In Stein gehauene Inschriften des alten Ägyptens

Felsinschriften auf dem Sinai – Analogie in eine Moderne Zeit


Der Fund ist spektakulär: Eine rund 5.000 Jahre alte Inschrift im Südwesten der Sinai-Halbinsel zeigt furchteinflößend, wie die Ägypter den Sinai kolonisierten und die Bewohner unterwarfen. Die auf einem gut sichtbaren Felsen prominent festgehaltene Szene veranschaulicht die Dominanz der Ägypter in Gestalt eines großen Mannes mit erhobenen Armen und einen davor knienden Sinaiten mit einem Pfeil in der Brust. Mustafa Nour El-Din vom Inspektorat Assuan des Ägyptischen Antikenministeriums entdeckte die ungewöhnliche Inschrift im Wadi Khamila. Der Ägyptologe Prof. Dr. Ludwig Morenz von der Universität Bonn deutete die Szene: Sie verkündet den kolonialen Anspruch der Ägypter vor 5.000 Jahren.

Bonn/Germany, 27. Januar 2026. – Der Zeitpunkt des Fundes könnte auf die heutige Zeit kaum zutreffender sein, geht man davon aus das wir in einem epochalen zeitlichen Wandel stehen. Die Erforschung der Ägyptologie steht gleichsam mit der Erforschung weltlicher Macht, oder möglicherweise geeigneter und differenzierter ausgedrückt, mit der Säkularisierung von Macht, die in das Weltliche geschehen übergeht. Die Ägypter waren in der Form organisiert, zu Lebzeiten die Welt so auszurichten um sie auf die Nachwelt vorzubereiten. Aufgrund der sich wiederholenden teils spektakulären Funde scheint dies offensichtlich gelungen zu sein.

So weist nun auch der jüngste Fund auf dieses pyramidale System hin, das auch in die Entstehungszeit der Sesshaftigkeit des Menschen, sowie der Entstehungszeit des patriarchalen Systems fällt. Jeder Fund der Hinweise auf eine Zeit der Vergangenheit liefert, bedeutet auch eine potenzielle Veränderung in der Zukunft, sofern Wissen in Anwendung kommt. Da es sich beim vorliegenden Fund um Macht, Unterwerfung eines Volkes und den Anspruch auf Bodenschätze handelt, d.h. einem Motiv für Herrschaftsansprüche, ist dieser Fund durchaus von auflösendem Interesse für die moderne Zeit. Es handelt sich dabei um eine Übergangszeit bei der noch Völkerwanderungen stattfanden, vor allem aber auch um eine Übergangszeit vom Polytheismus zum Monotheismus, Vielgötterei zur Orientierung hin auf eine Gottheit. Oder philosophisch beschrieben vom Mythos zum Logos.

„Der Südwesten des Sinai ist die Region, in der wir anhand von teilweise über 5.000 Jahre alten Bildern und Inschriften eine ökonomisch motivierte Kolonisierung feststellen können“, sagt der Ägyptologe Prof. Dr. Ludwig Morenz von der Universität Bonn. „Bei dem nun entdeckten Motiv handelt es sich um eine der ältesten bekannten Erschlagungsszenen mit Bildbeischrift.“ Anhand des Schrecken verbreitenden Ägypters bzw. des ägyptischen Gottes Min in Siegerpose vor dem knienden, verletzten Sinaiten werde die Unterwerfung der lokalen Bevölkerung dargestellt.

Die Bewohner der Halbinsel Sinai hatten damals noch keine Schrift, keine staatliche Organisation und waren den Ägyptern sozio-kulturell unterlegen. Diese drangen auf der Suche nach Bodenschätzen – wie etwa begehrtes Kupfer und den Edelstein Türkis – in die Region vor und kolonisierten sie. „Das Wadi Khamila wurde bislang in der Forschung lediglich im Zusammenhang mit rund 3.000 Jahre jüngeren nabatäischen Inschriften erwähnt“, sagt Morenz. „5.000 Jahre alte Zeugnisse der Ägypter waren dort bislang unbekannt.“

Schwierige Datierung

Eine durchaus grosse Herausforderung ergeben die Datierung der Schriften die in Fels gehauen sind. „Hier geben Ikonographie, Stil und Epigraphik eine gute Basis“, sagt der Ägyptologe. Dabei steht die Gestaltung der Inschriften im Fokus! „Dazu kommt der kulturelle Kontext: Wir wissen, dass `die Ägypter´ im späten 4. Jahrtausend für Wirtschaftsexpeditionen in den Südwest-Sinai zogen.“

Auch in anderen als „Wadi“ bezeichneten Trockentälern des Sinai, dem Wadi Ameyra und dem Wadi Maghara, haben die Ägypter grafische Inszenierungen kolonialer Dominanz hinterlassen. „Zusammen mit der nun entdeckten Felszeichnung im Wadi Khamila lässt das eine Art koloniales Netzwerk der Ägypter erahnen“, sagt Morenz. Offenbar lud die prominente Lage in der Landschaft, die gute Sichtbarkeit des Felsens, seine glatte Oberfläche und seine Verbindung zu traditionellen Rastplätzen zur Beschriftung ein. „Historisch ist es häufig so, dass an Orten mit gut sichtbaren Felsinschriften erneut geschrieben oder sogar überschrieben wird“, berichtet Morenz. Auch bei dieser Felsinschrift stellte der Ägyptologe mehrfache Überschreibungen bis hin zu arabischen Graffiti aus den letzten Jahren und Jahrzehnten fest.

Religiöse Rechtfertigung für die Kolonisierung

In den beiden Inschriften aus dem Wadi Khamila und dem Wadi Ameyra wird ganz direkt auf den Gott Min Bezug genommen. „Diese Gottheit war im 4. und frühen 3. Jahrtausend die religiöse Autorität der ägyptischen Expeditionen“, sagt Morenz. „Die Bilder und Inschriften sind in der Regel sehr kurz, aber die religiöse Rechtfertigung für die Kolonisierung spielte eine wichtige Rolle.“ Die Inschrift dürfte nach den Erkenntnissen des Ägyptologen der Universität Bonn ägyptische Dominanz unter dem Patronat des Min verkünden. Sie formuliert also einen kolonialen Anspruch der Ägypter vor 5000 Jahren. Der Bezug speziell auf den Gott Min prägte dem Wissenschaftler zufolge die Frühphase des ägyptischen Paläokolonialismus im Sinai. Danach seien andere Götter wie zunächst Sopdu an die Stelle dieses Gottes getreten.



Im Vergleich etwa zum Gebiet um Assuan sind Inschriften und Felsbilder im Wadi Khamila nach bisherigem Wissensstand keineswegs häufig. Morenz, der auch zum Exzellenzcluster „Bonn Center for Dependency & Slavery Studies“ der Universität Bonn gehört, ist begeistert, dass Mustafa Nour El-Din vom Inspektorat Assuan des Ägyptischen Antikenministeriums die ungewöhnliche Inschrift im Wadi Khamila auf seinen Erkundungsfahrten auffiel. Für Morenz ist die Entdeckung ein neuer Ausgangspunkt. Er plant, die Gegend weiter zu erkunden und nach weiteren Graffiti aus dieser Zeit zu suchen. „Zunächst stehen jetzt aber Gespräche mit der ägyptischen Antikenverwaltung an, um die neuen Ergebnisse einzuordnen“, sagt Morenz.

Felsinschriften an einem Fels in Ägypten
Die 5.000 Jahre alte Inschrift im Wadi Khamila – ohne Umzeichnung. Der Ägyptologe Prof. Dr. Ludwig Morenz von der Universität Bonn deutet sie als Verkündung des kolonialen Anspruchs der Ägypter.
Copyright: Foto: M. Nour El-Din

Originalpublikation:

Wadi Khamila, the god Min and the Beginning of „Pharaonic“ Dominance in Sinai 5000 years ago, in: Blätter Abrahams 25, 2025, 75-95, https://www.freunde-abrahams.de/media/blaetter-abrahams/heft-25-2025/07.BAb.Nour-El-Din_Morenz.pdf



Weitere Informationen:
https://www.iak.uni-bonn.de/de/institut/abteilungen/aegyptologie

Mit göttlicher Inszenierung und Gewaltdarstellung zur Macht, 2025
http://de.gate-communications.com/mit-goettlicher-inszenierung-und-gewaltdarstellung-zur-macht/

5000 Jahre (Un-)Gleichheit im Karpatenbecken, 2025
http://de.gate-communications.com/5000-jahre-un-gleichheit-im-karpatenbecken/

Von der Archäologie Jerusalems zur Entstehung des Alten Testaments, 2025
http://de.gate-communications.com/von-der-archaeologie-jerusalems-zur-entstehung-des-alten-testaments/

Spektakulärer Fund in der antiken, biblisch bekannten Stadt Ninive, 2025
http://de.gate-communications.com/spektakulaerer-fund-in-der-antiken-biblisch-bekannten-stadt-ninive/

Es war einmal…, 2024
http://de.gate-communications.com/es-war-einmal/

Forschungsprojekt beleuchtet Entwicklung des Christentums vom 5. bis zum 15. Jahrhundert, 2025
http://de.gate-communications.com/forschungsprojekt-beleuchtet-entwicklung-des-christentums-vom-5-bis-zum-15-jahrhundert/

Die letzten Geheimnisse des Orients, 2024
http://de.gate-communications.com/die-letzten-geheimnisse-des-orients/

Warum Menschen sesshaft werden, 2024
http://de.gate-communications.com/warum-menschen-sesshaft-werden/

Idee vom personalen Gott „El“ könnte vom Sinai stammen, 2024
http://de.gate-communications.com/idee-vom-personalen-gott-el-koennte-vom-sinai-stammen/

ZDF Terra X Dokumentation Rätsel der Geschichte – der Garten Eden, 2020
http://de.gate-communications.com/zdf-terra-x-dokumentation-raetsel-der-geschichte-der-garten-eden/

Bildquelle

Schreitender Mann in Siegerpose mit erhobenen Armen; links ein kniender Unterworfener, gefesselt und verwundet. Das Boot symbolisiert Dominanz; Inschrift nennt Gott Min, Herrscher des Kupfers. Copyright: Foto: M. Nour El-Din/Umzeichnung: E. Kiesel

Die 5.000 Jahre alte Inschrift im Wadi Khamila – ohne Umzeichnung. Der Ägyptologe Prof. Dr. Ludwig Morenz von der Universität Bonn deutet sie als Verkündung des kolonialen Anspruchs der Ägypter. Copyright: Foto: M. Nour El-Din

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