Mit Somatic Circuits präsentiert das Fraunhofer IZM ein Kunstwerk, das die Kommunikation biologischer Signale in ein körperliches und ästhetisches Erlebnis verwandelt. Im Zentrum stehen flexible Wearables, die die Künstlerin Marlot Meyer mithilfe von Entwicklungen der Forschungsgruppe „Technologien der Bioelektronik“ und dem Kurator Pierre Wolter (Galerie Art Claims Impulse) gestaltet hat. Sie verbinden Klang, Berührung und Körperwahrnehmung in einem multisensorischen Netzwerk. Das interaktive Kunstwerk, welches Wissenschaft
und Design verbindet, feiert ihre Premiere beim Festival der Zukunft in München vom 2. bis 4. Juli.
Berlin/Germany, 30. Juni 2026. – Was Menschen denken sieht man dann, wenn jemand kongruent ist. Seine innere Welt mit der äusseren übereinstimmend ist. Das Innere kommuniziert sich nach aussen. Wenn das was gesagt wird auch dem entspricht was man tut. Insofern ist gut erkennbar wie viele und wie stark im Alltagsleben vieles manipuliert und vertuscht wird. Ein Bewusstsein über die Lage der Organe erzählt genauso Geschichten über den Menschen wie das Gehirn. In welchen Bereichen eines Gehirns sich welche Aufgaben abspielen, sagt vieles über die Verhaltensmuster von Menschen aus. Ohne aber das wir davon wissen, geht es nur an der Oberfläche. Das wir als Menschen das können, oder besser beschrieben – könnten, das liegt einfach daran, das sich das Leben wie man es von den Jahresringen der Bäume kennt, wie Sedimente am Menschen ablegt. In einer bedrückenden Zeit frisst man etwas in sich rein oder empfindet keinerlei Hunger. Manche nehmen ab, andere zu. Gleiche und einseitige Belastungen zeigen sich irgendwann in irgendeiner Weise in der Einschränkung des Lebens, auch Spezialisierung äussert sich in dieser Form. Wessen Leber krank ist, das zeigt sich meist am Gelb verfärbten Gesicht, jemand der im Leben viel gebuckelt hat, wird wohl einen unterdrückten, gekrümmten Rücken vorweisen. Es wundert daher wenig das der Systemphilosoph G.F.W. Hegel (1770 – 1831) davon Sprach, trotzt aller Müh und Not, das Bewusstsein, das Selbstbewusstsein sei die einzige Möglichkeit der Unsterblichkeit. Nur wenn wir Selbstbewusst sind, überlebt man den „mentalen“ Tod. Das Leben geht auch dann weiter wenn mich ein Schicksal getroffen hat, auch im aufrechten Gang, sozusagen. Der Körper ist also gewachsen wie sich der Lebenswandel ergeben und gezeigt hat.
Jedes Wissen, das sich über Jahrhunderte, Jahrtausende ergeben hat, hat den Menschen für alle Menschen eröffnet, so wie wir bis heute in der Lage sind unsere Menschenkenntnis im Alltagsleben zu nutzen. Jede durchlebte Epoche wurde und ist Bestandteil des Menschen geworden und wird immer weiter vererbt und doch auch neu erlebt. Die anfängliche Scham verschwindet über die Jahre. Und auch jeder Neuankömmling durchlebt das Leben, baut diese Substanz – teilweise aus Vererbung, teilweise im Verlauf des Schicksals auf um das zu werden, was er wünscht, nicht beeinflussen konnte, Schicksalsbegegnung oder Vorbestimmtheit. Was auch immer man über die „Eigenarchitekturmöglichkeiten“ von denen viele immer wieder sprechen, so wie Menschen glauben, so ist es. Mit der Beschäftigung von Künstlicher Intelligenz und damit auch dem inneren des Menschen erreicht dieses Bewusstsein eine neue Dimension. Und weil der Mensch ein Kunstwerk ist, widmet sich dem die Künstlerin Marlot Meyer. Sie gibt damit künstlerisch Einblicke und schafft gleichermassen Zugang zu einer verborgenen Welt hinter einem Knochengeschützten Bereich des Bewusstseins.
Mit aufblasbaren, großen und bunten Skulpturen sucht die Künstlerin einen spielerischen Zugang zum Thema Gehirn, neuronale Netzwerke, menschlicher Kommunikation und körperlicher Erfahrbarkeit zu ebnen. Für Besucherinnen und Besucher stehen im Zentrum tragbare komplexe Ballons, die ein Neuron repräsentieren sollen. Nehmen Teilnehmende diese Skulpturen auf, werden sie selbst zu aktiven Elementen eines, wie aus dem nichts funktionierenden neuronalen Netzwerkes. Damit demonstriert sich die ganze Spontanität des Lebens. Denn genau so ist das Leben. Wir handeln mit Motiven, dennoch wirken wir wie unmittelbar, vielleicht auch unvorbereitet wirkend auf andere spontan oder geplant. Aber schon in all dem lebt und pulsiert das Gehirn, die Neuronen in seiner Entstehungsgeschichte der Momente. Ihre Atemfrequenz, Bewegungen und Schallsignale fließen unmittelbar in die Interaktion mit anderen Teilnehmenden ein.

Copyright: © Marlot Meyer
Technisch funktioniert die Interaktion zwischen den Teilnehmenden so: Die Atemfrequenz und -tiefe der Teilnehmenden wird in gerichteten Schall (Ultraschall) gewandelt, der bei einem „Gegenüber“ über ein Mikrophon empfangen und in elektrische Reize übersetzt wird. Über flexible Elektroden an den Händen werden diese Reize für das „Gegenüber“ spürbar – ein multisensorisches Kommunikationssystem entsteht, in dem Menschen nicht nur die Signale anderer wahrnehmen, sondern an bestimmten Körperstellen sogar deren Atemrhythmus empfinden können – jedoch nur dann, wenn der gerichtete Schall der anderen Person auf den eigenen Körper trifft.
Das visuelle Zentrum bildet eine mit Wasser gefüllte Skulptur, die das „zentrale Neuron“ der Installation darstellt. Die Audiosignale aller Teilnehmenden steuern einen Subwoofer, der auf der Wasseroberfläche stehende Wellen entstehen lässt, sodass die gemeinsame Aktivität des Netzwerks sichtbar wird.
Flexible Wearables machen Bioelektronik erlebbar
Möglich ist diese immersive Installationserfahrung durch flexible Wearables, die Forschende am Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration IZM entwickelt haben. Die Forschungsgruppe „Technologien der Bioelektronik“ arbeitet an flexiblen neuronalen Schnittstellen, die als Alternative oder Ergänzung zu pharmazeutischen Therapien des Nervensystems dienen können. Solche bioelektronischen Systeme kommen heute beispielsweise bereits in Hörimplantaten zum Einsatz, bei denen Schall in elektrische Signale umgewandelt wird, die dann direkt an das Nervensystem weitergegeben werden, um verlorene Sinnesfunktionen wiederherzustellen.

Copyright: © Marlot Meyer
Im Forschungsalltag entwickelt die Gruppe in diesem Zusammenhang sogenannte Cuff-Elektroden aus biokompatiblen Materialien wie Polyurethan, die direkt am Nerv eingesetzt werden. Die eingesetzten flexiblen Polymere passen sich besonders gut an biologisches Gewebe an und ermöglichen einen erhöhten Tragekomfort. Neben elektrischer Stimulation untersucht die Forschungsgruppe zusätzlich die Wirkung von Ultraschall zur Aktivierung des Nervensystems, wobei die hochfrequenten Ultraschallwellen gezielt Nervenzellen beeinflussen können.
Für das interdisziplinäre Projekt Somatic Circuits passen die Forschenden diese Technologien erstmals so an, dass sie nicht-invasiv auf der Haut funktionieren und machen so ihre wichtige, medizintechnische Forschung und deren Anwendung einem breiten Publikum zugänglich und unmittelbar erlebbar.
Neuronale Kommunikation als multisensorisches Erlebnis
Die Installation greift grundlegende Prinzipien der neuronalen Informationsübertragung auf: Im menschlichen Nervensystem erfolgt Kommunikation multimodal – also elektrisch über Aktionspotenziale und chemisch durch Neurotransmitter. Somatic Circuits überträgt dieses Prinzip in den Ausstellungsraum und kombiniert elektrische, akustische und ultraschallbasierte Signale zu einem gemeinsamen Erlebnisraum.
Ko-Kreation als Grundlage der Installation
„Die Verbindung zwischen Kunst und Wissenschaft ist oft durch unterschiedliche Arbeitsweisen geprägt, was bedeutet, dass ein harmonisches gegenseitiges Verständnis nicht immer von selbst entsteht. Umso wertvoller ist es, wenn beide Bereiche als Partner zusammenkommen, um neue Wege zu beschreiten.“, fasst die Medienkünstlerin Marlot Meyer zusammen.
Besonders am Projekt ist die enge Zusammenarbeit zwischen Forschenden, Künstlerin und Kurator. Workshops, gegenseitige Labor- und Atelierbesuche und gemeinsam durchgeführte Experimente bilden die Grundlage der Installation. Die Arbeitsweise spiegelt somit zeitgleich die zentralen Themen des Projekts – Kommunikation, Verbindung und kollektive Interaktion – wider. Diese enge Verzahnung ermöglicht eine Installation, die sowohl technologisch anspruchsvoll als auch ästhetisch und sinnlich zugänglich ist.
Ziel des Projekts ist es, Wissen über Bioelektronik zu vermitteln, Berührungsängste abzubauen und neue Perspektiven auf das Zusammenspiel von Körper, Technologie und Gesellschaft zu eröffnen. Die Installation richtet sich an eine kunst- und wissenschaftsaffine Öffentlichkeit ebenso wie an Vertreter:innen aus Industrie und Forschung. Mit Somatic Circuits schaffen das Fraunhofer IZM, die Künstlerin Marlot Meyer und die Galerie Art Claims Impulse einen wichtigen Beitrag in der Wissenschaftskommunikation, indem sie kreative Zugänge zur Bioelektronik schaffen und durch eine multisensorische, interaktive Erfahrung naturwissenschaftliche Forschung verständlich und erlebbar machen. Das Projekt wird gefördert durch das Fraunhofer Netzwerk „Wissenschaft, Kunst und Design (WKD)“.
Premiere beim Festival der Zukunft vom 02.07.-04.07.2026
Die erste öffentliche Präsentation von Prototypen des interaktiven Kunstwerks von Somatic Circuits findet beim Festival der Zukunft in München vom 02.07.-04.07.2026 statt. BesucherInnen sind eingeladen, Teil des neuronalen Netzwerkes zu werden und die Verbindung von Bewegung, Klang und Technologie selbst zu erleben.
Originalpublikation:
https://www.izm.fraunhofer.de/de/news_events/tech_news/somatic-circuits.html
Weitere Informationen:
https://www.art-de-sign.fraunhofer.de/de/programme/rahmenprojekt/archiv_rahmenpr… (Weitere Informationen zum Projekt)
https://www.art-design.fraunhofer.de/ (Weitere Informationen zum Fraunhofer Netzwerk „Wissenschaft, Kunst und Design (WKD))
https://somatic-circuits.com
Bildquelle
Brainstorming der Fraunhofer-Forschenden aus den Bereichen Bioelektronik, Ultraschall-Wearables und nachhaltigem Design mit Kurator Pierre Wolter und Künstlerin Marlot Meyer in ihrem Atelier in Den Haag. Quelle: © Marlot Meyer. Copyright: © Marlot Meyer
Erste Eindrücke von den Wearables. Quelle: © Marlot Meyer. Copyright: © Marlot Meyer
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