Hirnverletzung (knapp 0,5 Millimeter): Am Läsionsrand beginnen die «regenerativen» Astrozyten, das defekte Gewebe zu reparieren, und bilden lange Zellfortsätze (rot) aus, entlang derer die neu gebildeten Zellkerne (blau) zur geschädigten Region wandern. Copyright: Institut für Pharmakologie und Toxikologie, Universität Zürich

Gehirn besitzt mehr Selbstheilungskraft als bisher angenommen


Nach Verletzungen oder bestimmten Autoimmunerkrankungen kann sich das Gehirn offenbar besser regenerieren als bisher angenommen. Forschende der Universität Zürich zeigen im Mausmodell, dass spezielle Stütz- und Versorgungszellen geschädigte Hirnregionen neu besiedeln, indem zunächst nur die neu gebildeten Zellkerne dorthin wandern.

Zürich/Switzerland, 10. August 2026. – Gliazellen sind die Stütz- und Versorgungszellen im Gehirn. Die sternförmigen Vertreter dieser Zellen – Astrozyten genannt – sind für das Funktionieren der Neuronen unerlässlich. Sie versorgen die Nervenzellen mit Nährstoffen, helfen, den Blutfluss zu steuern, und halten das Hirngewebe gesund. Lange ging man davon aus, dass das erwachsene Gehirn Astrozyten, die verloren gehen, nicht vollständig ersetzen kann. Etwa bei Hirnverletzungen oder Autoimmunerkrankungen wie der seltenen Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankung, bei der körpereigene Antikörper diese Zellen zerstören.

Eine Studie widerlegt nun diese Darstellung. Die Co-Erstautoren Marina Herwerth und Matthias Wyss vom Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Zürich (UZH) entdeckten im Gehirn lebender Mäuse eine spezialisierte Gruppe regenerativer Astrozyten. Diese übernehmen den Wiederaufbau der Zellen am Rand der geschädigten Hirnregion. „Unsere Ergebnisse offenbaren eine bislang unbekannte Selbstheilungsfähigkeit des erwachsenen Gehirns. Sie zeigen neue Wege auf, um die Erholung bei Erkrankungen mit Astrozytenverlust zu unterstützen», sagt Bruno Weber, der das Team leitet.

Über mehrere Wochen hinweg haben die Forschenden mit einer Zwei-Photonen-Mikroskopie Echtzeit Aufnahmen gemacht. Mit dieser Beobachtung erfolgte eine Kartierung welche Gene in welchen Regionen aktiv werden. Die speziellen Astrozytenzellen, die den Wiederaufbau verletzen Gewebes übernehmen, teilen sich nicht nur, sie vollbringen eine weitere wichtige Leistung: „Die neu gebildeten Zellkerne der Tochterzellen gleiten über weite Strecken, um die geschädigte Hirnregion wieder zu besiedeln und das Astrozyten-Netzwerk neu zu verknüpfen“ führt Weber weiter fort. So als würden viele Helferlein sich an einem Punkt treffen und alle zusammenwirken um den Schaden wieder zu richten.

Mit dieser Entdeckung, dem wandern von Zellkernen erwachsener Hirnzellen durch lange, sternartig angelegten Zellfortsätze der Astrozyten zum verletzten Gewebe, wird das Verständnis wie sich ein Gehirn nach Verletzungen selbst heilen kann, organisiert und regeneriert klaren und durchschaubarer.
Wir konnten zahlreiche Gene und Signalwege identifizieren, die während der Reparatur vorübergehend aktiviert werden. Sie könnten künftig als Ansatzpunkte dienen, um diese Regenerationsprozesse bei Krankheiten zu beeinflussen», betont Bruno Weber.

Vieles, bzw. so ziemlich alles was in einem Gehirn passiert ist Teil einer vollzogenen und umgesetzten Realität. Lediglich das Bewusstsein bezieht das Denken auf sich selbst. Prozesse wie die jetzt neu erforschten sind aber Vorgänge die evolutionär angelegt und gewachsen sind. Kenntnisse über solche Funktionsweisen eröffnen damit die Blicke auf Umstände in der Realität.




Originalpublikation:

Marina Herwerth*, Matthias T. Wyss*, et al. Focal astrocyte loss reveals nuclear translocation during lesion repopulation. Nature Neuroscience. 23 July 2026. DOI: 10.1038/s41593-026-02354-5 (*These authors contributed equally)

Weitere Informationen:

https://www.news.uzh.ch/de/articles/media/2026/regenerative-astrozyten.html

Bildquelle
Hirnverletzung (knapp 0,5 Millimeter): Am Läsionsrand beginnen die «regenerativen» Astrozyten, das defekte Gewebe zu reparieren, und bilden lange Zellfortsätze (rot) aus, entlang derer die neu gebildeten Zellkerne (blau) zur geschädigten Region wandern.

Copyright: Institut für Pharmakologie und Toxikologie, Universität Zürich

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