Wie bleiben Menschen als Team handlungsfähig, wenn sie monatelang isoliert zusammenleben? Eine neue Studie unter Leitung der Universität Zürich zeigt: In extremen Umgebungen ist nicht nur Einsamkeit ein Risiko. Auch ständige räumliche Nähe kann Konflikte, Misstrauen und sozialen Rückzug verstärken.
Zürich/Switzerland, 25. Mai 2026. – Für zukünftige Weltraummissionen wurden Crews über Monate hinweg in Isolation, Enge und Extrembelastungen ausgesetzt. Die sich daraus ergebende Studie macht deutlich, was passiert, wenn Teams unter weniger extremen Bedingungen zusammen finden. Findet zuwenig Austausch und Beziehung statt, wird zu wenig kommuniziert, wird das ganze konfliktanfällig. Sind Menschen in Gruppen hingegen in den Beziehungen zu eng, entstehen ebenso Konflikte. Im Ergebnis zeigt sich das was Menschen in der Regel bereits selbst vermuten. Zu viel ist genauso nachteilig wie zu wenig. Es gilt immer das richtige Mass zu finden.
Wie verändert sich das Zusammenleben unter Bedingungen von Enge und Isolation? Eine internationale Studie unter der Leitung von Jan Schmutz, Professor am Psychologischen Institut der Universität Zürich (UZH), und Andrea Cantisani, Psychiater sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bern, ging dieser Frage während einer zehnmonatigen Überwinterungsmission an der Concordia-Station im Inneren der Antarktis nach. Die Concordia Forschungsstation ist eine der abgelegensten Orte der Welt. Temperaturen gehen im Winter unter minus 80 Grad Celsius.
Mit Sensorik und Fragebögen ausgestattet konnten die Crewmitglieder durch die forschenden beobachtet, analysiert und im Gruppenverhalten erforscht werden. Auf diese Weise konnte auch ermittelt werden, wie sich das Verhalten in der Gruppe im Bezug soziale Beziehungen, Einsamkeit, Misstrauen, Konflikte, Zusammenhalt und die wahrgenommene Leistungsfähigkeit entwickeln würde.
Je enger man mit einer Person zusammen ist, desto intensiver die Wahrnehmung mit dem Blick auf die Bezugspartner. Berührungspunkte der Beziehung gehen dabei in die Tiefe. Auffällig war daher an der Studie, das mehr psychische Nähe sich nicht positive auf die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auswirkte. Häufige Kontakte führten zu wachsenden Konflikten, wachsendem Misstrauen und die Leistungsfähigkeit verringerte sich. Im Ergebnis konnte man daher feststellen, in stark begrenzten Lebensräumen ist nicht nur Isolation belastend, sondern in gleicher weise auch dauerhafte Nähe.
„In kleinen Teams unter Extrembedingungen bedeutet mehr Kontakt nicht automatisch mehr soziale Unterstützung, sondern kann Spannungen sogar verstärken“, sagt UZH-Psychologe Jan Schmutz. „Da es sich um korrelative Daten handelt, lassen sich keine Kausalaussagen treffen. Denkbar wäre beispielsweise, dass einsame Personen zwar vermehrt Kontakt suchen, dieser jedoch nicht ausreichend Unterstützung bietet.“
Mit der Zeit entstanden zunehmend Untergruppen. Die Crewmitglieder sichten zunehmend den Kontakt zu Menschen mit gleicher Sprache und Nationalität. Was dafür spricht das man in Krisenzeiten den Halt im bekannten, vertrauten und bewertem sucht. Diese Entwicklung birgt zeitgleich das Risiko sozialer Fragmentierung und schwächt den Zusammenhalt multikultureller Teams, so die Forschenden.
Die Ergebnisse lassen sich zwar von der geplanten Raummission auf Teams in Arbeitsgruppen wie U-Boote, Offshore-Plattformen übertragen. Aber, allem voran zeigt diese Studie auch die Tendenz, welches Gruppenverhalten zu erwarten sein kann wenn man Menschen plant enger an ein Narrativ zu binden, einer Unternehmensphilosophie oder in Organisationen. So bsw. bei gewöhnlichen Teams in Grossraumbüros, gemeinsamen Projektarbeiten oder Situationen wie im Handel.
„Die Ergebnisse zeigen, wie wichtig es ist, soziale Dynamiken früh zu erkennen und Teams gezielt zu unterstützen», so Schmutz.
Gleichzeitig zeigte die Studie, dass tragbare Sensoren auch unter extremen Bedingungen zuverlässig funktionieren. Sie machen Veränderungen im Teamalltag sichtbar, ohne die Crew stark einzuschränken. Künftige Studien sollen nun genauer untersuchen, welche sozialen Kontakte entlasten und welche zusätzlichen Stress erzeugen.
Originalpublikation:
Andrea Cantisani, Jan B. Schmutz et al. Social interactions in isolated, confined, and extreme environments: A study of Antarctic winter teams using wearable sensors. PNAS, 25 May, 2026. DOI: 10.1073/pnas.2533420123
Weitere Informationen:
https://www.news.uzh.ch/de/articles/media/2026/teams-in-extremumgebung.html
Bildquelle
Die Concordia-Station zählt zu den abgelegensten Orten der Welt. Während der zehnmonatigen Überwinterungsmission wurde untersucht, welche Auswirkungen diese Extremsituation auf die Teamarbeit hat. Quelle: Jessica Studier, Copyright: Universität Zürich
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