Päpste ohne Rom


Politische Wirren, erbitterte Fehden, rivalisierende Adelsgeschlechter in Rom: Im Jahr 1309 ließ sich Papst Clemens V. daher in Avignon nieder statt im angestammten Sitz des Papsttums. Bis 1377 blieb die Stadt in der Provence Sitz der Kurie. Für seine Habilitationsschrift über diese Ausnahmezeit wird PD Dr. Jan-Hendryk de Boer vom Historischen Institut der Universität Duisburg-Essen nun mit dem Mittelalterpreis der „Michael-und-Claudia-Borgolte-Stiftung“ an der Humboldt-Universität zu Berlin ausgezeichnet. Der Preis wird seit 2016 alle zwei Jahre verliehen und ist mit 10.000 Euro dotiert.

Essen/Germany, 22. Juni 2026. – In seiner Monographie Das Avignoneser Papsttum ermöglichen. Zur Legitimation einer angefochtenen Institution untersucht Jan-Hendryk de Boer die Zeit zwischen 1309 und 1377, als insgesamt sieben Päpste überwiegend in Avignon residierten. In Rom war das Oberhaupt der Kirche umgeben von Orten, Ritualen und Symbolen, die seine Stellung untermauerten: Die Gräber der Apostel Petrus und Paulus sowie die zahlreichen Reliquien der römischen Kirchen verliehen dem Amt Würde und Macht. Auch der einzigartige Glanz der Weltstadt Rom trug dazu bei, denn bis heute wird jeder Papst mit seiner Wahl zugleich Bischof von Rom. In Avignon hingegen fehlten diese sichtbaren und unsichtbaren Legitimationen des Amtes gänzlich.

„Das Mittelalter ist eine Zeit, in der Tradition einen sehr hohen Wert hatte“, führt de Boer aus. „Was passiert nun, wenn eine mächtige Institution wie das Papsttum plötzlich die Verbindung zu einem Teil ihrer Traditionen verloren hat? Daraus entstehen ganz neue Handlungsmöglichkeiten, die Päpste und Kurie ebenso kreativ wie wirkungsvoll genutzt haben.“ Päpste kommunizierten vor allem in Briefen, Urkunden und Predigten. Um bei den Adressat:innen, u. a. weltlichen Herrscher:innen, Bischöfen und Städten, die erwünschte Wirkung zu erzielen, hat das Avignoneser Papsttum effektive Techniken und Strategien angewandt: So haben die Päpste etwa in ihren Briefen betont, über besonders gute und verlässliche Informationen zu verfügen, auf deren Grundlage sie der jeweiligen Situation angepasste Entscheidungen treffen konnten. Zudem inszenierten sie sich als Vermittler in Konfliktsituationen und als vorausschauende Akteure, die durch ihr Handeln der Kirche und den Menschen eine gute Zukunft ermöglichen würden.

Für seine nun ausgezeichnete Monographie wurde de Boer dieses Jahr an der Fakultät für Geisteswissenschaften der Universität Duisburg-Essen (UDE) habilitiert. Die prämierte, noch unveröffentlichte Arbeit entstand innerhalb des DFG-Graduiertenkollegs Vorsorge, Voraussicht, Vorhersage. Kontingenzbewältigung durch Zukunftshandeln sowie in der Abteilung von Prof. Dr. Benjamin Scheller am Historischen Institut der UDE.

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