Jochen Schmidts neues Buch über Demut ist im Verlag Karl Alber erschienen. Copyright: Verlag Karl Alber

Demut als prekäre Tugend


Neues Buch des Mainzer Theologen Jochen Schmidt beleuchtet die Aktualität einer zweischneidige.

Mainz/Germany, 17. Dezember 2025. – Moderne Medien und Informationen gehen heute so rasant über den Globus, das man mit wachsendem Zeitverlauf engmaschiger die Umstände und Zustände in der Welt reflektieren kann. Auf diese Weise macht man sich, oft auch mehr unbewusst ein globales Bild von der Gesamtstimmung, Gesamtsituation. Das jeweilige Bedürfnis, wie der Philosoph Thomas Hobbes es einmal ausdrückte, wirkt daher in Wechselwirkung und kommt auf diese Weise wieder an Positionen, die man vielleicht einmal als Gut empfunden hat. Wer mit dem Finger den Bildschirm abskrollt, für den besteht irgendwann wieder das Bedürfnis auf den Zeigefinger zu wechseln und Papier umzublättern. Oder noch krasser, „Wer Krieg hat wünscht sich Frieden, wer Frieden hat, wünscht sich in seinem Übermut Krieg, wie Hobbes sich in seinem bekanntesten Werk „Leviathan“ zum Ausdruck bringt (Vgl. Hobbes, 2019).


Man kann daher gut nachvollziehen das auch ein so angeblich angestaubtes Thema wie menschliche Tugenden wieder aktuell werden könnte. Vieles von dem, woran man sich heute orientiert, entspricht dem, was man unter der Tendenz zum Erlangen von Tugendenden beschreiben kann. Ist also keineswegs eingestaubt und so erklärt der Autor Jochen Schmidt, Professor für Systematische Theologie mit Schwerpunkt Dogmatik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) in seinem neuen Buch „Demut. Konstellationen einer prekären Tugend“ – „, doch gerade heute, angesichts Klimakrise und digitaler Kommunikation, gewinnt sie wieder an Bedeutung“.


In der Systematik, mittels Medien und Kommunikation, die uns die Möglichkeit gibt vergangene Zeit zunehmend zu komprimieren und einen übersichtlicheren Verlauf transparent machen zu können, den Rückblick zu wagen, daraus neue Schlüsse zu ziehen, bringt die Leistung der Zeit mit sich, entsprechend eine höhere menschliche Anpassungsleistung. Geht man nach der Interpretation durch die Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth, wonach das Wort Religion dem Ursprünglichen Re-Ligio entnommen sei, und so etwas wie Rückbindung meint, in ergänzender Weise Rückbindung an einen transzendenten Gott, dann bedeutet diese Möglichkeit des zurückblickenden eine moderne Kopplung an die Religion und führt daher zu einer Rückkehr solcher Tugenden (Vgl. Göttner-Abendroth, S. 22, 2011). Wie man einen transzendenten Gott versteht, hängt zum jeweiligen Zeitpunkt von der inneren Haltung, ab die ich als Mensch habe.


Die Reaktion von Menschen die bsw. eine Klimakrise leugnen, trotz der deutlich erkennbaren kausalen Beziehungen, lässt auf die bereits vorhandene potenzielle Angst schließen (Vgl. Studie, Die Welt überschreitet ihren ersten Klimakipppunkt, 2025), (Vgl. Studie, Umweltkatastrophen fördern prosoziales Verhalten, 2022). Man hat selbst bereits erkannt das es sich hierbei um eine Wahrheit handeln wird. Hier grüßt als Grund eine Urverdrängung wie Sigmund Freud sie seinerzeit beschrieben hat. In seiner Folge Otto Rank in seinem Werk „Das Traua der Geburt“ hinweist und das ganze daher als deutlich erkennbares Zeichen zu deuten ist das man sich gesellschaftlich global in einer philosophischen Geburt befindet!
Als Wahrheit wird in der Realität immer das verstanden, was aus dem Geist in die Realität übergeht und sich langfristig in der Welt behauptet. Ganz nach Aristoteles, „Nicht ist in der Welt was nicht zuvor in den Sinnen war“. Gerade solche Sichtweisen führen dann wiederum bei anderen dazu, die Dinge grundsätzlich infrage zu stellen, was letztlich in einer modernen Form von Kultivierung zu finden ist.
Prof. Schmidt zeigt, dass Demut nicht nur eine bloße Bescheidenheit ist, sondern eine mehrschichtige Haltung, die aus seiner Perspektive immer wieder in ihr Gegenteil, den Hochmut führen kann oder dahingehend umzuschlagen droht.
Wie man es häufig schon in der Geschichte beobachten kann und vor allem konnte, passierte in der Vergangenheit, unabhängig von spezieller Ausrichtung der Religion im Grunde dasselbe und bestätigt damit einen Zustand der Wahrheit.


In der fernöstlichen Philosophie bediente man sich um ca. 5. bis 3. Jhd. v. Chr. um die Lehre vom Daoismus, die die Lehre vom richtigen Weg und der Tugend beinhaltete. Der Buddhismus, ca. 5. Jhd. v.Chr. , der sich eher in Kreisen von esoterischem wiederfinden lässt, also der Glaube an sich selbst, hat als Heilsziel die Befreiung der Seele zum Ziel. Zu erreichen mittels tugendhaftem Leben. Im Konfuzianismus, einer Lehre des chinesischen Konfuzius (551-479 v. Chr.) soll durch Tugend eine konservative Moral- und Staatsphilosophie kultiviert werden. Demnach sei das Edle, gebildete und Weise das optimale Menschenbild. Menzius (371 – 289 v. Chr.) war der Auffassung, das die Grundlagen der Tugend dem Menschen angeboren seien die dieser zu bewahren und zu entfalten habe.
Der Zustand eines Staates würde durch die moralische Qualität des Herrschers entschieden und einem guten Herrscher würden die Menschen von selbst nachfolgen wollen. Was sich nach einem pyramidialen (Hierarchischen) System anhört, endet aus heutiger Sicht wohl aber in einem kooperativen Führungsstil, denn das Ziel des Herrschers, so Menzius, sei das Wohlergehen und die Moral des Volkes. Nach der Lehre des Mohismus (5. bis 3. Jhd. v. Chr.) sind zahlreiche Moralvorschriften ein Zeichen dafür, das menschliche Tugend verloren gegangen sei. Wer Tugendmässig lebe bräuchte nicht über Regeln nachzudenken. Dem entgegnete Richard David Precht einmal, das Menschen Regeln lieben würden, was ja wiederum ein Abschweifen, also eine Verrohung erforderlich machen würde.

Die Antike suchte nicht nur in einem Seelenheil ein Heil. Vielmehr sucht sie ihre Antriebe und Gründe in einer rational erklärbaren Naturphilosophie. So werden an der Stelle neben dem Urgrund und dem Urgesetz die Natur des Menschen und seiner damit verbundenen menschlichen Sitte gesucht. Die Beschaffenheit der Seele, das Gute und damit auch ihre Tugend. Die Ethik des Individuellen hat die Glückseligkeit zum Ziel. Von hier aus gelangte man dann zum Gedanken Seele und Leib zu trennen und sich damit von inneren Verunreinigungen zu befreien. Für Thomas von Aquin (1224 – 1274) gehörten zu den Kardinaltugendenden Glaube, Liebe und Hoffnung, die allerdings nur durch die Gnade Gottes zuteil werden könne. Weiterhin rechnet er die Vernunft, die Weisheit und Klugheit, Willen zur Gerechtigkeit, einem Streben nach Tapferkeit, als auch einem Begehren in Mäßigkeit zu (Vgl. et al. Kunzmann, 2023).

In Vorbereitung auf die später entstandene Renaissance stand für den Urbegründer der Ethik, Sokrates von Athen (470 – 399 v.Chr) fest, die Suche nach dem Guten und der Tugend im Menschen führe dazu sich selbst zu erkennen. Und das ist, nach modernen Studien nicht nur Religion als Bestandteil des Glaubens an einen allumfassenden Gott hilfreich, sondern macht offensichtlich Glücklicher (Vgl. Studie, Mitgefühl macht glücklich, 2025).

Prof. Dr. Jochen Schmidts Forschungsschwerpunkte liegen in der theologischen Anthropologie und Hermeneutik. In seinem neuen Buch zeichnet er nach, wie Theologinnen und Theologen sowie Philosophinnen und Philosophen seit jeher mit der Ambivalenz von Demut gerungen haben – vom Kirchenvater Augustinus von Hippo und Martin Luther über Immanuel Kant bis hin zu Dietrich Bonhoeffer, Paul Tillich und Robin Dillon. Mal galt Demut als notwendiger Gegenpol zum Stolz, mal wurde sie als Quelle von Unterwürfigkeit oder Heuchelei kritisiert.

In seinem 200 Seiten umfassenden Buch erläutert Schmidt etwa Bonhoeffers Verständnis von Demut: nicht als Unterwürfigkeit, sondern als innere Freiheit, sich nicht selbst absolut zu setzen und gerade in der Bindung an Gott den Mut zur Freiheit zu gewinnen. Auch auf Denkerinnen und Denker aus der neueren Zeit und Gegenwart geht er ein: Iris Murdoch und Martha Nussbaum etwa haben Demut reflektiert – stets im Bewusstsein, dass sie ein zweischneidiges Phänomen ist, indem sie Orientierung stiftend und hilfreich, zugleich aber riskant und missbrauchsanfällig ist. In einer frühen Ausgabe des mehrfachaufgelegten Spiegelbestsellers „Stroh im Kopf“ beschrieb Vera Birkenbihl einmal, die Frage nach Hochmut und Demut sei eine Frage an den religiös gefärbten Glauben. Sinngemäß beschreibt sie, Entweder ich glaube es gibt eine höhere Macht oder ich glaube ich bin oder werde die höchste Macht. Es muss daher nachvollziehbar sein, wenn der rational denkende Mensch Errungenschaften der modernen Zeit hervor bringt, wie das heute der Fall ist, man spricht gerne auch von „radikalen, alles verändernden Technologien“, das der Anspruch in sich selbst Gott zu begreifen und dem allem unterzuordnen für viele Menschen eine Option darstellt. Man könnte daher ableiten, je höher die menschlichen Errungenschaften, desto größer die mir zuteil werdende Gnade und damit Ausdruck von Dankbarkeit zu verdeutlichen.
Es stellt die Frage in den Raum, wie viel davon ist Narzissmus, wie viel davon so objektiv, das ich in der Lage bin zu begreifen und anzuerkennen, die Summe meiner Identität beruht auf den in mir gewachsenen sozialen Verhältnissen die meinen Werdegang begleitet haben (Vgl. Fromm, 2020).

„Demut ist eine fragile Tugend“, betont Prof. Dr. Jochen Schmidt, der sich in früheren Publikationen unter anderem mit Glaube und Existenz, Theologie und Sprache sowie mit Akten der Klage angesichts existentiellen Leidens befasst hat. „Sie hilft, mit Grenzen und Krisen umzugehen, droht aber ständig ins Gegenteil zu kippen: in falsche Unterwürfigkeit, in Stolz auf die eigene Demut oder in moralischen Druck auf andere.“ Diese prekäre Struktur mache Demut so schwer fassbar – und zugleich so aktuell.

Heuchelei und „Humblebragging“

Wie brisant dieses Spannungsfeld ist, zeigt sich für Schmidt gerade in aktuellen Debatten. In politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen laufe Demut Gefahr, als moralischer Zeigefinger missverstanden und daher abgelehnt zu werden. Gleichzeitig könne sie helfen, den eigenen Standpunkt kritisch zu hinterfragen. „Auch in ökologischen Diskussionen um die Klimakrise wird Demut häufig ins Spiel gebracht – als Haltung, die uns die Grenzen unseres Handelns bewusst macht.“

Allzu oft verenge sich dieser Appell jedoch auf individuelles Verhalten und verfehle damit die strukturelle Dimension ökologischer Verantwortung seitens Politik und Wirtschaft. Misslingende Formen von Demut würden zudem in den sozialen Medien sichtbar – etwa, wenn vorgeschobene Bescheidenheit in Heuchelei kippe und letztlich der Selbstinszenierung diene, im Sinne von „Humblebragging“.

Spannung zwischen Selbstverzicht und Selbstbehauptung

Schmidt schlägt in seinem Buch eine neue Theorie der Demut vor. Aufbauend auf Kant beschreibt er sie als Haltung, die sich zwischen zwei Polen bewegt: einem Nein – der Fähigkeit, loszulassen, sich zurückzunehmen, Abschied zuzulassen – und einem Ja – der Selbstannahme, der Wahrung menschlicher Würde und Eigenständigkeit. Erst im Zusammenspiel dieser beiden Bewegungen entfalte Demut ihre orientierende Kraft.

„Demut ist keine schwache Geste des Rückzugs“, so Schmidt. „Sie kann vielmehr eine Form der Stärke sein, weil sie den Mut zum Abschied mit der Kraft zur Selbstannahme vereint.“ Damit sei sie keine altmodische Haltung, sondern eine Tugend, die gerade in Zeiten von Umbrüchen Orientierung geben könne – nicht durch einfache Antworten, sondern durch die Spannung zwischen Selbstverzicht und Selbstbehauptung.



Originalpublikation:

Jochen Schmidt, Demut. Konstellationen einer prekären Tugend, Verlag Karl Alber, Baden-Baden, 2025
ISBN 978-3-495-99143-5
Open Access: https://www.nomos-shop.de/de/p/demut-978-3-495-99143-5

Quellen

Umweltkatastrophen fördern prosoziales Verhalten, 2022
http://de.gate-communications.com/umweltkatastrophen-foerdern-prosoziales-verhalten/

Mitgefühl macht glücklich, 2025
http://de.gate-communications.com/mitgefuehl-macht-gluecklich/

Die Welt überschreitet ihren ersten Klimakipppunkt, 2025
http://de.gate-communications.com/die-welt-ueberschreitet-ihren-ersten-klimakipppunkt/

Göttner-Abendroth, Heide, Die Göttin und ihr Heros, Die matriarchalen Religionen in Mythen, Märchen, Dichtung, 2011, Kohlhammer Verlag

Hobbes, Thomas, Leviathan, 2019, Reclam Verlag


Fromm, Erich; Die Kunst des Liebens, 2020

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Jochen Schmidts neues Buch über Demut ist im Verlag Karl Alber erschienen. Copyright: Verlag Karl Alber

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