Über den Tod hinaus denken. Nächstenliebe meint, meine Zumutbarkeit einem anderen Menschen gegenüber kann nicht weiter gehen, alsich selbst bereit wäre selbiges zu verkraften. Also eine Art Gesetzgebung, auf Basis einer Moral. In ähnlicher weise hatte sich Immanuel Kantmit dem kategorischen Imperativ zu Worte gemeldet. Und der meint eben, im Imperativ, also in Form einer Anweisung: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.“ Warum diese Gesetzgebung eine Aufforderung ist, zeigt sich spätestens dann, wenndu darauf angewiesen bist. In diesem Fall nämlich wirst du um dein Handeln gerecht gemacht.
Natürlich würde man sich darin üben müssen, jedes tun und wirken darauf hin prüfen, obes dieser Gesetzgebung standhält. Eine Sache, diedem entgegenwirkt ist ebenfalls eine solche Form der Gesetzgebung, die allerdings Erich Fromm aus psychologisch moralischer Sicht vorstellt. Der Befreiung aus der überzogenen Selbstliebe. Seiner Darstellung nach muss der Mensch sein Gedankengut darauf konditionieren sich in Objektivität zu üben. Hier hat Sigmund Freud die Vorlage geliefert, in dem er beschreiben konnte, das ein Problem der Liebe darin bestehen kann in Objektliebe zu verharren. Dies beginnt schon zu Zeiten der Geburt. Das Motiv mit dem der junge Mensch das Licht der Welt erblickt ist maßgeblichfür die weitere Entwicklung im Sinne der Liebe. Ohne Liebe wird sich eine Objektliebe herauskristallisieren die ihren Schwerpunkt auf ein bestimmtes, vielleicht sogar auf wenige verschiedene Objekte legt. Während ein Mensch der geliebt entwachsen ist, immer wieder zu dieser Liebe zurückkehrenwürde. Und weil es hier den engen Zusammenhang zwischen Sexualität im Sinne des grundlegenden Überlebensmechanismus geht, ist die Macht nicht fern. Später, mit Beginndes jungen Erwachsenenalters beginnt diese Form der Macht dann seine Spezialisierung einzunehmen.
Im Falle der Objektiven Liebe konzentrieren sich die Gedanken der betroffenen auf die Objekte, während die anderen Dinge vernachlässigt werden. Sprich, die Person liebt die Objekte und wird darin auch mächtig, an anderen Stellen gar ohnmächtig, handlungsunfähig, machtlos und dann eben auch Empathielos. Das Gegenstück zur Geburt ist dann später das Umfeld in dem man sich bewegt, also in Form einer Eigenmacht bis hin zu einer Macht über bestimmte Ausprägungen und inneren Ordnungen. Die Macht wird sich dann auf bestimmte Objekte konzentrieren, fokussieren, sensibilisieren. Die anderen bleiben nicht nur unberücksichtigt. Es gibt dazu auch keine Empfindung, keine Empathie.Bezüglich einer Ästhetik des Aufhörens rückt die Frage in den Fordergrund, wenn die Geburt des Menschen eine so großeund gefeierte Sacheist, weshalb ist dann der Tod ein Tabuthema? Gerade in Bezugauf die Künstliche Intelligenz rückt die Frage nach dem Tod und einer Form des Weiterlebensin den Fordergrund. Wie eine Hausärztin es einmal als Programm für ihre Patienten angeboten hatte und begründet, „[…] durch die Begrenztheit des Todes denken wir in Endlichkeit, und so gestalten wir auch unser Leben.“ Mit der Künstlichen Intelligenz verschwimmen derzeit diese Grenzen und der Tod, das Ausscheiden im Leben wird zu einer Frage der Ästhetik.
Hausaerztin wandert mit PatientInnen, Suedtirol heute 26.07.2024
Die Suche nach dem Glück ist so ein Beispiel. Denn alle Welt will mit den traurigen Seiten des Lebens wenig gemein haben, liegt darin doch ein großesPotenzial, demman sich auch bewusst stellen darf. Der Tod ist also nicht nur eine psychische Angelegenheit, vielmehr sterben in mir unausgeprägte Charakterbausteine, die ihren Weg in mir finden müssen. Was auf der einen Seite stirbt, wächst wie bei Pflanzen eben auch auf einer anderen Seite weiter, wodurch uns das Leben eine Charakterform aufbürdet mit der wir dann in die neue Welt, in das neue Licht gehen.Dem Werdenund vergehen, der Austritt aus dem Leben und der bewusste Eintritt in ein neues Leben vollzieht sich sichtbar, oft in den Gesichtern der Menschen, was sie dann bei ausgeprägtem Charakterzug besonders Attraktiv oder weniger erscheinen lassen kann. Mit diesen Leiden entwächst also die Ästhetik.
6.-7. März 2025, Kulturwissenschaftliches Institut Essen (KWI), Goethestraße 31, 45128 Essen
Der Workshop steht im Kontext der gesellschaftlichen sowie ästhetischen Problematiken des Schließens, des Aufhörens und des Beendens, die Teil der mannigfaltigen Krisen der letzten Jahre waren. Man denke an das ‚Ende‘ der Pandemie, des Kapitalismus und der Globalisierung sowie die zunehmende Erschöpfung natürlicher Ressourcen. Apokalyptische und katastrophische Szenarien, letzte Generationen sowie Formen der Ausrottung und des Aussterbens bestimmen nicht nur die gegenwärtige Lage, sondern durchziehen auch die öffentliche Debatte.
Der Workshop interessiert sich für das Aufhören als ein praktisches Problem. System- und differenzierungstheoretische Gesellschaftstheorien zeigen, dass sich in modernen Gesellschaften unterschiedliche zeitliche Ordnungen ausdifferenzieren, die sich nur schwer synchronisieren lassen: Das Ende des Einen ist der Anfang des Anderen. Alle Formen sozialen Handelns sind zudem in Routinen und Gewohnheiten eingelassen, die sich auch durch ihre Trägheit auszeichnen. Ihre Funktion liegt darin, dass soziale Praxis weitergeht. Nicht nur für den Exzess und alle Formen von Abhängigkeit gilt deshalb: Aufhören ist schwierig. Umgekehrt wird das Aufhören damit in praxeologischer, epistemologischer und poetologischer Hinsicht untersuchbar (vgl. Kermode 2000). Es unterliegt dabei überindividuellen Kriterien, institutionellen Rahmen, medialen Formaten und gesellschaftlichen Erwartungen – und damit ist es ein Sachverhalt, der gelingen oder auch misslingen kann.
Dem Aufhören wohnt zudem eine poetologische Dimension inne. Schlussformeln sind konkret an verschiedene Ausprägungen künstlerischer Formbildung gekoppelt, und zwar bei der Frage danach, wann und wie man einen Text, einen Film oder einen Song beendet und ob es so etwas wie ein passendes Ende des Textes, der Reihe oder des Werkes gibt (vgl. Hernstein Smith 1968). Literaturhistorisch lassen sich einige konstante Schlussformen wie der parabolische Schluss, die moralische Sentenz oder das Happy End nennen (vgl. Simons 2022). Gerade im Kontext von Autobiographie und Life Writing avanciert das Aufhören zum Ausgangspunkt eines neuen Anfangs, der zugleich den Erzählakt selbst motiviert, also auch ein strukturelles textliches Moment ist.
Neben ästhetischen Problematiken des Endes sollen Praktiken des Aufhörens und Abschließens in unterschiedlichen sozialen Feldern und Kontexten in den Blick rücken. Man denke z.B. an Canceln und Ghosting, die Schwierigkeiten des Rücktritts oder Beendens einer Karriere, eines eingefahrenen Konflikts oder lebensverlängernder medizinischer Behandlungen, an Abschiedsrituale, Abschlussformeln sowie Verfahren und Kulturtechniken des Aufhörens. Was bedeuten etwa in werktheoretischen Kontexten Zuschreibungen wie das ‚Alterswerk‘ oder ‚Spätwerk‘ – oder, wie aktuell im Falle Paul Austers, auch das ‚letzte Werk‘ (u.a. Wroe 2023) –, wenn sie vom Schreibenden selbst oder der Kritik so formuliert werden?
Auch in der akademischen Welt wird aufgehört: Das Format der Abschiedsvorlesung markiert eine Praxis des mitunter breit zelebrierten Aufhörens im gewohnten Rahmen akademischer Arbeit. Inwiefern lässt sich in der wissenschaftlichen Arbeit überhaupt aufhören, wie korreliert das Aufhören mit der Logik der Wissenschaften selbst, nach der kein Gegenstand auserforscht sein kann?
Über das Kulturwissenschaftliche Institut Essen (KWI):
Das Kulturwissenschaftliche Institut Essen (KWI) ist ein interdisziplinäres Forschungskolleg für Geistes- und Kulturwissenschaften in der Tradition internationaler Institutes for Advanced Study. Als interuniversitäres Kolleg der Ruhr-Universität Bochum, der Technischen Universität Dortmund und der Universität Duisburg-Essen arbeitet das Institut mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern seiner Trägerhochschulen und mit weiteren Partnern in NRW und im In- und Ausland zusammen. Innerhalb des Ruhrgebiets bietet das KWI einen Ort, an dem die Erträge ambitionierter kulturwissenschaftlicher Forschung auch mit Interessierten aus der Stadt und der Region geteilt und diskutiert werden. Derzeit stehen folgende Forschungsschwerpunkte im Mittelpunkt: Kulturwissenschaftliche Wissenschaftsforschung, Kultur- und Literatursoziologie, Wissenschaftskommunikation, Visual Literacy sowie ein „Lehr-Labor“. Fortgesetzt werden außerdem die Projekte im Forschungsbereich Kommunikationskultur sowie Einzelprojekte.
(www.kulturwissenschaften.de)
Weitere Informationen:
(https://www.kulturwissenschaften.de/veranstaltung/workshop-das-wars/) Der Workshop auf der KWI Webseite
Gesellschaft, Kulturwissenschaften, Kunst / Design, Medien- und Kommunikationswissenschaften, Sprache / Literatur
überregional