit Folgen: Elterliche Fürsorge als Motor der Evolution


Wie hat sich im Laufe der Evolution die Abhängigkeit der Nachkommen von den Eltern entwickelt? Einen möglichen Mechanismus haben Forschende der Universität Bayreuth in Zusammenarbeit mit der Kyoto University, Japan, beleuchtet und dafür den Totengräber-Käfer Nicrophorus vespilloides untersucht. Die neue Studie zeigt, dass die Eltern nicht nur ihre Nachkommen versorgen, sondern deren gesamte Entwicklungsumgebung verbessern, was Einfluss auf die evolutionäre Entwicklung genommen haben könnte. Über ihre Erkenntnisse berichten die Forschenden im renommierten Fachjournal PNAS.

Bayreuth/Germany, 27. August 2026. – Es heißt, mindestens die ersten 7 Jahre eines Kindes sollten stabil sein, damit Kinder im späteren, weiterführenden Leben Probleme selbstständig meistern können. Das Leben, der Lebenszyklus hat Phasen, die Menschen durchlaufen. Im besten Fall endet jede Phase erfolgreich. Erikson konnte zeigen, die sei gar nicht das Ziel. Vielmehr sind die sich daraus ergebenden Defizite das eigentliche Potenzial die eigene Identität zu entwickeln, zu formen, dem Leben den Sinn zu geben. Das Ungleichgewicht, die Homöostase muss durch die Fähigkeit der Resilienz überwunden werden. Der Konfliktforscher Daniel Shapiro sagt sinngemäß, die Essenz des Lebens eines Menschen ist die Sehnsucht nach Harmonie, was der Grund dafür sein kann weshalb die Welt zunehmend zusammenwächst. Der Wunsch nach Spaltung, Trennung, Mauerbau ein Gegenspieler um die Belastbarkeit und Resilienz zu stärken. Erich Fromm sagt, Zeit unseres Lebens ist der Mensch bemüht die ursprüngliche Trennung wiederherstellen zu wollen!

Mit jedem Neuankömmling in der Welt gehen aber auch, übertragen über Genetik, zwangsläufig negative Einflüsse einher. Nach althergebrachter aber populärer Bezeichnung, Neurosen, Zwangsneurosen. Darauf angemessen reagieren zu können würde ausreichend Reife der Eltern bedeuten.

Weiterhin ist die Eltern-Kind-Beziehung in den ersten Jahren stark von der gegenseitigen kommunikativen Beziehung abhängig, verbal wie non-verbal. In den ersten Monaten, die Erikson als Ur-Vertrauen vs Ur-Misstrauens-Konfliktphase bezeichnet hat, findet sogar die eigentliche Identitätsphase der Einverleibung statt. Hier sind die Spiegelneuronen besonders aktiv, weil, auch das ist bekannt, der Mensch das einzigste Wesen ist, das unfertig auf die Welt kommt. So als sei es ein zentraler Bestandteil der Evolution, das Menschen an ihre Nachkommen weitergeben, als auch was sie weiter geben. Dabei sind Gene und Veranlagungen wohl das kleinste. Der kommunikative Einfluss, der sich über viele Jahre hinzieht und innere wie äussere Konflikte miteinbezieht, ist dabei erheblich.

Neben dem Ziel, das der Mensch als Individuum seinen Sinn und damit seine Identität findet, besteht ein Ziel der Eltern gewordenen, im Erwachsenenalter darin, die Welt so zu beschaffen, das der Nachwuchs gleiche oder ähnliche Bedingungen vorfindet wie die aktuell erwachsenen selbst vorgefunden haben. Im schlimmsten Fall wird der Mensch fähig zu überleben, im besten Fall ist er Anpassungsfähig an die sich ständig neuen und verändernden Umwelten.

Erst durch die Vergleichbarkeit, mit dem Blick auf die Generationengerechtigkeit werden die eigentlichen Unterschiede sichtbar. Engagement in Interessengruppen, Politik, lokaler wie regionaler oder überregionaler Einfluss formen die neue Welt. Manchmal genügt aber einfach nur, das jemand das tut was er kann, ohne dabei herausragende Leistungen erbringen zu müssen. Wichtig ist, das Menschen in die Lage gebracht werden, schöpferisch wirken zu können, zu wollen und zu werden. Kurzum, aus altruistischer Sicht, damit Gesellschaft funktioniert, müsste man der Gesellschaft das zurück geben, was man von ihr einmal empfangen hat und oder weiterhin empfängt. Was wiederum voraussetzt, das dazu die Einsicht gegeben ist, und damit ein Lösen aus der Egozentrik erfordert. Erkennen und lösen aus dem Narzisstischen, hin zu einem immer währenden fortlaufenden objektiven Blick.

Weil der Mensch vernunftbegabt ist, hat dieser als einziges Wesen einen Geist, einen Verstand. Ansonsten ist auch der Mensch auf Instinkte angewiesen, wie das auch bei Tieren der Fall ist. Beobachtungen aus der Tierwelt sind daher immer eine Möglichkeit zum Vergleich. Und ob etwas passt oder nicht, das zeigt sich dann mittels Studien in der Forschung. So passt die Frage der Nachkommensgestaltung auch beim Vergleich mit einem Käfer.

Die Bayreuther Studie konnte ein grundsätzliches Prinzip des Lebens an Käfern entdecken.

Eltern erleichtern dem Nachwuchs das Überleben durch direkte Versorgung mit Nahrung. Für diesen Zweck verwandeln sie das Leben der Nachkömmlinge in eine kleine Komfortzone. Denn die Nahrung ist durch Aas umkämpft. Die Studie kann zeigen, das sich die durch Eltern geprägte Umgebung über viele Generationen hinweg die Evolution beeinflusst.

Die Art wie Menschen geboren werden und vorwiegend die ersten Monate verbringen, nämlich mit dem Blick von unten nach oben, verleiht dem Menschen eine Art anmutiger Grundausstattung. Der kleine Nachwuchs lernt von Grund auf an etwas aufzuschauen, der Fürsorge so etwas wie eine göttliche Existenz zuzusprechen, drückt sich der Psychoanalytiker Erik Erikson aus. Im Verlauf der eigenen evolutionären Entwicklung vollzieht sich ein Akt der Trennung vom Elterlichen Bild. Es entsteht ein wachsendes Bedürfnis, der Wunsch nach Spiritualität. Schon ab dem zweiten Lebensjahr, wenn einmal der Spaghetti-Teller an der Wand klebt, und damit die Rebellion deutlich wird, entwickelt der Nachwuchs die Veranlagung zur Autonomie. Diese wird sich im späteren Leben immer wieder wiederholen und dabei sublimieren. Veredeln, die Tendenz zur Vollendung entwickeln.

Die Beobachtung durch die Bayreuther Studie zeigt, hier tiefere Einblicke in die Ursprünge der elterlichen Fürsorge, deren Abhängigkeit und dem sozialen Miteinander. Die Studie zeigt, wie wichtige eine gute Entwicklungsumgebung, Bedingung für Mensch, gleichermassen auch Tiere ist.

Eltern verschiedener Tiergruppen verändern die Umwelt ihrer Nachkommen. Diese Veränderungen sind zentraler Bestandteil einer Nischenkonstruktion, die während der Entwicklung stattfindet. Eltern gestalten Bedingungen unter denen die Nachkommen aufwachsen. Sie beeinflussen damit den Selektionsdruck (1). Dieser wiederum wirkt auf sie selbst zurück. eim Schwarzhörnigen Totengräber (Nicrophorus vespilloides) bereiten Eltern den Kadaver vor, auf dem ihre Larven aufwachsen, indem sie Fell oder Federn entfernen und antimikrobielle Sekrete auftragen.

„Die Nischenkonstruktion während der Entwicklung hat zwar eine hohe theoretische Bedeutung, allerdings wird sie oft nur unter vereinfachten Bedingungen oder mit Blick auf einzelne Aspekte der Fürsorge untersucht. Dadurch bleibt oft unklar, wie verschiedene elterliche Veränderungen in ökologisch relevanten Zusammenhängen zusammenwirken“, sagt Eric Grubmüller, Doktorand am Lehrstuhl für Evolutionäre Tierökologie der Universität Bayreuth und Erstautor der Studie.

Für das Experiment wurden Labor- und Feldforschung kombiniert. Die Forschenden verglichen das Wachstum und Überleben von Larven, die auf den von den Eltern vorbereiteten Kadavern aufwuchsen. Im Vergleich dazu mit Larven auf unvorbereiteten Kadavern. Auch die Geruchsstoffe wurden analysiert.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Larven auf vorbereiteten Kadavern höhere Überlebenschancen und ein stärkeres Wachstum haben als auf unvorbereiteten Kadavern. Gleichzeitig verändert die elterliche Vorbereitung die Zusammensetzung der Duftstoffe des Kadavers“, sagt Prof. Dr. Sandra Steiger, Inhaberin des Lehrstuhls für Evolutionäre Tierökologie an der Universität Bayreuth.

Kadaver sind in der Natur eine begehrte und stark umkämpfte Ressource. In einem Feldversuch konnten die Forschenden zeigen, dass die veränderten Geruchsstoffe der vorbereiteten Kadaver die Attraktivität für Konkurrenten reduzieren: Vorbereitete Kadaver wurden deutlich seltener von konkurrierenden Insekten aufgesucht als unvorbereitete.

Darüber hinaus beeinflussen die Eltern durch die Sekrete die mikrobielle Gemeinschaft auf dem Kadaver. Die Studie zeigt, dass die elterliche Fürsorge Unterschiede ausgleichen kann, die durch verschiedene Bodenbedingungen entstehen. Dadurch entsteht eine stabilere mikrobielle Umgebung, was die Sterblichkeit der Larven verringert.

Vergleich mit verwandter Art liefert Hinweis auf evolutionäre Abhängigkeit
Die Käferart Ptomascopus morio ist eng mit den Totengräbern verwandt, allerdings bereiten die Elterntiere bei dieser Art die Kadaver vor dem Schlüpfen ihrer Larven nicht vor. In einem weiteren Experiment überlebten die Larven dieser Käfer auf unvorbereiteten sowie zur Verfügung gestellten vorbereiteten Kadavern gleich gut. Hingegen zeigten die Totengräber-Larven auf unvorbereiteten Kadavern geringere Überlebensraten.

„Dieser Unterschied stützt die Annahme, dass sich die Larven des Schwarzhörnigen Totengräbers evolutionär an eine von den Eltern geschaffene Entwicklungsumgebung angepasst haben“, so Steiger. Durch die verbesserten Überlebenschancen durch elterliche Fürsorge kann es zu einer evolutionären Rückkopplung gekommen sein: Durch die Fürsorge der Eltern wachsen die Larven in einer geschützten Umgebung auf und müssen weniger mit schädlichen Mikroben oder konkurrierenden Insekten fertigwerden. Über viele Generationen hinweg können sich so Merkmale entwickeln, die auf die geschützte Umgebung zugeschnitten sind, was die Abhängigkeit von den Eltern letztlich verstärkt. Die Fürsorge erzeugt also Bedingungen, die langfristig dazu führen können, dass noch mehr Fürsorge nötig wird.

Die Studie wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert (STE 1874/6-3, Projektnummer 277139873).

Originalpublikation:

Eric Grubmüller, Dimitri V. Meier, Melina Kreil, Lynn Schmit, Elena Scharl, Mamoru Takata, Alfons Weig, Sandra Steiger. Parental niche construction buffers microbial and competitive challenges and drives offspring dependence in burying beetles. PNAS (2026)
DOI: https://doi.org/10.1073/pnas.2617749123

Weitere Quellen und Infos

Stärkerer Selektionsdruck auf Männchen im Tierreich, 2021
http://de.gate-communications.com/staerkerer-selektionsdruck-auf-maennchen-im-tierreich/

Warum Frauen länger leben – ein Blick in die Evolution der Lebensspanne, 2025
http://de.gate-communications.com/warum-frauen-laenger-leben-ein-blick-in-die-evolution-der-lebensspanne/

Meta-Studie der Psychologie belegt Männer haben eine stärkere sexuelle Motivation als Frauen, 2022
http://de.gate-communications.com/meta-studie-der-psychologie-belegt-maenner-haben-eine-staerkere-sexuelle-motivation-als-frauen/

Viele Wege führen… zu einem Embryo Evolution hatte viele optimale Lösungen zur Verfügung, 2025
http://de.gate-communications.com/viele-wege-fuehren-zu-einem-embryo-evolution-hatte-viele-optimale-loesungen-zur-verfuegung/

Erikson, Erik, H.; Identität und Lebenszyklus; 1. Auflage 1973; Suhrkamp Taschenbuchverlag

Erikson, Erik Homburger; Der vollständige Lebenszyklus; 11. Auflage 2020, 1. Auflage 1988; Suhrkamp Taschenbuch Verlag

Freud, Sigmund; Studienausgabe, Zwei Kinderneurosen, Bd.VIII, S. Fischer Verlag, 1969

Freud, Sigmund; Studienausgabe, Sexualleben, Band V, Hrsg. Mitsicherlich, Alexander, Richards, Angela, Strachey, James, S Fischer Verlag; 9. Auflage 2009

Freud, Sigmund; Studienausgabe, Fragen der Gesellschaft, Ursprünge der Religion, Band 10, 1. Auflage 1974; S. Fischer Verlag

Bauer, Joachim; Warum ich fühle, was du fühlst – Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone; Wilhelm Heyne Verlag München; 16. Auflage 2011; Hoffmann und Campe verlag Hamburg;

Bauer, Joachim; Wie wir werden, wer wir sind – Die Entstehung des menschlichen Selbst durch Resonanz; 4. Auflage, 2019, Karl Blessing Verlag

Shapiro, Daniel; Verhandeln, Die neue Erfolgsmethode aus Havard, Übersetzung Jürgen Neubauer, Campus Verlag, Frankfurt New York, 2018

Fromm, Erich; Haben oder Sein, Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft; Verlagsgesellschaft München, Verlagsgruppe Random House GmbH, 46. Auflage 2019, Titel der amerikanischen Originalausgabe, „To have or to be“ 1976.

Fromm, Erich; Die Kunst des Liebens, Verlagsgruppe Random House GmbH, München, 2020, Titel der englischen Ausgabe, „The Art of Loving“ 1956

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